Worüber singen?

Wir Texter haben es nicht nur leicht. Beim Konzipieren einer völlig neuen Romangattung im Web 2.0 zum Beispiel. Beim Betexten von Müsliriegeln, Hydraulikpumpen und Anti-Spliss-Shampoo. Oder beim Verfassen von deutschem Liedgut. Und damit ein herzliches Willkommen im Januar 2009!

Diesmal gilt es, einen singenden, schauspielernden Mittdreißiger a) als Endzwanziger zu verkommunizieren und b) mit authentischem deutschsprachigen Songmaterial zu versorgen. Das Konzept steht, erste Songs sind auch schon produziert, nur fehlen noch zwei fluffige Singles (Lieder, nicht Mädchen). Briefing gibt’s keins. Klar und einfach wie Rosenstolz soll es sein, emotional wie Ich & Ich, intelligent wie Grönemeyer und bodenständig wie Wolfgang Niedecken. Die üblichen (genialen, oft kopierten, nie erreichten) Verdächtigen. Können Sie das, Frau Elfman?

Klar kann ich, sage ich. Obwohl ich weiß, dass ich das in ein paar Stunden vorübergehend bereuen werde. Aber Neinsagen wäre Unsinn. Ich kenne mich und weiß, dass ich nach dem üblichen Halbzeit-„son Kack, mir fällt nix ein“-Tiefpunkt tadelloses Material abliefern werde. Ein bisschen Versagensangst gehört zum Spiel. Ein bisschen rumheulen auch. Also fange ich an. Der Anfang ist leicht. Strukturdefinition. Ich höre mir die restlichen Songs des Sängers an und finde heraus, in welchen Lagen der Gute zuhause ist. Schreibe mir auf, welche Wendungen bei ihm super klingen, und bei welchen er baden geht. Schnappe mir meine Lieblingsgitarre, probiere, verwerfe. (Randnotiz: Bei Auftragsarbeiten IMMER mit dem Chorus anfangen! Sonst passiert das, was mir bei meiner eigenen Musik oft genug passiert: Die Songs werden wunderschöne 16minüter, aber selten radiotaugliche Singles:-)

Nach dem ersten „Taugt-alles-nix“-Flash, einer Peperonipizza und einem Halbliterglas Spezi mit Eiswürfeln und Orangenscheiben setze mich ans Keyboard, probiere neu, habe schließlich einen geschmeidigen Chorus und suche mir ein Harmoniegerüst für die Strophen zusammen. Die Bridge entsteht dabei von allein. Der Text leider nicht. Weil alles irgendwie nach ZDF-Hitparade circa 1982 klingt. Es ist aber auch schwer. Vom Liebeslied über Absturzprotokolle bis hin zu krausen Gedanken über das Sein wurde jedes Thema irgendwann schon mal von irgendwem besungen. Also, worüber schreiben?

Die Wahrheit, denke ich und fühle, dass sich eine Tür öffnet. Was in der Werbung gilt, kann beim Songwriting ja nicht falsch sein. Und was ist die Wahrheit? Ich spüre der Frage nach und stelle fest, dass es darauf zwar unendlich viele Antworten, aber einen großen gemeinsame Nenner gibt. Nämlich, dass jeder Mensch, egal wie er sich in der Öffentlichkeit präsentiert, immer das Abbild seiner inneren Kämpfe, seiner emotionalen Zerrissenheit darstellt. Ganz ehrlich: Glauben wir einem Künstler, der ohne jeden erkennbaren persönlichen Bezug vom Weltschmerz, vom Kampf der Religionen oder über den sterbenden Regenwald singt? Das ist ungefähr so plausibel, wie eine Castingmieze über die Wechseljahre singen zu lassen.

Es müssen nicht immer die großen abstrakten Klopfer sein. Armut ist abstrakt. Eine schwangere 16jährige, die von ihrer Familie aus finanziellen Gründen zur Abtreibung gezwungen werden soll und daraufhin wegläuft, ist persönlich. Medienkritik ist abstrakt. Fernsehboykott und das Unverständnis überzeugter Fernsehfreunde sind persönlich. Liebe ist abstrakt. Der lebensverändernde Moment, in dem man mit absoluter Sicherheit weiß, dass die Verbindung mit einem bestimmten Menschen das höchste Lebensglück bedeutet, ist persönlich. Weltschmerz ist abstrakt. Der Suizidversuch eines Freundes und die daraus resultierenden Fragen sind persönlich, therefore „echt“. Meistens ist es ein einzelner, schlichter, kraftvoller Satz, an dem sich die Geschichte dann wie von selbst entspinnt. Und wenn genau dieser eine Satz dann noch den Chorus bildet, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Der Rest des Weges ist einfach nur schön und macht unglaublich viel Spaß. (Ja, ich habe termingerecht abgeliefert:-)

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