»The Garden«: Schönheit in drei Akkorden

Über Songs mit sparsam dosierten Harmoniewechseln gibt es ja viele Kalauer. So werden z.B. Gitarrenschüler nach der ersten Stunde darauf hingewiesen, dass sie nun bereits das komplette Repertoire der Schrammelrocker Status Quo nachspielen könnten. Dabei dürfen drei-Akkorde-Songs auch sehr viel anmutiger und graziler daherkommen.

Neulich Küchenradio gehört und gestaunt. Neuvorstellung ohne Anmoderation. Eine brandaktuelle Drei-Akkorde-Ballade vom Feinsten schallt mir entgegen. Für eine Mainstream-Produktion ungewohnt feinfühlig arrangiert, meisterhaft mit zartem Klavier und opulenten Streichern interpretiert (abgesehen von den Drums, die klingen, pardon, so richtig plastikbillig, weiß der Himmel, warum das jemand abgenickt hat.)

Anyway, die Nummer ist schön. Ich stelle meine Lauscher auf Empfang. Die von unzähligen Komponisten immer wieder zitierte D-G-A-Harmonieführung in Chorus und Strophe mit jeweils gänzlich unterschiedlicher Melodieführung obendrauf besticht hier durch ihre Einfachheit.

Bis auf einen romantischen Ausflug nach B-Moll im C-Teil spielt sich der Song in diesen drei Dur-Akkorden D-G-A bzw. Asus4 ab. Er enthält die typischen Wendungen aus der Blütezeit großer Rockballaden Mitte der 80er Jahre. Auch der Textduktus gehört ganz klar in die 80er. Und die Gesangsmelodie im Chorus ist schlichtweg genial. Beginnend mit Fis, braucht sie grade mal sechs Töne, um Gänsehaut zu erzeugen. Schöööön….. Doch… öhm, Moment…. wer singt denn da eigentlich?! Und warum?

Nachdem ich den Vocals eine Weile gelauscht habe, werden mir drei Dinge klar. Erstens: Die Sänger sind ausdrucksstark, aber hoffnungslos überfordert. Zweitens: Die ausdrucksstarken überforderten Sänger heißen Take That, und drittens: Sie sind überfordert, weil diese schöne Ballade nur einfach klingt, ohne es tatsächlich zu sein. Sie ist im Gegentum sehr raffiniert geschrieben.

Um die Gesangsmelodie sauber darstellen zu können, ist ein Stimmumfang von mindestens 13 Tönen bzw. einer None erforderlich. Sprünge in ein anderes Register nicht eingeschlossen. Der höchste Ton im Chorus ist ein H, der tiefste ein A. Und ohne dem Take That Quartett zu nahe treten zu wollen, aber im Chorus jedes Mal die Worte »life« und »mind« auf dem H so absaufen zu lassen, tut beim Hören ein klein wenig weh.

Zugegeben, es ist hoch. Für Jungs sowieso. Aber dieser Song hätte es verdient, schöner gesungen zu werden. Die ganze Nummer nach C-Dur runter zu transponieren wäre keine Lösung, das klänge dröge, außerdem bekämen dann die Streicher Probleme. Also hilft nur Üben. Jeder Sänger, der schon mal erkältet auf der Bühne stand, kennt seine persönlichen Registerwechsel-Tricks, mit denen er Töne außerhalb seines Stimmumfangs sauber rüberbringen kann. Nicht episch-künstlich-riesengroß, aber wenigstens »life« und »mind« eine Viertelnote sauber gehalten. Noch dazu, wenn das H so lecker vorgezogen wird, auf einem offenen Vocal sitzt und danach jeweils eine saftig betonte Eins ohne Vocals kommt. Menno. Zwei so wichtige Wörter! Ob dieser Song eventuell ursprünglich für einen anderen Interpreten gedacht war? Man weiß es nicht.

Um mich zu wiederholen: ein wunderschönes Lied. Erfreulich elegantes Songwriting. Viel Respekt und ernstgemeintes Dankeschön dafür nach England!

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