Die schönste Nebensache der Welt

Hmmm, wie beginne ich diesen Text? Wenn ich wahrheitsgemäß sage »zur Zeit hab ich nur Sex im Kopf«, schreit das ja danach, falsch verstanden zu werden. Also formulieren wir es ganz nüchtern: Meine drei jüngsten Buchveröffentlichungen sind zur Abwechslung weder Sci-Fi noch Belletristik, sondern Erotikromane. Und zwar keine Heftchen, sondern »richtige« Bücher, herausgebracht von einem »richtigen« Verlag. Nachschub ist bereits in Arbeit.

Meine ersten Gehversuche in diesem Genre endeten 1997 nach zwei veröffentlichten Kurzgeschichten, weil ich in Deutschland keinen seriösen Buchverlag fand, der sich traute, den, räusper, Eiertanz auf der Grenze zwischen Erotik und zensurrelevanter Pornografie zu riskieren. Und für die einschlägigen Billigreihen waren mir meine Geschichten zu schade. Inzwischen hat sich die Szene grundlegend verändert, den langweiligen, in ihrer Vulgarität aber marktöffnenden »Feuchtgebieten« sei Dank. Immer mehr Buchverlage führen Soft- und Hardcore im Programm und klopfen sich den Staub der Schmuddelecke aus dem Schutzumschlag. So konnte ich das Thema nun wieder aus der Schublade holen, fand Ende 2009 den passenden Verlag und schreibe seitdem fröhlich über die schönste Nebensache der Welt. Der einzige Haken dabei (Kalauer beabsichtigt) ist die Schwierigkeit, diese Bücher in meine Referenzliste aufzunehmen. Warum?

In vielen Leserköpfen klemmt ein Vorurteil. Demzufolge sitzen zwar Krimiautoren keineswegs in U-Haft, weil sie seitenlang über Mord und Totschlag fabulieren, Pornoschreiber jedoch sind grundsätzlich amoralische, zügellose Nimmersatte, die sich jedes Komma ihrer Geschichten in verschiedene Körperöffnungen einführen, bevor es gedruckt wird. Die diversen Debütantinnen, die sich bzw. ihre sekundären Geschlechtsmerkmale derzeit bei gewissen Mainstream-Verlagen mit handwerklich saumäßig getexteten Geschichtchen à la »das hab ich alles selbst erlebt, kicherkicher« präsentieren, sorgen dafür, dass dieses Vorurteil nicht ausstirbt. Nicht zuletzt deshalb erscheinen meine Bücher (noch) unter Pseudonym.

Um gute Pornoliteratur zu verfassen und auf dem schmalen Grat zwischen banaler Obszönität und lustvollem Erzählen zu balancieren, benötigt man Sprachgefühl, Phantasie, Menschenkenntnis und eine sehr stilsichere Schreibe. Es geht darum, glaubwürdige Figuren und Dialoge zu erschaffe, Handlungsstränge zu verknüpfen und den Leser daran teilhaben zu lassen. Selbstverständlich lässt man sich niemals dazu hinreißen, auch nur ein einziges autobiografisches Detail einzuflechten. Oder gar zu behaupten, es handle sich um Selbsterlebtes *grusel*

Ja, natürlich kann ich mir vorstellen, mich irgendwann einmal zu outen, wenn der antifeministische Schmuddel-Hype vorbei ist. Vielleicht nach Roman Nr. 7, schaumermal.


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