Fernsehfrei

Dieser Tage jährt sich das Steckerziehen zum dritten Mal. Drei Jahre ohne TV. Die Droge ließ sich ersatzlos und ohne Entzugserscheinungen absetzen. Vorläufige Bilanz: Aaaah, schön. Meine Synapsen erholen sich vom Schwachfug, den ich jahrelang in meine Wahrnehmung sickern ließ. Positive Nebenwirkungen: geschärfte Wahrnehmung, effizienteres Arbeitsverhalten, besserer Schlaf, erheblich gesteigerte Kreativität, erhöhte Konzentration.

So ähnlich stelle ich mir das Gefühl vor, aus einer Hypnose aufzuwachen. Ungläubiges Blinzeln, benommenes Kopfschütteln und die Erkenntnis, lange Zeit in einer Art Dämmerschlaf verbracht zu haben. Plötzlich ist die Welt viel präsenter in Bild und Ton, der Verstand aufnahmefähig, sind die Sinne entkleistert, klar und wach. Merkwürdige Sache das. Hätte ich es nicht erlebt, würde ich es nicht glauben. Okay, ich bin vorbelastet. Anfang der Neunziger, als Privatfernsehen neu und statt Internet noch BTX in Blau und Gelb auf den Monitoren flimmerte, habe ich mir mit Fernsehmachen meine Miete erschrieben. Beiträge drehen, ab ins Kabel. Montagfrüh bis Sonntagnacht, und ich tat es gern. Hundertfach. War ich doch damals der Meinung, etwas Sinnstiftendes zu tun. Nun ja. Leben und lernen.

Eine »störende« Nebenwirkung bringt das fernsehfreie Leben allerdings mit sich: eine zunehmende Inkompatibilität mit Fernsehmenschen. Damit meine ich nicht Moderatoren, Kameraleute und Redakteure, sondern Menschen, bei denen der digitale Lobotomisierer als zitierfähiges Familienmitglied mit unbegrenzter Redezeit gilt. Menschen, die allen Ernstes über etwas reden, das jemand im Fernsehen gesagt oder getan hat und dabei jemanden erwähnt, der etwas über das sagte, was jemand anders gesagt oder getan hat. Hm. Verstehe ich nicht. Warum sollte mich das interessieren? Warum reden wir nicht über Dinge, die wirklich passieren? Wo wir doch schon mal zusammensitzen? Was WIR denken, fühlen, meinen, möchten und wollen?

Auch stelle ich fest, dass es mir zuwider ist, einer Unterhaltung in geselliger Runde zu folgen, während die Glubsche im Hintergrund plärrt. Das macht mich fusselig. Entweder zwischenmenschliche Kommunikation oder Glotze an. Und überhaupt, was quillt da eigentlich für ein Signal ins Wohnzimmer? Übersättigtes Bild, und der Ton … heiliges Flimmerhärchen, der ist so hart komprimiert, dass ich vor lauter Pumpen den Wortlaut nicht mehr verstehe. Vom Programminhalt ganz zu schweigen. Schöne bunte Schatten. Platos Höhlengleichnis in praktischer Anwendung, und keiner merkt’s. Muss ja auch nicht. Leben und leben lassen. Aber ich spiele in der Sonne.

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3 Kommentare zu „Fernsehfrei

Gib deinen ab

  1. Hallo! Sehr schöner Artikel, der uns sehr aus dem Herzen spricht. Ich habe einen ähnlichen unter http://www.farasan.de/2011/05/leben-ohne-fernsehen/ veröffentlicht. Ich möchte gerne auf unserer Seite http://www.farasan.de (ebenfalls wordpress) eineb Bereich einrichten, in dem es nur um Texte zum fernsehfreien Leben geht. Dürfte ich Deinen Text, natürlich mit Verweisen, dort zitieren?
    Und noch eine Frage: ich ärgere mich gerade über die Neuordnung der GEZ 2013, wenn jeder Haushalt mit oder ohne TV zahlen muss. Wie denkst Du über diese Zwangsabgabe? Ich unterstütze ja gerne kulturelle Projekte, frage mich aber, warum ich für etwas bezahlen soll, das ich nicht nutze. Wir haben dazu einige Parteien befragt (siehe ebenfalls farasan.de), aber wir Nichtgucker sind wohl keine Gruppierung, die man berücksichtigt hat.
    Tschö
    Arnold aus Telgte

  2. Zitieren mit Verweisen, gerne.

    Wegen der »Zwangsabgabe«: Geärgert habe ich mich im Herbst 2007 direkt nach dem Kündigen des Anschlusses, als ich im Irrglauben an strukturelle Logik dachte, wer kein TV konsumiere, der müsse auch keins bezahlen. Falsch gedacht. Wir müssen zahlen, unverändert. Allein aus dem Vorhandensein des Computers, auf dem ich in diesem Moment tippe, leitet sich die vollumfängliche Zahlungsverpflichtung ab. Obwohl seit nunmehr vier Jahren kein Fernsehen per Kabel oder Antenne in diesem Haushalt konsumiert wurde und nachweislich gar kein Empfang möglich ist. Und wieder was gelernt – über den Unterschied zwischen struktureller Logik und strukturellem Narzissmus;-)

    Schöne Grüße nach Telgte!

  3. Ich habe im Oktober 2010 diesen Giftstachel aus meinem limbischen System gezogen als mir eines Tages einfiel, das Injektionsgerät einfach auszulassen. Später verkaufte ich es… verstaubt, aber nahezu neuwertig und nun bin ich ebenfalls fast 2 Jahre fernsehfrei. Es dauert tatsächlich anscheinend ca. 2 Jahre, um die positiven Auswirkungen richtig bewusst wahrzunehmen. Die gewonnene Zeit konnte ich ebenfalls in produktive Arbeitszeit transformieren. Wenn ich heute durch Zufall mit Fernsehen konfrontiert werde, schalte ich vor Schmerz ab. Knallhart! Unterhaltung? Das kann ich besser.

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