Wie man sich verliert

Als ich 12 Jahre alt war, habe ich »Das schwarze Loch« in West-Berlin im Kino gesehen, rund 650 Kilometer fern der süddeutschen Heimat. Es handelt sich um phantastische Science Fiction, die heute als Kultfilm gilt, damals aber im Star-Wars-Fahrwasser unterging.

Für mich ein eindrucksvolles Erlebnis. Einmal der Inszenierung wegen, auch wegen der großartigen Musik von John Barry, deren Leitmotive mich heute noch ab und zu als Ohrwürmer anspringen, aber ganz besonders wegen Maximilian Schell. Er spielte die Figur Dr. Hans Reinhardt, und das mit der ihm eigenen, überwältigenden Präsenz. Die Figur barg laut Drehbuch Facetten, die kontraststärker nicht sein könnten: Genie, Wahnsinn, Neugier, Unsicherheit, Allmachtsphantasie und gleichzeitig die größte Einsamkeit, die ein Mensch empfinden kann. Einsamkeit. Ja. Und schon sind wir im Heute.

Heute lese ich ein Interview im SZ-Magazin der Süddeutschen (Ausgabe 40/2010) mit dem inzwischen 80jährigen Ausnahme-Schauspieler. Maximilian Schell erzählt aus seinem Leben. An einem Satz bleibe ich hängen und brauche Kleenex. Schell berichtet von seinem Patenkind Angelina Jolie, und wie die Verbindung zu ihr trotz seiner wiederholten Kontaktversuche abriss. Er sagt: »Vielleicht schreibe ich ihr bald einen Brief. Es wäre ein trauriger Brief. Er würde davon erzählen, wie man sich verliert auf dieser Welt.«

Dieser Satz hat mich tief berührt. Weil er so verdammt wahr ist. Zwischen all den buntschillernden Anekdoten über alte Zeiten, Begegnungen, Filme, Familie, Zufälle und Wendungen blitzt er mit der Schlichtheit eines Tautropfens im Morgenlicht hervor. Wie man sich verliert auf dieser Welt. Wie verliert man sich? Kann man sich überhaupt verlieren?

Früher hätte ich das im Brustton der Überzeugung verneint. Wahrhaftige Verbindungen verlieren sich nicht, sie halten ewig. Und Elvis lebt. Manchmal ist es einfach zu Ende. Ich rede nicht von Paar-Beziehungen. Ich rede von langjährigen vertrauensvollen Freundschaften, die tiefer gehen als manche Ehen oder Blutsverwandtschaften, auf Gegenseitigkeit beruhen und sich anfühlen, als ob sie 200 Jahre überdauern.

Wie verliert man sich? Desinteresse? Konfliktunfähigkeit? Gleichgültigkeit? Angst davor, erkannt zu werden? Bindungsängste? Angst vor dem Verlassenwerden? Lieber selbst auf Distanz gehen, bevor die Option hypothetisch am Horizont erscheint? Verstecken hinter einer Alibi-Unerreichbarkeit? Warum ist das Gefühl von »sich verlieren« so einseitig, wenn es doch zwei Menschen betrifft? War am Ende das Empfinden von Freundschaft, Liebe und Nähe nur einseitig? Gab es überhaupt eine Verbindung? Wie verliert man sich?

Ich glaube, das schwarze Loch der Einsamkeit ernährt sich von der Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen davon ausgehen, dass es gar nichts zu verlieren gäbe. Ganz so, als ob sie einen unbegrenzten Vorrat an Vertrauenspartnern, Verbündeten und »Lebensfreunden« zu besitzen glauben. Vielleicht fällt es ihnen leichter, immer wieder neue Kennenlern-Ouvertüren zu feiern, statt eine bestehende Beziehung in den zweiten, dritten und vierten Akt hinein aufblühen und reifen zu lassen? Weil ich das zunächst nicht glauben konnte, habe ich auch einmal so einen »traurigen Brief« geschrieben. Und nie eine Antwort erhalten. Was zwar noch mehr schmerzt als der Kontaktabbruch, aber immerhin eine offene Frage beantwortet.

Ja, verehrter Herr Schell: Schreiben Sie den Brief!

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2 Kommentare zu „Wie man sich verliert

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  1. Ja, Kathrin, so ist das mit vertrauten und liebgewordenen Verbindungen und mit Briefen auf die es keine Antwort gibt, die einen im Dunkeln lassen und weh tun. Ich glaube auch, dass viele Menschen Freundschaft nicht mehr als etwas besonderes, als ein Geschenk empfinden und deshalb ohne wenn und aber einfach das Licht ausknipsen…es ist ihnen noch nicht mal eine Erklärung wert. Dann kann ich davon ausgehen, dass das nie eine wahre Freundschaft gewesen ist. Sei lieb gegrüsst, ich werde hier nun öfters zum Lesen kommen!!! Vielen Dank für Deine Blogs!!!! Liebe Umknuffung!!!! Conny

    1. Danke liebe Conny, und: Willkommen! Schön, dass Du da bist! Ja, manchmal kann die Erkenntnis der Einseitigkeit im Nachhinein eine so tiefe Traurigkeit auslösen, dass sie das vergangene Schöne in den Hintergrund rücken lässt oder gar als Illusion enttarnt. Ent-Täuschung…. das Ende einer Täuschung.

      Wobei es glücklicherweise auch das Echte, Wahrhaftige gibt: Menschen, mit denen Herzenswärme und Nähe auf Gegenseitigkeit gelebt werden können:-))))

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