Zen ist keine Räucherstäbchensorte

Samstagnachmittag. Synchronizität. Ein islamischer Wanderprediger fällt in Wiesbaden ein, schart Hundertschaften in den Reisingeranlagen um sich und fordert zur Gewalt gegen Christen und Juden auf. Grusel. Noch am selben Tag lerne ich neues aus erster Hand über die faschistoiden Strukturen einer pseudochristlichen Glaubensgemeinschaft, finde im Briefkasten ein Flugblatt der Zeugen Jehovas und werde in der Fußgängerzone von einem Scientology-Mitarbeiter angelabert. Hmpf. Nicht schön, aber Teil des Menschseins.

Leider findet man den pseudo-spirituellen Extremismus auch da, wo man ihn wortgewaltig von der Hand weist und auf Erleuchtung macht. Zum Beispiel in diesem sentimentalen eso-emo-christlichen-Buddhismus light, der grade en vogue ist. Nicht als Religion, sondern als Lifestyle mit Alleingültigkeitsanspruch. Das »ich bin soooo tief und du nicht«-Gelaber scheint Pflichtprogramm bei Möchtegern-Dichterinnen, Küchentisch-Psychologen und arbeitslosen Labertaschen zu sein. Im realen Leben so omnipräsent wie in Souschl Kommjunities. Was mir egal sein könnte, würde man bzw. frau nicht immer wieder versuchen, mich in diesen Schwurbel einzubeziehen. (Schnitt. Schwarzblende. Off:)

Ich schau in deine toten Augen
dein leeres Gesicht
höre deine Second Hand Gedanken
sehe dein Betteln um Versklavung
deine Weigerung, frei zu SEIN
sehe dein Flehen um Führung
deine Forderung an mich
dich zu führen
Antworten zu liefern
deine Angst zu lindern
zu faul zum Selberdenken
zu feige zum Suchen
zu selbstgefällig
um Antworten zu empfangen
zu spüren
ihre Bedeutung auszuhalten
Ich sehe deine toten Augen
spüre deine Ignoranz
deine Angst
deinen Missbrauch meines Seins
deine Missachtung meiner Selbst
mit welchem Recht?
Ich lasse mich nicht benutzen
finde dich zum Kotzen
widerstehe der Versuchung
und gehe

(Schnitt)

Das Geplärre nach Versklavung wird minütlich lauter, man versteht die eigene Intuition kaum noch. Ich würde gerne sagen: »Haltet bitte fünf Minuten lang die Schnauze und hört in euch hinein. Benutzt eure WAHRnehmung, statt sie mit angelesenem Schmus zu verstopfen und andere Menschen als Ersatzguru oder mentales Antidoton zu missbrauchen! Blindfische, ihr sucht an der falschen Stelle!« Aber so etwas sagt man nicht. Also halte ich meinerseits die Schnauze und finde lieber heraus, warum mich das Geschwafel so unangenehm berührt. Warum?

Ich empfinde Demut vor der Schöpfung, vor dem Sein. Das, was wir meinen, wenn wir »ich« sagen, ist Teil dieses Seins. Ein Welterklärungsmodell, das aus populistischen Schmarrnbüchern abgelesen und passgenau über jedes unterwerfungswillige »Ich« gestülpt werden kann, taugt also bestenfalls als kosmische Faschingsveranstaltung. Alternative: 500.000 Teilnehmer beim Mainzer Rosenmontagsumzug, über 3 Millionen TV-Zuschauer. Ist nahrhafter, mit genug Alkohol auch nett spirituell, und gegen Harmageddon hilft Aspirin.

Gott ist nicht irgendwo da draußen, er versteckt sich nicht in Büchern und lässt sich nicht in Quasi-Diskussionen herbeisülzen. Gott IST. Oder eben nicht. Dieses Wissen ist kein konsumierbares Produkt. Es lässt sich nicht von *würg* einem »Führer« in vollidiotenkompatible Portiönchen übersetzen, deren Nachplappern die Erleuchtung brächte. Heller wird’s beim Blick nach innen; genau dort hin, wo es wehtut. And now for something completely different.

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