Flaschenbegeistert

Heute fand ich eine antike Glasflasche am Rheinstrand. Wunderschön, dunkelblau, über und über facettiert und mit einem schweren Glaskorken verschlossen. Ich öffnete sie – und heraus huschte ein Geist. Er räkelte und streckte sich im hessischen Novemberwind, sah sich um und staunte über Verbrennungsmotoren, schnurlose Telefone und die Notwendigkeit der Kleidergröße XXL. Dann erklärte er, ich hätte nun drei Wüsche frei. Hui!

Die ersten beiden waren einfach, dachte ich doch seit Jahren insgeheim über eine solche Möglichkeit nach und war bestens vorbereitet. Beim dritten zögerte ich. Der Geist wurde ungeduldig. Er habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ob ich noch nie etwas von Aladins Wunderlampe gehört hätte, darin herrsche seit Jahrtausenden Personalmangel. Wieder was gelernt. Jedenfalls, der dritte Wunsch. Ich gab mir einen Ruck und sagte ihm, dass ich gerne die Entfernung zu meiner Lieblingsstadt Los Angeles verkleinern würde. Ob man nicht eine schicke Brücke nach Kalifornien bauen könne?

Der Geist rollte mit den Augen und zählte auf, wie kompliziert das sei. Kosten, Statik, Verschiebung der Kontinentalplatten. Und erst das Theater mit den Baugenehmigungen. Ich solle mir lieber als dritten Wunsch etwas anderes aussuchen. Es rumorte ein wenig im Bauch und in der Herzgegend.

»Okay, lieber Geist. Dann wünsche ich mir, Verlegern zu begegnen, die noch wissen, was gute Plots sind, handwerklich gut gemachte Bücher verlegen, sich nicht ans unterirdische Pop-Geschreibsel anpassen, das derzeit aus den deutschsprachigen Bestsellerlisten quillt, und …«

Mir war klar, dass ich den armen Flaschenbewohner mit jedem Wort mehr und mehr in Bedrängnis bringen würde, aber ich sagte es trotzdem. Er wollte es so. Wunsch ist Wunsch.

»… und die keine Angst vor dem haben, was hier grade passiert. Du weißt, was ich meine, ja?«

Der Geist starrte mich an. Oh ja, natürlich wusste er es. Ganz genau sogar. Er raufte sich die unsichtbaren Haare, seufzte kellertief und verfiel ins Grübeln. Die Aushilfstätigkeit in Aladins Wunderlampe schien vergessen. Ein Kormoran kam glucksend an die Wasseroberfläche, schluckte den frisch gefangenen Fisch, sah uns kopfschüttelnd an und tauchte wieder ab. Nach einer Weile seufzte der Geist abermals.

»Möchtest du die Brücke nach Kalifornien in Glitzergrün oder lieber in Pink?«

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