Zaubermausi und Engelchen

Ja, ich bin ein Teilzeitlurch. Ich lese recherchehalber in diversen Foren und Communitys, ohne dort selbst Beiträge zu verfassen. Beispiel Frauenforum, eines von vielen.

Dort schreibt »Zaubermausi« über ihre aktuelle Lebenssituation: Studierte Architektin in Teilzeitanstellung, verheiratet, drei Kinder im Teenageralter, lernt aktuell die chinesische Sprache in einem Intensivkurs und lebt eine Affaire mit einem verheirateten Mann. Zaubermausi will die Sache offiziell machen. Sprich, ihrem Gatten reinen Wein einschenken und das Modell offene Ehe diskutieren. Was der Geliebte mit panischem »Nein« quittiert, denn seine Gattin wiederum soll nichts von der Dreiecksgeschichte erfahren. Die Story zieht sich über mehr als tausend Postings und ist ein Dorado für Soziologen, Sprachforscher und Hobbypsychologen. Wobei mich die Geschichte selbst weniger fasziniert als die Tatsache, dass eine gestandene Frau, die einen anspruchsvollen Beruf, Muttersein, Weiterbildung und progressives Liebesleben wuppt, für sich eine Verniedlichung wie Zaubermausi als passend empfindet. Möchte sie eventuell gar nicht als gestandene Frau, sondern als süßes kleines Mädchen betrachtet werden? Oder ist der Name nur Tarnung, damit niemand auf die wahre Persönlichkeit dahinter schließen kann? Das wiederum fände ich gar nicht mal so unklug …

Zaubermausi ist nicht allein. In ihrem Fred tummeln sich Damen, die sich »Engelchen«, »Steffilein«, »Häsle«, »Schnuckelchen«, »Bambilein«, »süße Fee« oder »Knuddelmaus« nennen. Den Profilen nach handelt es sich hierbei nicht um Stofftiere, sondern um Frauen der Altersklasse Ü40. Okay, nichts gegen liebevolle Spitznamen. Die bekommt man manchmal verpasst und wird sie nie mehr los. Aber warum taufen sich Frauen selbst so?

Würde ein Vorgesetzter eine Mitarbeiterin öffentlich mit Puschelchen, Häsle oder Zaubermausi betiteln, hätte er einen Rüffel wegen sexueller Belästigung am Hals. Nomen est omen. Was steckt also hinter der Namenswahl? Sehnsucht nach Beschütztwerden, ein verschlüsseltes »hab mich lieb«-Signal? Welche Assoziationen produzieren solche Namen? Süß, harmlos, anschmiegsam? Würde ich als Bauträger einer Zaubermausi spontan die Planung eines Wohngebäudes anvertrauen? Und wer hätte gedacht, dass das liebe Saralinchen im wahren Leben eine eisenharte Volljuristin ist? Ob ich mit dem Nickname »süßes Elfileinchen« glaubhaft rüberbringe, dass ich eine Albumproduktion stemmen oder ein professionelles White Paper verfassen kann?

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