Es kam, wie es kommen musste

von Kathrin Elfman

»Es kam, wie es kommen musste.« Sprach’s, begann zu glimmen wie ein Glühwürmchen im Juni und erzählte mir von ihrer leidenschaftlichen Liebesnacht mit einem sehr attraktiven, sehr verheirateten Mann. Sie, das ist meine Freundin Benni. Ebenfalls verheiratet, heißt eigentlich Maria Benediktine. Statt ihre Eltern aufgrund der erzkatholischen Namenswahl auf seelische Grausamkeit zu verklagen, nimmt sie’s mit Humor und nennt sich seit unserer gemeinsamen Kindergartenzeit Benni.

Jedenfalls, Benni versucht, mir ihren Seitensprung irgendwie plausibel zu verkommunizieren und bricht sich auf der Suche nach Worten einen ab. Was gar nicht notwendig wäre. Hallo? Ich bin Ü40 und wedle garantiert nicht mit der Moralkeule, wenn Menschen sich menschlich verhalten, weil sie einen Puls und Bedürfnisse haben. Da müsste ich mir ja selber als Erstes eins überbraten. Nein, mich macht etwas anderes stutzig.

Wieso formuliert Benni das ausgerechnet so? Wieso kam es, »wie es kommen musste«? Warum nicht »wir waren scharf aufeinander und haben die Kondompackung leergevögelt?«, was den Schilderungen nach zu urteilen der Wahrheit deutlich näher käme?

Ja, manche Sachen passieren tatsächlich, ohne dass man sie verhindern kann. Sich blitzartig zu verlieben zum Beispiel. Dagegen ist frau machtlos. Zum Glück! Ist ja auch wahnsinnig schön. Es macht wuuuuusch, und jede einzelne Zelle sprüht vor Glück. Herrlich das, und es nutzt sich nicht ab. Verlieben kann ich mich immer wieder, unbegrenzt oft, jederzeit, ohne dabei ein Treueversprechen zu brechen. In ein Stück Kuchen, in ein Paar Schuhe, eine Pfanne knackfrischen Blattspinat, einen Filmstar, ein Keyboardsolo, eine Romanfigur. Aber der Sprung in anderer Leute Laken ist keineswegs eine höhere Schicksalsmacht, die über einen kommt wie Fußpilz im Freibad, sondern eine aktive, selbstverantwortliche Entscheidung. Da kommt nichts, »wie es kommen musste«, sondern wie die beiden Protagonisten es wollen. WOLLEN, nicht müssen!

Genauso absurd: »Dann kam es zum ersten Kuss«. Äh, wie meinen? Zwei Menschen verspürten den Drang, sich zu küssen. Super Sache das, und ein Tunwort. Niemand klebte ihnen gegen ihren Willen die Lippen zusammen. Wieso »kam es zum Kuss«? Das heißt »wir haben uns geküsst!« Genauso wie es heißt »ich habe etwas gegessen« statt »es kam zur Nahrungsmittelaufnahme.« Oder wird aus »ich atme« in Zukunft »es kommt zur Umwandlung von Sauerstoff in CO2 in leistungsabhängig variablen Anteilen«? Heißt es künftig nicht mehr »ich ging«, sondern »es kam zur Ortsveränderung«? Warum die Bankrotterklärung mittels verbaler Flucht ins Passive?

Außer einer klar erkennbaren Distanz zum eigenen Handeln kann ich hierfür keinen Grund finden. Hm. Gibt es diese Distanz? Wenn ja, dann sollten wir vorsichtig sein und genau hinhören, wenn wir uns mit anderen unterhalten. Oder uns fragen, warum jemand, der eigentlich ein feinfühliger, integrer und authentischer Mensch ist, auf einmal auf Distanz zu sich selbst geht …

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5 Kommentare zu „Es kam, wie es kommen musste

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  1. An ihrer Sprache soll ihr sie erkennen 🙂 Danke für den Text…
    Es scheint nach wie vor nicht selbstverständlich zu sein, die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen.“ES“ ist da Favorit als TÄTER. Wer oder was aber ist in den Zusammenhang „ES“? Freudian Slips?

    1. DANKE, liebe Ulla, ich fühl mich verstanden:-)) »An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen«, genau der Satz geht mir ziemlich oft durch den Kopf. Überbewertet? Krümelzählerisch? Keinesfalls. Worte besitzen eine energetische Wirkung und folgen klaren Strukturen, die durch unsere wahren Motive vordefiniert werden. Unsere Wortwahl erfolgt daher niemals zufällig. Auch wenn es manchmal so wirkt und das Zuhören anstrengend sein kann. Babylon revisited …

  2. Völlig richtig: Es geht um Distanzierung. Ganz platt steht diese Technik für „Ich war das nicht!“ Herr von und zu und auf und davon Guttenberg hat es vorgemacht. Nicht etwa „Ich habe einen Fehler gemacht“ hat er gesagt, was ja geradezu euphemistisch untertrieben wäre. Nein, er sagte „Mir sind möglicherweise Fehler unterlaufen.“ Ach, sieh an. Subjekt des Satzes und damit handelnde Figuren sind plötzlich und unerwartet die Fehler.

    1. Sehr treffend:-) Die pösenpösen Fehler, was fällt denen ein, dem armen ehrlichen Mann einfach ungefragt zu unterlaufen? Noch dreister fand ich das trotzig abgesonderte »ich hab mich doch entschuldigt!«. Wie meinen? Mann kann um Entschuldigung bitten (bitten!). Ein derart uneinsichtig hingerotztes Einfordern derselben führt die Bitte als solche ja gleich wieder ad absurdum und enttarnt sie als Heuchelei.

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