Schein oder Nichtschein

Interessante Meta-Strömung: Die Licht-und-Liebe-Schwafelwelle schwappt ins virtuelle Wi-Wa-Werbeparadies! Auf immer mehr Agenturseiten findet sich neuerdings ein Menüpunkt, den es früher nicht gab: das moralische und ethische Selbstverständnis. Was steht da nicht alles Wohlklingendes! Hehre Grundsätze, humanistische Werte, buddhistisch angehauchte Philosophien, wir sind die Guten, Namasté. Welch übelriechende Blüten dieses Kommunikationskraut treiben kann, durfte ich kürzlich live erleben. Sondierungsgespräch mit der Geschäftsführerin einer Vier-Mann-Agentur.

Kundin: »Wir brauchen Corporate Communication, die uns als großes Unternehmen mit viel Manpower darstellt!«
Ich: »Sind Sie das?«
Kundin: »Nö, aber anders kommen wir nicht an die dicken Budgets.«
Ich: »Das ist nicht ehrlich.«
Kundin: »Ja, und? Macht doch nix.«
Ich: »Ähm …«
Kundin: »Sind Sie da empfindlich?«
Ich: »Was nicht ehrlich ist, funktioniert nicht.«
Kundin: »Wieso nicht?«
Ich: »Weil es nicht wahr ist.«
Kundin: »Ja, aber das wissen doch unsere Kunden nicht?«
Ich: »Irrtum. Früher oder später stehen Sie als Hochstapler da. Wollen Sie das?«
Kundin: »Egal, wir müssen da dringend mit den anderen gleichziehen, sonst nehmen die uns die besten Etats weg.«
Ich: »Wenn es nicht wahr ist, warum es extra betonen? Warum nicht lieber belastbare Unternehmenswerte, Leistungen und Kernkompetenzen rausstellen?«
Kundin: »Ja, da müssen wir auch auf die Kacke hauen. Approach, Credo, das muss richtig groß knallen.«
Ich: »Pardon, aber Approach und Credo sind heiße Luft. Die knallt höchstens, wenn man sie in eine Bäckertüte bläst und draufhaut. Ich meine Leistungen, Kompetenzen. Klare Fakten. Wie steht’s damit?«
Kundin: »Wie, Fakten?«
Ich: »Was tun Sie? Was leisten Sie? Was haben Ihre Kunden davon, dass sie mit Ihnen arbeiten?«
Kundin: »Full Service, den Trust in die Brand aufbauen, sustainable Customer Relations Management, ganz heiße Geschichten.«
Ich: »Also CRM und Markenführung. Das sind Ihre Kernkompetenzen?«
Kundin: »Noch nicht, aber unsere Kunden müssen denken, dass wir seit Jahren den ganzen Tag nichts anderes machen. Außerdem müssen wir unsere Philosophie ganz groß rausstellen.«
Ich: »Und die wäre?«
Kundin: »Wir sind ehrlich und vertrauenswürdig.«
Ja nee, is klar.

Nun gibt es ja kaum etwas, das ich nicht gewinnbringend in Worte fassen kann. Ich könnte auch für ebenjene Kundin einen Unternehmensauftritt texten, der aus allen Poren glitzert und vor bestechenden »kauf mich«-Argumenten nur so strotzt. Aber WILL ich das? Möchte ich für jemanden arbeiten, der ohne rot zu werden eine falsche Identität vortäuscht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch, der mir bereits beim Sondierungsgespräch eine derart ambivalente Selbstdarstellung liefert, über die Sekundärtugenden verfügt, die unternehmerischen Erfolg überhaupt erst möglich machen? Authentizität, Originalität, Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit?

Fakten sind die beste Werbung. Wer ein Ass auf seinem Gebiet ist, soll das ruhig genau so sagen. Wenn’s wahr ist, warum nicht? Ich bin ja auch eins in meinem Job. Aber Hochstapelei und aufgesetztes pseudo-ethisches Heiteitei führen im Jahr 2011 nicht mehr zum Erfolg, sondern auf direktem Weg zurück in die Ursuppe. Vielleicht ist das eine natürliche Auslese? Um Substanzielles von Heißluft zu trennen? Ich fänd’s prima, denn so bleiben diejenigen übrig, mit denen ich gerne arbeiten will. Oder um eine erfolgreiche Kreativkollegin jenseits des Atlantiks zu zitieren. »The answer is excellence.«

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8 Kommentare zu „Schein oder Nichtschein

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  1. woher nehmen die menschen eigentlich die chuzpe? vor was haben die angst?
    oder um was? wenn sie die haben, fürchten sie auf jeden fall das falsche. denn fürchteten sie um ihren ruf oder um ihre reputation, könnten sie an ein vorgehen dieser art nicht mal denken.
    ich sage nur: guttenberg und co…

    und zum thema: unternehmensphilosophie: „…wenn man es schon sagen muss!!!“

    you are what you do! simple- but true. und bei manchen (vielen) ist es dann eben heiße luft…
    thanx for the post! 🙂

    „the answer is excellence!“ 🙂

  2. Gute Frage: Warum machen die das? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht die Angst vor dem Erkanntwerden? Die Angst, dass jemand merken könnte, dass hinter dem großspurigen Auftreten auch nur Menschen stehen, mit menschlichen Eigenschaften? Angst, immer wieder Angst …

    Ich gebe zu, dass ich früher nicht so sehr auf sowas geachtet habe. Zwischenbemerkungen wie »macht doch nix« auf meinen Einwand bezüglich des fehlenden Wahrheitsgehalts hätte ich ignoriert und mich nur auf den Job und den dicken Scheck gefreut. Aber das geht nicht mehr. Ich kann nicht für mich nach Kohärenz und Wahrhaftigkeit streben und mich gleichzeitig für Doppelbödigkeit bezahlen lassen. Moginet. Dann lieber nach Gleichgesinnten suchen und sie finden;-)))

  3. Als ich noch Geschäftsfrau war, dachte ich bei den Anfragen nach getürkten Rechnungen fürs Finanzamt immer: Wenn die das FA betrügen, tun sie das auch bei mir. Wie soll ich sicher sein, dass ich meine Kohle auch bekomme? Mit meiner ganz persönlichen Antwort auf diese Frage bin ich nicht schlecht gefahren.

  4. Nützliche Einstellung. Nach dem Prinzip »wie innen, so außen« … Früher gab es auch mal den schönen Zusatz »nach bestem Wissen und Gewissen«, wenn man seine Arbeit beschrieben hat. Naja, das Universum ist als Feedbackgeber vielleicht nicht immer das schnellste, aber es vergisst nix;-) das soll keine Schadenfreude sein. Nur ein klitzekleiner Hoffnungsschimmer.

  5. Viel Geld ausgeben, um Lügen und Schein zu untermauern, während es die Wahrheit kostenlos gäbe … aber die bringt (zumindest solchen Unternehmen) keinen müden Cent ein – und das zu Recht!

    Leider ist so eine „Philosophie“ mittlerweile fast schon die Regel und nicht die Ausnahme. Aber man muss nicht unbedingt esoterischen Trends anhängen, um zu wissen, dass es seit immer und ewig einen Grundsatz gibt, der so sicher ist wie das Amen in der Kirche:
    „Es kommt immer alles zu einem zurück!“

    Wer also sein Werk schon so beginnt, bei dem können wir jetzt schon zuschauen, wie er den Bach runtergeht!
    Zu Deinem „Nein“ muss ich Dich nicht erst beglückwünschen, Frau Kollegin. Wir wissen alle, dass sie da bei Dir an der falschen Adresse waren. Hoffentlich haben sie dabei etwas begriffen!

    1. Danke lieber Kollege. Ganz kostenlos gibt’s die Werbewahrheit nicht, von etwas müssen wir ja leben;-))))) aber mit einer authentischen Unternehmenskommunikation lässt sich nachhaltig und für alle Beteiligten gewinnbringend was reißen, weil das Ganze auf soliden Füßen steht. Während der Fake ein finanzielles schwarzes Loch ist, weil er mit immensem Aufwand aufrecht erhalten werden muss.

      Ja, ich hatte gleich zwei solcher Begegnungen in allerjüngster Zeit. Da kommt man ins Grübeln. Dass sie etwas begreifen, glaube ich eher nicht. Wie sollten sie? Die leben ja mit der Niedertracht als Bestandteil ihres Wesens und finden das völlig in Ordnung. Können sie. Aber bitte möglichst weit weg von mir. Ich wünsche mir, den »Richtigen« zu begegnen, mit denen dieser ganze Mist noch nicht mal der Rede wert ist, weil wir auf der selben Frequenz funken. Soll’s ja geben *Peilsignal verstärk* ja, also ich wär dann hier!

  6. Woher soll eine authentische, nachvollziehbare Identität denn kommen bei Leuten, in deren Leben falsche Fingernägel, silikonierte Dekolletés, geleaste Rolex und Porsche und prätentiöses Kulturgehabe zum selbstverständlichen Standard gehören? Mit dem Gameboy geboren, mit der Playstation aufgewachsen und über Sex and the City ins Nirwana – das mit der Ursuppe find ich geil!

    1. Hahaha, was für eine treffende Aufzählung!! Zu jedem einzelnen Punkt fällt mir jemand ein, der sich über diese Attribute definiert.

      Identität kriegen wir gratis bei der Geburt. Das Update können wir uns täglich kostenlos downloaden. Klar, der Fake gehört zum modernen Lebensstil des Reptiliengehirns. Doch niemand zwingt uns, den Neokortex und das Limbische System abzuklemmen und dem Lockruf der Niedertracht zu folgen. Das ist eine bewusste, aktive Entscheidung, die da lautet: »Ja, ich habe ab jetzt die Moral einer Speikobra und lüge den Leuten die Hucke voll, bis der Porsche im Pfandhaus steht.«

      (Ach ja, und die Figur Carrie aus Sex and the City halte ich für ein anschauliches Beispiel gelebter narzisstischer Co-Abhängigkeit. Die dargestellten Muster sind eindeutig. Bemerkenswert, dass sich so viele Frauen mit ihr identifizieren können …)

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