Künstler sein dagegen sehr

von Kathrin Elfman
Dialog neulich.
Ich: »Mir gefällt Billy Joel nicht. Ein paar Songs berühren mich, aber das meiste lässt mich kalt.«
Er: »Waaaaaas?! Aber das ist einer der besten Songwriter aller Zeiten!«
Ich: »Das stimmt, ich hab einen Mordsrespekt vor seiner Arbeit. Seine Art, ausgefuchste Harmoniefolgen unprätentiös klingen zu lassen, ist brillant. Und wie er es schafft, seine Worte so süffig auf die Melodiebögen zu setzen, dass man jede Silbe beim Zuhören wegschlürfen kann, das ist Weltspitze und ganz typisch für ihn. Ein sehr eleganter Stil, Hut ab.«
Er: »Aber grade hast du doch gesagt, seine Sachen gefallen dir nicht?«
Ich: »Tun sie auch nicht. Seine Stimme mag ich auch nicht.«
Er: »Ja, aber er ist doch ein wirklich toller Sänger!«
Ich: »Oh ja, das ist er. Ein schöner, intensiver Ausdruck, blitzsaubere Intonation, sogar live, ein phantastischer Sänger.«
Er: »Aber… hä?!«
Dialog zu Ende.
Nach gefühlten 895 ähnlichen Gesprächsfragmenten habe ich akzeptiert, dass im Gespräch mit Nicht-Künstlern ein unüberbrückbarer Graben existiert, in dem manches Gesagte verhallt und verzerrt auf der anderen Seite ankommt. Der Unterschied zwischen persönlichem Geschmack und objektivem Anerkennen anderer Leute künstlerischer Kompetenzen gehört dazu. Oder der zwischen Kollegenrespekt und Sympathie. Diesen Unterschied machen Nicht-Künstler nicht. Was nicht schlimm wäre, wenn sie sich nicht im selben Atemzug anmaßen würden, Werturteile über die Arbeit von Kreativen zu fällen.
Wie ein Musikerkollege aus Kalifornien kürzlich feststellte: »Diese A&R Idioten können keine C-Dur Tonleiter spielen, reden aber stundenlang drüber, was ich an meinen Songs alles anders machen soll.« Warum legen Nicht-Künstler diesen respektlosen, destruktiven Mix aus Projektion und Keineahnunghaben an den Tag, wenn sie sich über Musik, Bücher oder Filme äußern?
Gekrönt wird dieses übergriffige Verhalten vom hirn- wie herzlosen Hochjubeln identitätsloser Castingshow-Absolventen, die kein Instrument spielen, keine Melodie ohne zehn Pfund Autotune aufnehmen können, bei Vinyls an Sexwäsche statt an eine Plattensammlung denken, den musikalischen Horizont einer komatösen Blaualge besitzen und handwerklich mieserabel gemachten Dreck performen. Wenn ich nun in anderthalb Sätzen darlege, warum es sich objektiv um Dreck handelt, und dass ich diesen lieber nicht konsumieren möchte, gibt’s hochgezogene Augenbrauen, »was hassedenngegnden?«

Nichts habe ich »gegnden«, überhaupt nichts, ich kenne »den« ja nicht! Ich bevorzuge lediglich eine Trennschärfe zwischen Person und Werk. Wenn ich Tom Cruise in »Vanilla Sky« gut finde, bin ich noch lange kein Scientologe. Wenn sich mir bei Bonos Gesangsstimme die Fußnägel aufrollen, ist das keine Aussage über die politische Lage in Irland, sondern eine persönliche Geschmacksbekundung. Und ob ein mir gänzlich fremder Künstler, dessen Werk ich für gelungen halte, in seiner Freizeit einen Harem unterhält, einer Sekte angehört, karierte Buschbohnen züchtet oder tagsüber in einem Sarg schläft, ist dessen Privatsache, geht mich nichts an und ändert nichts an der Qualität seines kreativen Schaffens.

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