Wo tut’s denn weh?

Das Leben als Empath ist nicht immer einfach. Boah, ja, was für ein klischeehafter Allgemeinplatz als Opener. Aber ich darf das;-) Kundenmeeting zwecks Projektplanung. Nettes Gespräch, man mag sich und kann miteinander. Wenn da nicht … Ich merke es schon während der ersten Minuten. Der gutgelaunte, selbstsichere Mann, der mir gegenübersitzt, ist traurig und verletzt. Furchtbar verletzt.
Was mich nichts angeht. Ich kann es dennoch nicht einfach ignorieren, denn es beeinflusst spürbar unser Gespräch. Ich identifiziere das, was ihn quält, als diffusen, alten Verlustschmerz bzw. eine daraus erwachsene Verlustangst, die offenbar in jüngster Zeit erneut bös getriggert wurde. Wodurch auch immer. Gewiss nicht durch mich, schließlich kennen wir uns erst ein paar Minuten. Aber ich spüre, wie er seinen Schmerz unbewusst auf mich projiziert; spüre, wie die alte neue Verletzung schwelt und wahrgenommen werden will. Von wem, ist ihr vergleichsweise egal.

Ihr Besitzer versucht, darüber hinwegzutäuschen. Er kaschiert den wunden Punkt mit gespielter Aufgekratztheit, Kalauern und subtil überheblichem, Veneers-promotenden Grinsen. Teils aus Selbstschutz, teils, um die Besprechung nicht mit Privatkram zu belasten. Leider kontraproduktiv. Denn der unausgesprochene Schmerz verdichtet sich, wächst, konkretisiert sich, bringt eine Fehlfarbe in unsere Kommunikation und formt sich zu einem rosafarbenen Elefanten, der über dem Konferenztisch schwebt und Blähungen hat. Nicht gut. Für mich nicht und für das Projekt nicht.

Nach einer halben Stunde brauche ich dringend frische Luft – und spreche es an. Nicht in Form indiskreter Fragen, sondern indem ich ganz schlicht, im Nebensatz, ein Stück meines Wesens preisgebe und ihm sage, was ich wahrnehme.

Der Elefant freut sich und hört sofort auf zu pupsen. Der Gesprächsfaden führt von Budgetkalkulation über SEO und Viral Marketing zu Seelenschmerzen und wieder zurück. Ja, die Wendung ist rasant und hat in »professionellen« Geschäftsbesprechungen nichts verloren, wo es normalerweise heißt: cool bleiben, beinharte Fassade präsentieren und antrainierte NLP-Tricks anwenden. Netter Versuch. Zündet halt bei mir nicht. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Phrasen.

Mein Gegenüber reagiert verdattert, dann mit Träne im Knopfloch. Nein, ich frage nicht nach, schließlich bin ich weder Therapeut noch Kummerkasten oder bester Freund. Was diesen Mann so quält, gehört in seine Privatsphäre. Außerdem soll aus einem Meeting keine wollsockige Selbsterfahrungsgruppe werden. Aber! Allein die Tatsache, kurz laut aussprechen zu dürfen, DASS ihn etwas quält, und dass ICH das merke, wirkt heilend und energiebringend. Zwei Minuten echt. Zwei Minuten Menschsein. Würdigen, was jemanden im Innersten beschäftigt. Zwei Minuten ohne Schauspielerei. Zwei Minuten auf einer höheren Frequenz, abseits der aggressiven Pitchkultur unserer Branche.

Einmal beim Namen genannt, trottet der Elefant zufrieden in die Ecke und legt sich schlafen, das Meeting geht in gelöster Atmosphäre weiter – und unser gemeinsames Projekt ist nicht länger eine Schutzmetapher für verdrängten Schmerz, sondern tatsächlich ein Projekt.

Merke: Geschäfte werden nicht zwischen Unternehmen getätigt, sondern unter Menschen. Menschen mit Leben, Gefühlen, Wahrnehmungen, Träumen, Ängsten, Altlasten und Narben auf der Seele. Ab einem gewissen Lebensalter ist niemand mehr in fabrikneuem Zustand. Warum so tun, als sei das anders? Wie wäre es mit etwas weniger Schauspielerei? Nur mal so als Denkanstoß. Dann fängt der Elefant gar nicht an zu pupsen, sondern knabbert friedlich die Kekse vom Konferenztisch, und wir machen alle einen besseren, schöneren und gewinnbringenderen Job. Q.e.d.

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2 Kommentare zu „Wo tut’s denn weh?

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  1. Liebe Kathrin, dass ich trotz des traurig pupsenden Elefanten lachen musste, lag an Deinem sehr bebilderten Schreibstil….Den Elefanten, der sich bei mir im Kopf zeigte, werde ich so schnell nicht wieder los 😉
    Und ja, manchmal sind es nur 2 Minuten Achtsamkeit, Aufmerksamkeit oder ein kleines Lächeln die alles verändern können. Mir selbst geht es doch auch so..Wenn es mir nicht gut geht und jemand hält mir lächend die Tür auf, dann gehts mir etwas besser. Du hast in dem „Geschäftspartner“ den Menschen gesehen. Und er durfte für eine Weile aufhören, funktionieren zu müssen, denn das verstärkt alles nur noch. Ich finde es grossartig wie Du gehandelt hast. Wer Hörnchen mütterlich hegt und pflegt wird auch pupsende Elefanten in den Griff kriegen 😉 Vielen Dank für Deinen Text!

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