Reden wir mal über Geld und Qualität

Dass sich hauptberufliche Autoren seit ca. drei Jahren warm anziehen müssen, ist kein Geheimnis. Marktlandschaften sind zusammengebrochen, Traditionsverlage und etliche Werbeagenturen mussten aufgeben oder wurden von Großkonzernen geschluckt.

Werbung und Buchmarkt kultivieren glücklicherweise ein relativ stabiles Qualitäts- und Preisniveau. Auch für Drehbuchautoren schaut’s gut aus. Doch viele kommerzielle Publikumsmedien unterliegen einer wahrhaft unappetitlichen Inflation.

Legitimiert durch das Killerargument »das merkt die Zielgruppe eh nicht« werden Texte veröffentlicht, für die ein Autor früher fristlos gefeuert worden wäre. Sachlich falsche Inhalte, Phrasenalarm, Rechtschreibfehler, semantische Patzer und empathiefreier, hölzerner Stil. Dass der Mist abgenickt wird, liegt an zwei Faktoren. In vielen Verlagen bzw. Medienkonzernen arbeiten keine deutschsprachigen Entscheider mehr. One speaks Denglish in sä Medienbrangschö, wich beats Stil und Sprachgefühl äniweih. Außerdem gibt’s etliche Redaktions- und Textagenturen, die zu absurd niedrigen Tarifen Fließband-Content liefern. Wie der zustande kommt? Lassen Sie Ihre Phantasie spielen.

Wir haben also a) Leute, die nicht schreiben können, b) Auftraggeber, die nicht lesen können und c) eine Zielgruppe, die nach Ansicht von b) nicht denken kann, sich aber natürlich gegen den Müll, der ihnen aus Zeitschriften und Portalen entgegenquillt, durch Konsumverzicht wehrt. Worüber sich wiederum a) und b) lautstark beklagen und noch miesere Texte für noch mickrigere Honorare produzieren. And here bites sich sä kät in sä tail.

Having said this, empfinde ich meinen Beruf nach wie vor als Traumjob. Selbstverständlich kann es sich keine Gesellschaft leisten, dauerhaft von geistigem Abfall zu leben. Nicht mal unsere. Weshalb es nach wie vor Auftraggeber, Verlage und Kunden gibt, die Qualität produzieren wollen und dafür auch angemessen bezahlen, hurra.

Und wieviel ist das? Meiner nicht-repräsentativen Umfrage unter Kollegen sowie persönlichen und keineswegs objektiven oder als Angebot zu verstehenden Erfahrungen zufolge (klingt furchtbar, nicht? Sowas kommt dabei raus, wenn man in einem Land lebt, in dem Gedankenpolizei Realität ist!) bekommen Profis für Online-Publikationen ca. 3-8 Cent pro Zeichen, gedruckten Magazintext gibt’s für ca. 25 Cent bis 1,20 Euro pro Wort (ggf. zzgl. Mwst). Enthalten sind idR Korrekturen und Nutzungsrechte. Werbetext, Filme und Bücher werden natürlich anders kalkuliert.

Leider unterbieten Billiglieferanten diese Preise erheblich. Wodurch professionelle Autoren gelegentlich in bizarre Situationen geraten. »Toller Artikel! Aber warum wollen Sie 170 Euro dafür? Diese Seiten kriege ich von der Agentur Sowieso für 12,09 Euro vollgeschrieben.«
Gähn. Das ist dann der Moment, in dem ich das Gespräch meinerseits abbreche. Weil in dieser Frage bereits die Antwort enthalten ist.

Vor einer Weile bekam ich von Kundenseite so einen Sowieso-Text auf den Tisch. Verbunden mit der Frage, ob ich diese »Konzeptfassung« in etwas VÖ-fähiges verwandeln könne. Konzeptfassung? Kicher. Wenn ich mal übersetzen darf: »Wir wollten’s billig, nun haben wir den Salat. Können Sie büddebüdde Zauberdressing drübergießen, damit man’s nicht merkt?« Ja, kann ich. Mach ich aber nicht. Aus Schrott lässt sich zwar Schrottkunst dengeln, aber eben kein funkelndes Edelmetall. Diese Sorte Rostumwandler wurde noch nicht erfunden. Da hilft nur Löschtaste drücken und neu schreiben. Zu seriösen Konditionen, versteht sich.

Ja, und woran genau erkennt man einen »seriösen« Autoren?
Er liefert makellose Textqualität, kennt format-, themen- und medienspezifische Standards, wendet unterschiedliche Tonarten und Sprachräume stilsicher an, benutzt niemals Copy-Paste-Content, schreibt semantisch und orthografisch sauber und steht zeitnah für Rückfragen zur Verfügung. Außerdem kann er Veröffentlichungen nachweisen und ist nicht erst seit Webzwo auf dem Gedankenstrich unterwegs. Ach ja, und er lässt sich seinem Marktwert entsprechend bezahlen. Oder wie ein Autorenkollege heute früh meinte: »Drunter machen wir’s nicht.«

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