Höhlengleichnis 3.0

Bizarr. Da wird sich in aller Geschwätzigkeit empört, geoccupied und nach Revolution gerufen, doch spricht man in einer ebensolchen Runde mal jenseits aller Phrasen ein Thema an, passiert etwas Seltsames: Der Bote wird erschossen. Schwupps hat’s sich ausgeoccupied. Was natürlich jeder machen darf, wie er mag. Freier Wille und so.

Oder unplugged: Neulich im Kälbchenstall einer Mastanlage. Tür geht auf, einige werden auf einen LKW geladen und abtransportiert. Die Zurückgebliebenen fressen gleichgültig weiter. Nur ein Kälbchen wendet sich beunruhigt an seinen Nachbarn.
»Hast du das gesehen?«
»Was denn?«
»Schon wieder dieser komische LKW. Wo unsere Freunde wohl hingebracht werden?«
»Ist doch egal. Die kommen sicher bald wieder. Friss weiter.«
»Ich hab aber ein komisches Gefühl.«
»Wie, komisch?«
»Ich halte es für klug, hier schnellstens zu verschwinden.«
»Ach, ist das wieder eine deiner Verschwörungstheorien? Hier ist es warm und gemütlich. Was soll uns denn passieren?«
»Vielleicht werden wir bald getötet und aufgegessen?«
»Quatsch, du spinnst ja.«
»Ich spinne keineswegs. Denk mal nach! Der LKW kam bereits fünfmal leer zurück. Und jedesmal roch er komisch, und es klebte Blut dran. Und wir werden immer weniger hier drinnen.«
»Du bist ja paranoid!«
»Ich hab’s genau gesehen!«
»Soso. Hört mal Leute, hat hier im Stall noch jemand außer unserem Spinner diese mysteriösen LKWs gesehen?«
Großes Gelächter, allgemeines Kopfschütteln.
»Na siehst du. Offenbar bist du der Einzige, der hier solche idiotischen Theorien aufstellt. Nun friss deine Pellets! Du hast gehört, was der Arzt gesagt hat. Wenn wir immer schön fressen, ist alles in Ordnung. Und der muss es ja wissen.«
Das Kälbchen verstummt, überlegt und trifft eine Entscheidung. Die anderen merken, was es vorhat und stellen sich ihm in den Weg.
»Du willst abhauen? Nee, Freundchen, du bleibst schön hier bei uns.«
»Nein«, begehrt der kleine Rebell auf. »Ich will keine Pellets mehr fressen! Sie sind vergiftet. Ich will nicht mehr hier eingepfercht im Mief stehen. Ich will raus!«
Die anderen werden wütend.
»Willst du damit etwa sagen, deine Wahnvorstellungen sind real?«
»Nein, ich …«
»Dann behauptest du also, der Arzt lügt, und wir sind alle blöd, weil wir ihm glauben und das nicht sehen, was du zu sehen meinst?«
»Ich habe nur gesagt, dass ich jetzt rausg…«
»Los, Leute, bringen wir den Irren zum Schweigen! Der sorgt hier nur für Unfrieden und macht uns alles kaputt!«

Die Kälbchen gehen auf den Rebellen los. Er schafft es, sich zu befreien und zu fliehen. Die anderen sehen ihm verdutzt nach und widmen sich dann wieder ihrem Futter.
»Ein Spinner war das, ein Unruhestifter. Gut, dass er weg ist.«
»Ja, er brachte hier alles durcheinander. Wollte uns unsere leckeren Pellets schlechtreden. Und dieses Schauermärchen! Uns töten und aufessen, so ein Quatsch.«
»Hahaha, ja völlig absurd. Und dann das mit dem Rausgehen. Wo soll man denn hingehen?«
»Und wozu überhaupt? Hier drinnen haben wir doch alles, was wir brauchen!«
»Ja, total bescheuert. Wo doch jeder weiß, dass man ohne Arzt und Pellets niemals überleben kann. Tja, selber schuld.«
Am nächsten Tag geht die Tür wieder auf …

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3 Kommentare zu „Höhlengleichnis 3.0

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  1. Liebe Kathrin, das kleine Kälbchen ist das wahrhafte, weil es bei sich und seinem Gefühlten bleibt und in die Wunde der anderen „Nichtwollenseher“ bohrt….Und anstatt einiges zu überprüfen wird alles vom Tisch gefegt. Wozu sich einen Kopf machen, das Leben ist schön und damit basta!

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