Weihnachtsgroteske: Medienmenschen spielen »obdachlos«

von Kathrin Elfman

Die Idee ist nicht neu. Trotzdem wird sie jedes Jahr wieder aus dem Hut gezogen. Redakteure, Laienschauspieler, Fernseh-Praktikanten und Möchtegern-Journalisten verkleiden sich als Obdachlose, um in Deutschlands Städten die Hilfsbereitschaft vermeintlich gut situierter Bürger zu testen.

Nun also auch hier, im Rhein-Main-Gebiet nahe Frankfurt, dem Zauberreich der Richter und Bänker. Eine Schauspielerin und ein Redakteur beschließen, präsentiert von einer großen Tageszeitung, sich als Obdachlosen-Pärchen zu verkleiden und ausgerechnet im Millionärsbiotop Kronberg auf Betteltour zu gehen. Kein verfrühter Aprilscherz, auch keine zynische Krippenspiel-Performance, sondern Journalismus in Deutschland. Heilige Löschtaste, ich weiß gar nicht, was ich widerwärtiger finde: die Aktion an sich, das daraus entstandene Textlein – oder die vielen Leserkommentare, die diese Groteske wie jedes Jahr treudoof durchwinken.

Schon Günter Wallraff bilanzierte anlässlich der VÖ seines 1985 erschienenen Werkes »Ganz unten«, dass man sich verkleiden müsse, um die Gesellschaft demaskieren zu können. Dem stimme ich zu, und für seine Projekte zolle ich ihm größten Respekt. Denn ihm ging es tatsächlich um Wahrheit, ums Demaskieren gesellschaftlicher Absurditäten und um journalistisch saubere, qualifizierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Er legte den Finger in die Wunde, um zu zeigen »hier tut’s weh!« Davon sind die jährlich antretenden Verkleidungskünstler leider so weit entfernt wie Hüttenkäse von der Milchstraße. Auch die beiden Kronberger.

Statt sich dem Spannungsfeld »Obdachlose suchen Hilfe bei Millionärs« wenigstens anzunähern, lesen wir die üblichen Anti-Phrasen über Banker und Luxusautos, einkaufende Ehefrauen, bezopfte Mamis in Reiterhosen, schicke Villen und die Kaltherzigkeit wohlhabender Menschen. Kein noch so abgeschmacktes Vorabendserien-Klischee wird ausgelassen. Und damit nicht genug.

Nach ein paar Stunden Spazierengehen bei lauen 10 Grad, weit entfernt von Hunger, Krankheit, entzündeten Hundebissen, Polizeistress, Vergewaltigungen, Bandenkrieg und Schlägereien, kaputten Schuhen, Skorbut und Zahnausfall, tönt das Duo, es habe die innere Distanz zu seinen obdachlosen Doppelgängern weitgehend verloren und die nötige »Glaubwürdigkeitspatina« gewonnen.

Glaubwürd…WAS!?

Diese Aktion ist ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die »in echt« auf der Straße leben und nicht zwischendurch mal lässig ins beheizte Nest mit Strom, Krankenversicherung, fließend Wasser, Computer und Flachbild-TV fliehen können. Ja, ich bin Pazifist. Aber ich finde es schade, dass die beiden nicht lange genug auf ihrer Faschingstour unterwegs waren, um geoutet und vermöbelt zu werden. So verfährt man nämlich auf Trebe mit Hochstaplern.

Hier haben sich zwei Menschen ohne finanzielle oder politische Not als Opfer deklariert, verkleidet, gelogen, falsche Identitäten vorgetäuscht, gespielte Bedürftigkeit zur emotionalen Erpressung eingesetzt und sich zweimal Essen ergaunert. Worin besteht nun die implizierte moralische Überlegenheit der beiden gegenüber sagenwirmal *Klischee strapazier* einem Kronberger Hedgefonds-Manager?

Immerhin hatten die Leute vor Ort genug Menschenkenntnis, um zu erspüren, dass mit diesen beiden etwas faul ist. Vielleicht haben sich Handy und Kreditkarte in der Hosentasche zu deutlich abgezeichnet und die, räusper, Glaubwürdigkeitspatina verfälscht.

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2 Kommentare zu „Weihnachtsgroteske: Medienmenschen spielen »obdachlos«

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  1. Liebe Kathrin, in der Tat ist diese Aktion komplett für den Arsch! Einen Tag sich als „Lumpis“ zu verkleiden ohne in der verzweifelten Haut eines Obdachlosen zu stecken geschweige sie überhaupt zu fragen, wie es ihnen geht, ist schon ziemlich geschmacklos. Keiner kann erahnen wie es jemanden in der Situation geht, ich könnte auch für eine Zeit einen blinden „spielen“ mit dem Wissen, das ich jederzeit meine Binde abmachen kann und dann wieder „sehend bin….die Verzweiflung und Tragik einer Erblindung werde ich dadurch nicht spüren können. Um Obdachlosigkeit nachfühlen zu können, müsste man Betroffene fragen und empathiefähig sein.

    1. …ja, den Vergleich mit der Augenbinde finde ich sehr passend. Und »geschweige denn, sie überhaupt zu fragen, wie es ihnen geht«, genau hier klemmt’s! Warum kein Gespräch an der Konstablerwache? Oder in Offenbach? Vielleicht auch zwischen Bahnhof und Taunusanlage? Da hätte sich Madame Schauspielerin gleich anschauen können, wie das bei jungen weiblichen Obdachlosen mit dem »Anlernen« funktioniert.

      Aber nein, davor haben die beiden aseptischen Wohlstandslarven Angst, denn da wären sie sofort als Fake aufgeflogen und hätten die Quittung bekommen. Und der Herr Redakteur meint allen Ernstes, wenn er sich mal crazy ein Bärtchen stehen lässt, sei das pennertypisch? Ich kenne nur zwei Obdachlose persönlich und kann nicht einschätzen, ob deren Einstellung repräsentativ ist, aber beide legen zufällig aus verschiedenen Gründen Wert darauf, NICHT unrasiert und mit *argh* »Glaubwürdigkeitspatina« ausgestattet zu sein! Und von irgendwelchen Yuppie-Ablegern nachgeäfft zu werden, finden sie alles andere als lustig.

      Dass so eine menschenverachtende Schnapsidee auch noch in der Presse gefeiert und in über hundert Leserkommentaren beifällig beklatscht wird, ist eine Schande für diese Gesellschaft!

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