Über Traumjobs, Geisterfirmen und Phantome

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Zeitsprung, Mitte der 90er Jahre. Goldenes Zeitalter für Autoren. Kreativenmangel, lukrative Jobs an jeder Ecke, die Samstagsausgaben der Tageszeitungen voll mit interessanten Ausschreibungen. Auch an diesem schicksalhaften Tag … Die Annonce in der Frankfurter Tageszeitung war nicht zu übersehen. Ganzseitig, viel Freifläche, knalliges Logo und eine apodiktisch-unwiderstehliche Jobbeschreibung. Eine amerikanische Film- und Eventproduktionsfirma hatte in bester Frankfurter Stadtlage ihre Deutschland-Niederlassung eröffnet und stellte nun Teams zusammen. Gesucht wurden qualifizierte Autoren, Konzeptioner, Grafiker, 3-D-Profis, Kameraleute, Projektmanager und Assistenten. Zu Konditionen und für Projekte, nach denen sich unsereins naturgemäß die Finger leckt. Auch haben!

Der Vorstellungstermin war reine Formsache. Nach einer halben Stunde hatte ich meinen unterschriebenen Vertrag in der Tasche und fing direkt an, juhu. Ich wurde zunächst als Staff Writer engagiert, um an Konzept und Pilot einer TV-Serie mitzuschreiben. Tolle Story, schöne Ideen, es flutschte perfekt. Ich lieferte termingerecht den ersten Teil meiner Arbeit ab, schickte meine erste Rechnung – und hörte nichts. Auch das Geld trudelte nicht ein.

Noch weit entfernt davon, beunruhigt zu sein, rief ich an und lauschte dem Anrufbeantworter der Firma. Auch bei allen folgenden Anrufen. Hm. Urlaub? Wurmloch? Kugelfisch zum Lunch?

Ich machte mich mit zwei Freunden auf den Weg nach Frankfurt, um nachzuschauen, was denn wohl los sei. Im Büro wartete eine Überraschung: Die Villa war leer. Blitzblank geräumt. Kein Klingelschild, kein Equipment, keine Datenleitungen, kein Papierschnipsel. Nicht das allerkleinste Indiz erinnerte daran, dass hier vor gefühlten fünf Minuten noch rund 30 Menschen in einem High Tech Kreativpalast arbeiteten, schrieben, programmierten, Filme schnitten und Meetings abhielten. Nicht mal ein Telefon.
Huch?
Wir stiefelten ums Haus, befragten Nachbarn, gingen in die Nebenstraßen, suchten nach einem etwaigen architektonischen Zwilling des Hauses. Hätte ja sein können, dass wir uns in der Adresse geirrt haben. War aber nicht so. Die Adresse stimmte.

Hm …

Ich rief in der Anzeigenabteilung der Zeitung an, in der die Stellenanzeige abgedruckt war und hoffte, dort Namen, Telefonnummern, vielleicht eine Bankverbindung dieser Firma erfahren zu können. Ein freundlicher junger Mann war dran. Als ich ihm den Grund meines Anrufs mitteilte, wurde die Stimme am anderen Ende frostig.
»Haben Sie was mit denen zu tun?«
»Naja, ich hab für die geschrieben und jetzt …«
»Sind alle weg, und Sie kriegen Ihr Geld nicht, richtig?«
»Ähm, ja. Woher …«
»Weil die bei uns Stellenanzeigen geschaltet und nicht bezahlt haben, darum!«

Nun wollte ich es wissen. Und fand Puzzleteile, die in ihrer Passgenauigkeit nicht einer gewissen Komik entbehrten. Der Handelsregister-Auszug war eine Fälschung. Die Namen der Ansprechpartner waren allesamt erfunden bzw. von geklauten Identitäten ausgeborgt. Der angebliche Mutterkonzern in den USA existierte nicht, unter dem Namen firmierte lediglich eine Studentenkneipe in Amsterdam. Die angeblich bereits produzierten und gesendeten Werke gab es nicht. Alles, was ich nachprüfte, löste sich auf wie Rauch. Hatte ich den Traumjob nur geträumt?

Ich las immer wieder die Stellenanzeige, die Telefaxe zwischen mir und meinen Ansprechpartnern der Firma, mein Manuskript, das ich für sie verfasst hatte. Die Texte fühlten sich mit jedem Tag komischer an. Irgendwie tot. War ich Komparsin in einem schrägen Alternate Reality Experiment gewesen?

Das Ganze ist inzwischen knapp 20 Jahre her.

Es hat mich eine Weile beschäftigt. Nicht wegen des entgangenen Honorars. Nein, was mich unangenehm berührte war diese Erkenntnis, wie leicht es ist, etwas so zu inszenieren, dass es absolut echt wirkt und dann innerhalb eines Wimpernschlages spurlos verschwindet. Alles, jedes noch so harmlose Detail war glaubwürdig erfunden, mit hohem Aufwand als Kulisse hingebastelt und anschließend wieder weggezaubert worden. Für wen? In was war ich da hineingeraten?

Neulich las ich in einem Buch zum Thema Lügen, wie ein Investor auf ähnliche Weise getäuscht wurde. Das Szenario: Er beguckt sich eine IT-Firma, in die er investieren will. Modernes Büro, volle Auftragsbücher, die Angestellten wuseln herum, der Chef gibt sich kompetent, die Zahlen versprechen Gewinne. Der Investor ist bereit, Geld in das Unternehmen zu pumpen. Draußen macht er noch mit einer Angestellten Smalltalk – und wundert sich, dass sie von den behaupteten Geschäftsinhalten keine Ahnung hat …
Auflösung: Die hippe IT-Company ist in Wahrheit eine insolvente 1-Mann-Firma. Die »Mitarbeiter« sind Laienschauspieler und wurden angeheuert, um den Eindruck von Geschäftigkeit zu erwecken und dem Investor das Geld aus der Tasche zu locken. Kulisse, Inszenierung, Fake. Und sehr überzeugend.

Es gibt einen großartigen Film zu diesem Thema. »Die unsichtbare Falle« (Original: »The Spanish Prisoner«) mit Steve Martin. Spannend, auf morbide Weise faszinierend. Als Zuschauer möchte man der Hauptfigur zurufen: »Du Idiot, wie kannst du auf sowas reinfallen? Also, mir könnte das ja nie passieren.«

Ja, vom bequemen Sofa aus sagt sich das leicht. Aber diese Überheblichkeit verliert sich ganz schnell, wenn man die Perspektive wechselt. Ach, Ihnen könnte das dennoch nie passieren? Wirklich nicht? Ganz sicher? Vielleicht stecken Sie ja längst in so einer Geschichte drin und wissen es nur nicht?

© Kathrin Elfman

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2 Kommentare zu „Über Traumjobs, Geisterfirmen und Phantome

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