Kreativencoaching 2012: Just fake it?

von Kathrin Elfman

Neulich beim Gesangslehrer.
Lehrer: »Schön, dass du hier bist. Was möchtest du lernen?«
Schüler: »Ich will so singen wie Xavier Naidoo.«
Lehrer: »Das ist einfach. Züchte dir ein Hühnerauge und zieh enge Stiefel an.«
Schüler: »???«
Lehrer: »Herr Naidoo singt nicht, er jault. Ich bin aber Vocalcoach, kein Jaulcoach, tut mir leid.«
Gespräch zu Ende.

Zugegeben, ein krasser Standpunkt, aber konsequent. Denn dieser Vocalcoach zeigt seinen Schülern nicht, wie sie andere imitieren, sondern er hilft dabei, einen eigenen Stil und solide Technik zu erlernen. Lustiges Timing. Das Thema rollte mir schon den ganzen Tag im Kopf rum. Ausgelernt hat man als Autor, Texter und Musiker ja nie. Und welch Glück, es gibt ja zahllose Gesangslehrer, Tanzlehrer, Musiklehrer, Autoren-Seminare, Schreibworkshops, Drehbuch-Kurse, Texter-Seminare … Moment, WAS steht da?

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und so weiter. Warum sträuben sich mir beim Lesen dieser verdichteten Heißluft die Nackenhaare? Weil sich in den markigen Sprüchen eine spezielle Gesinnung widerspiegelt. Diese, pardon, Fäkalsprech passt hier ausnahmsweise, also diese geistlose Formatscheiße, die sich in Bestsellerlisten lümmelt, aus dem Radio sickert und das Fernsehprogramm zumüllt, sie hat es geschafft, mit ihrem Odeur eine gute Geschäftsidee zu vermiefen: die des Künstler-Coachings. Weil nicht mehr die Arbeit an den eigenen Fähigkeiten zählt, sondern vielmehr die Fähigkeit, ebenjene vortäuschen zu können, um sich jemandem ins Portfolio zu schmeißen. Je durchschnittlicher, desto schmeiß. Aus Künstlern wurden »Acts«, deren Talent sich darauf beschränkt, als Produkt vermarktet zu werden.

Rücksturz ins Prä-Internet-und-Castingshow-Zeitalter. Nein, früher war nicht alles besser. Aber Künstler war tatsächlich mal ein Beruf, den man lernen musste. Nicht konnte – musste. Nur mit Sprüchen kam man an keinem Lektor, an keinem Intendanten oder Produzenten vorbei. Natürliche Auslese hieß das.

Meine erste Gesangslehrerin in den frühen 80ern war eine viereinhalb-Oktaven-Sporanistin und Stuttgarter Opernsängerin. Sie hielt glücklicherweise nichts von gefallsüchtigem Rumgepose, sondern bestand auf Auditions ohne Sichtkontakt, um sich zunächst ganz auf die Stimme konzentrieren zu können.

Mein Deutsch-Tutor ordnete meine ersten bescheidenen belletristischen Gehversuche dem sogenannten Schauerroman des 18. Jahrhunderts zu, entdeckte Parallelen zu E.T.A. Hoffmann und machte mich mit dessen intensiver Phantastik nebst non-linearen Strukturen bekannt. Bingo, schon war ich zuhause. Darauf aufbauend lernte ich bei Koryphäen wie Syd Field, Jurgen Wolff und Prof. Dr. Dirk Blothner.

Allen Lehrern gemeinsam war, dass sie sich auf den Kern des Handwerks konzentrierten: gute Geschichten zu erzählen. Es ging (und geht) darum, Magie zu erzeugen. Figuren zu entwickeln, eine Meta-Ebene aufzubauen, Atmosphäre, den Leser zu unterhalten. Einen etwaigen autobiografischen Subtext in Story-Elemente zu übersetzen und erlebbar zu machen. Die klassische Heldenreise. Symbolismus, Metaphorik, Mythologie, die Schönheit einer Story, die zündet, sobald man den Klappentext überfliegt und nachhallt, nachhdem man die letzte Seite gelesen hat. Dass sich das verkauft, ist ein Nebeneffekt, darf aber nicht das Messer sein, mit dem Geschichten in marketingtaugliche Portionen zerkleinert werden!

Warum dieser Schlenker? Weil ich heute Post bekam. Wieder aus dem Fake-Paralleluniversum. Autorenworkshop unter der Leitung einer Mittzwanzigerin, der die nicht vorhandene Bildung und Lebenserfahrung ins Gesicht geschrieben steht. Was an sich gar nicht schlimm wäre, würde diese Frau nicht als Lektorin eines Buchverlags ihr Unwesen, respektive Autoren und Agenten in den Wahnsinn treiben, weil sie zugkräftige Projekte gerne mal mit »das ist unrealistisch, sowas passiert nicht« vernichtet. Jedenfalls, für 299 Euro, so der Einladungstext, würde Madamchen den Heiligen Gral des Kreativendaseins offenbaren.

Ich suchte und fand – nichts. Kein Programmpunkt befasste sich damit, den Schreibstil zu verbessern, neue Erzähltechniken zu lernen, an alten zu feilen, Stoffoptimierung, Dramaturgie etc. Nein, der »Autorenworkshop« stellt fest, dass eine Geschichte papierflunderflach zu sein hat, linear erzählt werden muss, keinen Genitiv, keine Rückblenden, Meta-Ebene, keinen Subtext sowie, gaaaaaaaaanz wichtig, niemals psychoaktive Metaphorik oder Symbolik auftauchen dürfen. Denn (Zitat) »sowas verstehen die Leser nicht.«

(Womit automatisch 99,5 Prozent der Weltliteratur unverlegbar wären.)

Ach ja, und mindestens ein Kind, eine schwangere Frau sowie ein Todesfall, wahlweise eine schwere Krankheit und ein Bezug zur Wirtschaftskrise sollten vorkommen, gerne gewürzt mit Migrations- oder Beziehungsproblematik, der Leser mag das.

Der Leser, schon wieder. Dieser Allgemeinplatz, der als Referenzgröße strapaziert, aber nie mit Namen, Gesicht und Adresse benannt wird. Der Hörer. Der Verbraucher. Der TV-Zuschauer. Gibt’s den als App?

Nachdem ich mir Synapsen und Laune mit Chuck Loeb freigespült hatte, ging ich Sonnenstrahlenfangen. Spaziergang Mainufer Frankfurt, Mittagspausenzeit. Ich brauchte einen Reality Check. Was liest denn »der Leser« nun? Nicht gemäß der Powerpoint-Präsentationen irgendwelcher Marktforscher, sondern live, hier, heute, jetzt?

Am Sachsenhäuser Ufer war es voll. Klar, die Wetterfrösche kündigten Dauerregen ab morgen an. Jede Bank war besetzt, auch auf der Mauer am Wasser tummelten sich Leute.
Leute mit Büchern.
Nicht als Unterlage für Netbooks oder Tablets, sondern aufgeschlagen, gelesen werdend. Dicke, über 350 Seiten starke Bücher unterschiedlicher Genres. Ich sah viel Vertrautes. Mystery-Sammelbände und Romane, einen erkennbar gebrauchten Konsalik, Hans Bemmans »Stein und Flöte«, Andreas Eschbachs »1 Billion Dollar«, Asimovs Robotermärchen, mehrere schwarzgelbe Diogenes-Bücher, »Die Kristallkrähe« von Joan Aiken, die neue Hardcover-Biografie von Robert Redford und ein großformatiges Yogabuch. Aus einem auf Freisprechen gestellten Smartphone diffundierte Springsteens »Dancing in the Dark« in den Tag.

Dankeschön, das wollte ich nur wissen 😉

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4 Kommentare zu „Kreativencoaching 2012: Just fake it?

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  1. Sehr schön auseinanderklabüstert!

    Nach meiner Erfahrung möchten viele Teilnehmer leider gar nicht hören, dass sie nur erfolgreich kreativ sein können, wenn sie 1. wenigstens ein bisschen Talent haben, 2. hart an sich selbst arbeiten und geduldig sein müssen um besser zu werden und 3. vor allem viel Mühe und Zeit für Erfolg aufbringen müssen, da es, anders als in Filmen, leider fast nie passiert, dass ein großer Auftraggeber von alleine mit einem dicken Scheck vor der Tür steht. Aber wer will so was auch schon hören?

    (Sollte das in der Texter-Branche anders sein, schick mir doch bitte mal den Link zur Anmeldung bei dem Workshop, so ein Buch zu schreiben kann ja wohl nicht so schwer sein, oder?)

    Mein Tipp: 500g Zucker im Supermarkt kaufen und sich selbst in den Hintern blasen!

    Wer sich wirklich entwickeln will, geht zu jemandem, der eine Meinung hat und nicht den Teilnehmern nach dem Mund redet.

    In meiner Branche, der Fotografie, bietet inzwischen auch jeder Depp mit Kamera (wenn man mal, sicher ganz ungewöhnlich, von den gezeigten Portfolio Rückschlüsse auf deren Fähigkeiten ziehen möchte) Workshops an und ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Auch hier gilt offenbar: Wer einen auf dicke Hose machen und labern kann, der erhält Zulauf. Das scheint jedoch nur menschlich zu sein – wenn ich von etwas keine Ahnung habe, klingt alles verlockend und wissend das mir ein anderer erzählt. Ich kann es ja selbst nicht nachprüfen, bis ich die Erfahrung dazu habe.

    Und genau darauf bauen viele Workshop-Geber scheinbar. Das merkt man immer dann, wenn sich ein „wissender“ unter die Teilnehmer gemischt hat und gezielte Nachfragen stellt. Die Regel, dass der Dozent immer mindestens doppelt so viel wissen sollte wie das, was er beibringen möchte, erhält dann ganz schnell ihre Bestätigung…

  2. Ganz viel Zustimmung rumort in meinem Kopf, der nie ausgelernt haben möchte. Aber dann auch andere Gedanken: Warum nicht? Der Markt regelt das doch. Angebot und Nachfrage. Vielleicht reicht manchen Leuten dieses Angebot, vielleicht wäre etwas richtiges ihnen auch viel zu viel. Es gibt offenbar jemand, der Geld dafür ausgibt. Erwachsene Menschen sollten merken, wenn das Angebot nicht zu ihnen passt.

    Was mich leider zu Deinem anderen Thema bringt: Noch nicht erwachsene Menschen. Beim Instrumentalunterricht hatte ich keine guten Lehrer. Es war eine schlechte kleine Landmusikschule, die mich in vier Jahren meinen Zielen kaum einen Schritt näher brachte. Am Gymnasium hatte ich in all den Jahren einen einzigen Deutschlehrer, und das ein Jahr lang, der das Handwerkliche des Schreibens unterrichtete, das war in der neunten Klasse. Das hat mich bisher alles von nichts abgehalten, aber es hat manches schwerer gemacht und so gut wie alles verzögert. Denn der Autodidakt ist vor allem eines: Langsam.

    Zurück zum Kreativcoaching: Vielleicht reicht es wirklich. Da draußen gibt es eine irre große breite Masse, die bei ihrem Kulturkonsum recht wenig Ansprüche stellt. Als Musiker merke ich das immer wieder. OK, die bekommen es dann eben: Smoke on the Water und ähnliches zum Abhotten. Ein gutes Lied mit einem guten Text wird an so einem Abend nicht gespielt – sie schlafen ein, schalten ab, gehen weg. (Das ist nur ein Beispiel. Ich mag dieses Beispiel, denn der Text von Smoke on the Water ist meiner Ansicht nach eine äußerst unspannend erzählte Geschichte, aber wer achtet schon auf den Inhalt, solange er im Refrain abgrölen kann.)

    1. Hahaha, wie sagt Ian Gillan? »Smoke on the water ist unsere Rente.« Was aktuell in den Charts läuft, finde ich gruseliger, denn da gibt’s oft gar keinen Refrain mehr zum Mitgrölen, nur Computergestammel.

      Oh, noch ein autodidaktisches Landei? Ja, als wissbegieriges Schwanenküken im Ententeich hat man es extraschwer. Meinen Glückwunsch zum Absprung und Musikerwerden 🙂

      Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, noch vor meinem dritten Geburtstag eines Morgens plötzlich Lesen, Schreiben, Rechnen und Notenschrift zu beherrschen. Poff, einfach so. Dazu kamen unerklärliche instrumentale Fähigkeiten. Heute heißt das Hochbegabung, aber vor 40 Jahren im schwäbischen Kaff galt es als »Teufelswerk.« Unlustig. Ich konnte mir also entweder die Lebensgeister rausprügeln lassen oder mich sehr früh in meine kreative Parallelwelt abnabeln, an Erwachsene heften, die genau das beruflich taten, was ich auch machen wollte, und um Unterricht bitten. War schwierig, hat funktioniert. Um mir die Reise zum Schwanenteich leisten zu können, habe ich ab dem 12. Lebensjahr neben der Schule gejobbt. Ich wollte, wollte, wollte…

      Heute stehen dem Kreativen-Nachwuchs paradiesische technische, logistische und finanzielle Möglichkeiten offen. Was machen sie draus? Durchschnittsmüll, im schlimmsten Fall unter der Anleitung sogenannter Pop- oder Show-Coaches, die nicht Singen, Tanzen und Schreiben unterrichten, sondern das Werbeblock-kompatible So-tun-als-ob.

      Wer hat eigentlich entschieden, dass man für einen guten Song zwei Handys, drei Laptops, fünf Pop-Akademien, Logic 8 und die Fähigkeit, sich unter Bodenfliesen durchzuwinden benötigt? Uns genügten Instrumente, eine gute Geschichte, Bandmaschine und die Fähigkeit, dauerhaft mit vier Stunden Schlaf auszukommen;-)

      1. Nunja, meine Brötchen verdiene ich als Wissenschaftler. Dem Fluch eigener hoher Intelligenz muss jeder auf seine Art entkommen. 😉 Aber die Musik bringt zu den Brötchen noch die Marmelade. Außerdem hat man ja auch noch eine Seele.

        Glückwunsch zum frühen Absprung aus der Landeier-Welt. Räumlich diese große Freiheit auf den Feldern – sie zieht mich heute noch magisch an. Aber geistig ist es oft ganz eng eben dort.

        Was Laptops und Logic 8 angeht: Warum auch nicht? Das Problem ist meines Erachtens ein anderes: Wenn die Werkzeuge übernehmen, kommt nix Interessantes mehr raus. Erst kommt die Idee, dann das passende Werkzeug. Wenn das Werkzeug und Instrument meiner Wahl dafür in Logic steckt, oder ein Plattenteller ist, warum auch nicht. Bandmaschinen habe ich jedenfalls bisher nur zum Scratchen benutzt. Das mache ich derzeit aber nicht mehr, aus einem ganz banalen Grund: Wie jedes Instrument muss man auch Tape-Scratchen üben, bis es richtig funktioniert.

        Dass Tontechnik und Equipment heute so günstig ist, ermöglicht mir sehr viel. Zugleich vermittelt die Tatsache aber manchem das Gefühl, er müsse sich nur Maschine X kaufen, und schon läuft’s. Ein schöner, bequemer Gedanke. Aber leider falsch. (Oder zum Glück, sonst wär’s ja echt für die Katz, wirklich was zu können.)

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