»Once you go excellence, you can never go back.«

Wie kann es sein, dass Menschen, die Philip K. Dick für einen Pornostar, Asimov für eine Wodkasorte, E. T. A. Hoffmann für einen Schlagersänger und Hans Dominik für den Radiomoderatoren Domian halten, in einem Verlag für utopische Literatur Entscheidungen treffen dürfen?

Meine erste Zusammenarbeit mit einem Großverlag in den frühen 90ern lief geradezu bilderbuchschön ab. Was vor allem an der tollen Lektorin lag. Eine kluge Frau, die mich nachhaltig inspiriert hat. Älter als ich, Doktortitel, viele VÖs in der Vita, eine konstruktive, zielführende Art, mit der sie mir bei der Optimierung meines Manuskripts half. Das Buch wurde gut und verkaufte sich in fünfstelliger Stückzahl.

Diese positive Erfahrung hat mich quasi »versaut«: Ich kann nicht mehr mit Idioten. Hier schließt sich der Kreis zum Eingangszitat, mit dem heute meine liebe Kreativ-Kollegin Stella ebenjenen Sachverhalt auf den Punkt brachte.

Meeting. Mir gegenüber eine, ahem, »Lektorin« Mitte 20, die an ihrer Kleinmädchen-Ponyfrisur rumfummelt und dabei mit Acryl-Fingernägeln schnippt, außerdem ein Praktikant sowie die erkennbar desinteressierte Programmleiterin. Der Verleger selbst ist angeblich ein Fan von deutschsprachiger Sci-Fi, jedoch nicht anwesend. Was ich auch gerne über mich sagen würde, doch ich habe einen Job: Stoff verkaufen. Süffiger Wissenschafts-Thriller made in Germany. Ich könnte genausogut Texte über sechswertige Schichtsilikate oder natives Hydrauliköl pitchen.

Bitte, geschätzter Leser: Wieso dürfen Menschen, die Philip K. Dick für einen Pornostar, Asimov für Wodka und E. T. A. Hoffmann für einen Schlagersänger halten, über Sein oder Nichtsein von moderner Phantastik entscheiden?

Statt ihr Bildungsdefizit einzuräumen und etwas dagegen zu tun, fängt das Nagelmodel an, sich um Kopf und Kragen zu reden: »Ähm, da fehlt mir der Twilight-Approach, so vampirmäßig. Verschiedene Realitäts-Ebenen? Verstehen die Leser nicht. Heinlein, wer? Nie gelesen. Frequenzmodulation, Quantenphysik? So wie in Lost? Ja, hab ich schon damals nicht kapiert, hihihi. Wann ist die erste Sexszene? Nee, früher. Bringen Sie im ersten Kapitel was mit BDSM. Die weibliche Hauptfigur soll sich der männlichen unterordnen. Noch eine Frau? Streichen wir. Dieses Phasenschiebding erfindet halt der Mann, das ist eh glaubwürdiger. Wissenschaftlerin, wichtig für den Plot? Na gut, dann soll sie mit der anderen was anfangen, bisschen bi muss sein. Einen Migrationskonflikt müssen Sie einbauen, und lassen Sie die Physik weg. Überhaupt soll es Richtung Scheißaufgrey gehen …«

Ich finde alleine raus, danke. Und ich mache die Tür ganz leise zu. Ohne zu schreien, Möbel umzuschubsen oder das impertinente Huhn zu ermorden und auf den Grill zu legen. Obwohl, Lust auf Frango Piri Piri hätte ich ja.

In solchen Momenten bin ich ehrlich gesagt ratlos. Was ist passiert im Land der Dichter und Denker? Seit meinem Debüt durfte ich 13 Bücher und mehr als 800 Auftragstexte veröffentlichen. Manche ohne eine Änderung, manche mit vielen Korrekturrunden, aber immer so, dass am Schluss alle happy waren: Leser, Verlag et moi. Und nun? Sitzen mir statt Lektorinnen antifeministische Barbies gegenüber, die von Literatur noch weniger verstehen als ein Heftpflaster von Atomphysik.

Wie soll man da anständige Bücher machen? Wo sind die Verleger, die das Gleiche wollen wie ich: gute Geschichten produzieren? Wo sind die Lektoren, die ihren Beruf gelernt haben und wissen, wie Stoffentwicklung geht? Die literarisch wie dramaturgisch bewandert sind und aus einem ordentlichen Manuskript ein druckreifes machen können? Wo sind die Verlage, die Geschichten für die Millionen Fans von Phantastik à la »Das Blaue Palais«, »Amazing Stories« und »Ubik«, »Mächte des Wahnsinns«, »Vanilla Sky«, »Donnie Darko«, »Welt am Draht« oder »Die Elixiere des Teufels« verkaufen wollen? Wo? Alle aus dem 12. Stock gesprungen oder nach Lanzarote ausgewandert?

An dieser Stelle ein herzhaft geschmettertes DANKE an den Verleger meiner Erotikromane. Es gibt sie, die »richtigen« Verleger. Von der Sorte bitte mehr 🙂

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16 Kommentare zu „»Once you go excellence, you can never go back.«

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  1. Die Verleger mit Herzblut sind inzwischen zu oft beerbt worden von Bilanzierern, Anzugmenschen und dummen jungen Hühnern ohne Lebenserfahrung, die durch Vitamin B der Eltern einen Job ausfüllen, den eine Parkuhr besser erledigen würde. Ist in der Zeitungsbranche nicht anders. Noch Fragen?

    1. Nein, es ist nicht so grauenhaft. Es ist viel grauenhafter.
      Die wüstesten Äußerungen habe ich gar nicht zitiert. Weil man anhand derer die betreffenden Verlage bzw. Personen leicht identifizieren könnte 😉

      1. Vom Genre moderne Phantastik habe ich keine Ahnung, leider. Doch die grauenvolle Situation im Verlagswesen kann ich nur bestätigen. Ein Graus, allüberall wo man hinschaut. Schon lange sage ich, dass auch für Lektorinnen das Styling alles zu sein scheint.

        Dir, liebe Kathrin kann ich leider nur die kleinen, feinen Independent-Verlage empfehlen, die noch mit Liebe und Sorgfalt Bücher machen.

        Schau doch mal hier bei der GVA =Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen, hier könntest Du eventuell einen Verlag finden, der zu Dir und Deinen Büchern passt.

        Liebe Grüße aus dem Kabinett,
        Renate

    1. Gnihi… ja, dann gibt’s wirklich tote Hühnchen *schleck* wenn’s nicht so erniedrigend und existenzbedrohend für uns Autoren wäre, könnte man über soviel Hirnlosigkeit herzhaft lachen.

      1. Die Phantasie, dass Acrylnägel die Waffen der Zukunft sind, mit denen sich die Frauen gegen ihre Geschlechtsgenossinnen auf dem Weg nach oben wehren, birgt eine Menge Potenzial – oder?

    1. … wenn es wenigstens hübsch glitzern würde… ich kann gut gemachtem Glitzer durchaus was abgewinnen 😉 visuell wie metaphorisch. Und wenn sich Frauen partout Plastikteile irgendwohin kleben wollen, von mir aus. Jeder wie er mag. Aber müssen sie deshalb ihren Job so mies machen? Styling hin oder her, was sie da fabrizieren, ist einfach ordinärer kraftloser Mist.

      1. In der Musik ist das ja nicht anders. Da gibt es das auch. Wir fragen uns: Wer kuckt „Musikantenstadl“ wirklich? Tausende. Im Schlager gibt es die Unfähigen und die Verzweifelten, schrieb Harry Rowohlt mal in einem Brief. Und das hat auch alles seine Richtigkeit. Auch in Büchern.

        Schlimm wird es dann, wenn die beiden Welten kollidieren.

        Abgesehen von all dem finde ich künstliche Fingernägel bei Frauen zumeist leider sehr abstoßend. Ich bekomme dann Schwierigkeiten, die entsprechende Person ernstzunehmen, denn eine solche Fingerausstattung ist (vermutlich unabsichtlich) auch ein Statement gegen die meisten mit den Händen verrichteten Tätigkeiten. Wie verträgt sich diese Mode eigentlich mit den teuren iPhone-Touchscreens?

  2. @nextkabinett: Danke 🙂

    Ich hab mir die Liste gleich angeschaut, da steht auch ein Verlag drin, mit dem ich mal kurz in Verhandlungen stand. Präsentiert sich als »echter« Verlag mit Anspruch, ist aber ein Druckkostenzuschuss-Verlag. Das offenbart er salamitaktikweise. Zuerst gibt’s den IG Medien Mustervertrag mit Normkonditionen. Dann kommen die Änderungen: Kleinstauflage, Kosten für Druck, Material und Versand (!) sollen in voller Höhe (!) von den ca. 3-5% Tantieme (!) abgezogen werden. Rechteübertragung gratis, inkl. Nebenrechte. Keine Pressearbeit, keine Vertriebsunterstützung. Lesungen, Promo auf Autorenkosten. Ach ja, und auf dem Cover sollte der Name des Herrn Verlegers prangen. Begründung: er würde ja das Risiko tragen.

    Statt sich auf sowas einzulassen, ist es kaufmännisch zielführender, einen on-Demand-Service zu nutzen. Man hat die selbe Arbeit, erhält aber zwischen 10% und 30% Erlös vom Nettopreis und behält vor allem die Rechte am Werk. Wichtig, denn falls ein Kleinverlag über den Jordan geht, werden die Nutzungs- und Verwertungsrechte unter Umständen der Insolvenzmasse zugerechnet!

    1. Sehr gerne. 😉 Ach ja, Druckkostenzuschuss-Verlage gehen ja gar nicht und diese Salamitaktik ist ebenfalls unmöglich. Ich rate jedem ab, bei einem solchen Verlag zu publizieren. Wie eitel ist denn dieser Herr Verleger? Der Verlagsname ist ja die Regel und sollte genügen …

      Ich stimme Dir zu, on-Demand-Sevices sind in jedem Fall die bessere Wahl. Einer mir bekannten Autorin habe ich dazu geraten, sie ist zufrieden damit. Der Aspekt der Rechte am eigenen Werk im Falle einer Insolvenz eines Kleinverlages sollte jedem Autor evident sein. Dass in einem solchen Fall die Nutzungs- und Verwertungsrechte schlimmstenfalls der Insolvenzmasse zugerechtet werden, war mir so noch nicht bekannt. Vielen Dank für den Hinweis. Dass Kleinverlage mit solchen Informationen nicht hausieren gehen, leuchtet ein, denn wer würde sonst noch bei diesen publizieren …

    1. Gerne, und danke Dir fürs Rebloggen 🙂

      Ja, leider ist die Literaturlandschaft in Deutschland zu einem, pardon, Müllhaufen verkommen. Wer anspruchsvolle, ungewöhnliche, gut erzählte und handwerklich sauber geschriebene Geschichten schreibt, findet kaum noch kommerzielle Verlagspartner.

      Mit geistlosem Geschriebsel hingegen, das die inhaltlichen Vorgaben der Werbekunden erfüllt (ganz oben auf der Liste: kostenpflichtige Seitensprungportale) kannst Du sofort einen Deal landen. DAS sollte mal offen thematisiert werden! Aber leider sind diese Machenschaften gut gehütete Geheimnisse. Damit die Kundschaft den Müll weiterhin unkritisch für Unterhaltung hält und bezahlt. Wer weiß denn noch, was gute Geschichten mit echten Plots sind?

  3. Hihi, super. Da erging es dir ja erst kürzlich im Grunde so wie mir, mit meinen jetzigen Verlagshaus Insassen. Oder einfach so wie jedem Autor, der heutzutage auf der Suche nach reibungsloser Zusammenarbeit ist. Gerade in letzter Zeit muss ich immer deutlicher erkennen, dass bei den mir zugeteilten Prokuristen und Lektoren, es bestimmt schon etwas länger an der Lebenseinstellung zu kranken scheint und so, wie ich auch im nächsten Projekt mit Sicherheit einer veraltet buckeligen Brotspinne stets auf ein Neues ins Netz gehen werde, so wird denen bei einer möglichen Zwangseinweisung ein „Absolutes Hirn-frei“ attestiert. PS: Ich habe mich während dem lesen des Blog köstlich amüsiert…danke für diese treffende Morgenlektüre 😉

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