»Oh, hatten Sie mal einen Unfall?«

Mit diesem Satz fing in diesem Sommer etwas Wunderbares an. Eine wildfremde Frau fragte mich danach. Eine junge MTA im Krankenhaus, die während einer Routineuntersuchung ein CT meines Schädels anfertigte und das Bild auf dem Monitor betrachtete. Ihrem wachsamen Blick entging nicht die dunkle Linie. Eine alte Fraktur in der Schädelbasis. Von außen unsichtbar, verheilt, geheim. Verheilt?

Ich schaue sie ein paar Sekunden lang schweigend an, diese nette Frau, der es egal sein könnte. Egal sein sollte. Sie wartet geduldig. Die Sekunden werden länger. Dann zerbricht etwas. Kein Knochen diesmal. Aber es knirscht trotzdem in mir, irgendwo ganz tief.

In dem drögen Zimmer in der Radiologie habe ich es gesagt, laut und deutlich. Nein, kein Unfall. Absicht. Absicht der Frau, die »Mutti« genannt werden wollte, dafür dass sie mich an den Haaren, deren Rot sie ebenso verabscheute wie den Rest meines Wesens, durch die Wohnung schleifte und anschließend meinen Kopf gegen die Badewanne trümmerte. Zwischendurch auch gegen den Türrahmen. Und erst von mir abließ, als Blut aus Ohr und Nase floss.

Sie ist nicht schockiert, sie zieht auch nicht ungläubig die Augenbrauen hoch, wie ich es so gut kenne aus der Zeit, als ich noch versuchte, mir bei Außenstehenden Hilfe zu suchen, aber keine fand. Wie, was, misshandelt? Gequält? Vom ehrenwerten Herrn Kirchenchordirigenten und seiner Frau, dem schüchternen zarten Rehlein?
Ehrenwert. Schüchtern. Pffffh, my ass.

Sie ist ganz ruhig, freundlich, sachlich und schreibt es hin. Fragt, ob es die einzige Verletzung dieser Art gewesen sei. Und ich rede weiter. Es will raus, raus, raus, ausgesprochen werden. Nur die Mutter? Nein, beide Eltern. Wie oft? Täglich. Wie lange? 15 Jahre lang. Schläge, Fußtritte, Verbrennungen. Knochenbrüche, unzählige Gehirnerschütterungen, ausgerissene Haare, angeknackste Rippen, aufgeplatzte Lippen, abgebrochene Zähne, schiefgetretenes Gesicht. Keine Frage nach dem Warum. Es gibt kein Warum.

Ich ging weg, änderte meinen Namen und brach jeglichen Kontakt ab. Machte Abitur, suchte und fand einen Ausbildungsplatz, studierte nebenher BWL, hielt mich mit allen möglichen und unmöglichen Jobs über Wasser, schaffte es schließlich als hauptberufliche Kreative – und schwieg. Aus Scham, aus Angst. Nur eine Handvoll Menschen kennen die Wahrheit. Der Gedanke, davongekommen zu sein und mir aus eigener Kraft ein glückliches, erfülltes Leben aufgebaut zu haben, relativiert die chronischen Schmerzen. Folgeschäden.

Und wieder: Schweigen. Aus Scham, aus Angst. Ich, die *TV-Feature-Modus an* »Powerfrau«, das »Selfmade-Wunderkind«, die »einzige echte deutschsprachige SciFi-Autorin«, die »hochbegabte Komponistin und Multiinstrumentalistin«, Literaturpreisträgerin, Drehbuchschreiberin, Bühnenmusikerin, Top-10-Texterin, ein fröhlicher Mensch, der alles wuppt und unerschöpfliche Energiereserven spazierenträgt – ein Opfer von Gewaltverbrechen? Unvorstellbar.

Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Schweigen. Verdichtet, verhärtet, versteinert. Bis eine fremde MTA mit einer harmlosen Frage das scharfkantige schmerzende versteinerte Schweigekonstrukt zum Bröckeln bringt.

Ich schweige nicht mehr. Ich »oute« mich, wie es neudeutsch heißt. Ich arbeite ihn mit einer qualifizierten Therapeutin durch, den alten Mist. Ich lasse mich nicht mehr von Gespenstern quälen, die mir einflüstern, dass man »über sowas« nicht spricht, weil es ein Makel, ein Stigma, ein Mangel meiner Person sei. Was für ein Riesenhaufen Scheiße! Groß genug, um einen Schatten zu werfen, in dem sich die Täter sehr gemütlich verstecken konnten. Schluss damit. Licht an, überall Licht an, Fenster auf, Luft und Sonne rein, es ist mein Leben. Meins, und es ist wunderschön!

Nein, ich setze mich nicht in Talkshows, ich schreibe auch kein Betroffenheitsbüchlein mit Opfergeschichten. Erstens bin ich kein Opfer und zweitens nicht bereit, den Tätern so viel Macht im Jetzt einzuräumen. Aber ich rede. Ich hole die scheußlichen Bilder aus dem Keller, eins nach dem anderen, ziehe sie ins Licht und lasse sie in der Sonne vertrocknen, ausbleichen, zerfallen. Loslassen. Ganz neu herausfinden, wem ich vertrauen kann. Und wem nicht. Ja, er sitzt tief, der Kernverrat, der sich selbst so gut hütet und raffiniert tarnt, in Schmerzen versteckt und mein Leben aus dem Hinterhalt so oft vergiftet hat, ohne dass es mir bewusst war. Vergangenheit. Vorbei. Loslassen, heilen.

Danke!

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7 Kommentare zu „»Oh, hatten Sie mal einen Unfall?«

Gib deinen ab

  1. ES gfeällt mir nicht, WAS ich lese. Ich schätze sehr: Deinen Mut, Deine Kraft, Deine Ehrlichkeit… Danke, dass Du mich schon so lange an den Künsten teilhaben lässt, die Du dank Deiner Schutzmechanismen entwickelt hast. DAnke DIR!

  2. Du hast überlebt und das ist was zählt … ich weiß grad nicht was ich sagen soll, aber ich bin berührt von deinen Worten und die Vorstellung davon was du ertragen musstest lässt mich schaudern…

    LG TB

  3. Liebe Kathrin,
    ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft, Mut und Stärke. Es ist ein langer therapeutischer Weg, den Du jetzt eingeschlagen hast, doch gibt es nur noch ein Vorwärts und das ist gut so. Ich weiß es, denn ich bin ihn auch gegangen. Es wird viele Tiefen geben, doch es wird sich am Ende lohnen. Bleibe offen für alles, was kommen wird, verschließe Dich nicht dem Schmerz, der heraus will … und ja, es beginnt meistens mit solch ‚harmlosen‘ Begebenheiten wie Du sie oben geschildert hast. Das Unbewusste bahnt sich seinen Weg …

    Alles Liebe,
    Renate

    1. Danke liebe Renate! Ja, es dauert lange. Ich gehe den Weg »eigentlich« schon zum zweiten Mal. Mitte der 90er habe ich es schon mal versucht und völlig zerschossen auf halbem Weg aufgegeben. Falsch gewählte Ratgeber (auch therapeutische) und meine dadurch unterstützte Flucht in ein vermeintlich sicheres Verdrängen, gepaart mit Selbsttäuschung wirkten kontraproduktiv. Aber es bahnt sich alles seinen Weg. Glücklicherweise 🙂

      Ja, es tut weh. Manche Bilder hatte ich so gründlich verdrängt, dass mich ihre Bösartigkeit jetzt, wo sie aufsteigen und raus wollen, umso mehr verstört. Aber es lohnt sich. Es geht mir mit jedem Tag besser. Es ist faszinierend, wie unmittelbar und prompt mein Körper auf die veränderten Gedanken reagiert. Als ob meine Zellen nur darauf gewartet hätten…

      1. Liebe Kathrin,
        ja, was Du beschreibst, kenne ich nur allzu gut. Es geht vielen so, dass erst der zweite therapeutische Anlauf wirkliche Früchte trägt. Das Unbewusste meldet sich genau dann, wenn das Bewusste auch damit umgehen kann.

        Ein sehr schönes Bild: „als ob Deine Zellen nur darauf gewartet hätten …“ Bewahre Dir dieses Bild. Es ist jetzt wichtig, gute Bilder zu imaginieren …

        Alles Gute für Dich. Du schaffst das, hast die besten Vorraussetzungen dafür ..
        Renate

    1. Kleines Update: Das mit den Zellen, die nur drauf gewartet haben, war nicht nur eine Metapher, sondern ist der Kern der Wahrheit. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass jeder, wirklich jeder in meiner Pseudo-Familie lügt. Meine Eltern sind nicht meine Eltern. Mein Bruder ist nicht mein Bruder. Die Menschen, die ich für meine Familie hielt, waren Fremde. Aber immerhin, meine Zellen wussten die ganze Zeit, dass ich mit diesen angeblichen Eltern gar nicht verwandt sein konnte, denn dabei handelt es sich schlicht um charakterlichen Abschaum. To be continued.

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