Wie ich stumme Protagonisten zum Sprechen bringe

Rocks_klein

Manchmal schraube ich tagelang an ein paar Seiten rum und komme nicht voran. Nein, keine Schreibblockade. Aber die Figuren in meinen Geschichten geben sich gelegentlich kapriziös, haben Befindlichkeiten. Schütten sich mittags Tequila in den Hals, färben sich die Haare, wollen andere Namen, eine Allergie oder ein neues Auto und weigern sich, das zu sagen, was ich schreibe. Schmollen mich stumm an. Hmpf.

In diesen Fällen hilft nur: raus. Dorthin, wo echte Leute rumlaufen, echte Sachen sagen über echtes Leben. In diesem Fall gehe ich ans Rheinufer, parke mich und die sturen Figuren in der Sonne und, aaaaah, schon eilt das Leben liebevoll zur Hilfe, prallfüllsatt in seiner inspirierenden Geschwätzigkeit, die neue Dialogideen im Sekundentakt produziert:

»… Regen angesagt!«
»Habt ihr etwa immer noch die Ameisenstraße quer durchs Esszimmer?«
»Das Viertel Riesling für drei Euro. Man sitzt da auch schön.«
»… kamen wir auf diesem Zeltplatz an, alles knochentrocken! Die Heringe hätteste nicht mal mit nem Presslufthammer in den Boden gekriegt. Toll, unser 800 Euro Zelt war …«
»Und wieso kacken dann nur die großen Enten auf den Weg und die kleinen ins Wasser?«
»Wenn du Erdbeertiramisu machst, darfst du keinen Rum nehmen, davon werden die Erdbeeren bitter. Orangenlikör ist gut! Und gute Schlagsahne rein, keine fettfreie.«
»Und jetzt überholen, Louisa-Madeleine. Fahr vorbei, die Tante da muss dir Platz machen.«
»Aber bevor die kamen, hat Stephan den ganz großen Showdown geliefert. Von wegen ich hätte kein Vertrauen und so. Für wie blöd hält der mich? Wiebke hat geheult und sich mit Jonas ins Kinderzimmer verzogen, der Abend war im Eimer, und dann hat auch noch Sabine …«
»Wieso Styroporball?«
»Das hat stark geblutet vorhin, aber wenigstens ist die Scherbe raus.«
»… hat der Coach auch gesagt.«
»… komplett in Typo 3 und CSS, aber zum Glück ohne Flash.«
»Fürn Zwanziger holt sie dir höchstens einen runter. Blasen kostet mehr. Schlucken? Kannste vergessen, die lebt vegan und mag kein tierisches Eiweiß.«
»310 PS, aber ich will den mit 450.«
»… liebe dich.«
»Er hat den Taxischein nicht bestanden. Mangelhafte Ortskenntnis. Kein Wunder, manche wissen ja inzwischen nicht mal mehr, in welchem Land sie sind.«
»Guck mal, der Schwan mit ganz kleinen Babies!«
»Das ist kein Faschingsglitzer, das nennt man Gottesteilchen. Doch, wirklich. Und keiner weiß, aus was sie sind. Ach, Heike, wieso lachst du denn jetzt? Der Meister hat doch gesagt, Unverständnis bedeutet schädliche dunkle Energien …«
»Nein, ich glaube, er wird seine Frau nie verlassen.«
»Henry, aus, pfui!!!«
»Veilchen? Die blühen jetzt nicht mehr. Was du da riechst, sind Maiglöckchen.« – »Nee, die riechen anders.« – »Aber sie blühen im Mai.«
»… nie mehr ohne Fußbetteinlagen.«
»… dritte Pilzinfektion in dem Jahr.«
»Blödes Gebüsch, das atmet uns die ganze frische Luft weg!«
»…nur in der Doppelschienenführung. Oder halt gleich über Hydraulikflügel mit elektrisch.«
»Und wie krieg ich das Update wieder runter? Das macht nur Mist, ich will die alte Version wiederhaben!«

Eat this, schmollender Protagonist. Gut, dass wir mal drüber geredet haben 😉

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2 Kommentare zu „Wie ich stumme Protagonisten zum Sprechen bringe

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  1. Das Leben am Rheinufer 🙂 wunderbar! DAS kann sich keiner ausdenken! Danke liebe Kathrin 🙂
    Und falls du wirklich wissen willst, warum nur die großen Enten auf den Weg kacken… da gibt es hier in Moskau einen Spezialisten 🙂 #reiherente norbert

    Quak

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