Danke, Hans Paetsch!

Heute am 7. Dezember würde er seinen 104. Geburtstag feiern: Hans Paetsch. Die wundervolle, unverwechselbare Stimme, die uns als Kinder in die Phantasiewelten von Jorinde und Joringel, das Wirtshaus zum Spessart, der kleine Muck, Ali Baba, Sindbad und Aladin samt Wunderlampe führte. Nicht zu vergessen die vielen, vielen Hörspiele von H.G. Francis, die durch Hans Paetsch lebendig wurden. Seine Stimme ist neben denen von Horst Stark, Gernot Endemann und natürlich Joachim Tennstedt eine feste Größe in meiner Vorstellungskraft.

Zeitsprung. Ende der 90er Jahre stehe ich in der Teeküche der Hamburger Hastings-Studios und suche Zucker für meinen Kaffee. Ekliger Süßstoff überall, aber kein Zucker, grmpf. Endlich finde ich eine aufgerissene Schachtel Würfelzucker und begrüße sie mit angemessenem Vor-mich-hin-Gemurmel. Plötzlich diese Stimme hinter mir:

»Guten Morgen! Aha, Sie haben Zucker gefunden, den hab ich vorhin schon gesucht.«

Kann das sein? Ja, es kann.

Wie reagiert eine erwachsene Frau, wenn sie unvermutet einer Legende aus Kindertagen begegnet? Klar: Die Erwachsene verwandelt sich, schwupps, in eine staunende Fünfjährige, die gar keinen Kaffee mag, geschweige denn Auto fährt oder in einem Studio arbeitet, dafür jede Nacht heimlich Hörspiele auf dem Mono-Kassettenrecorder mit weißem Ohrstöpsel unter der Bettdecke hört.

Ich: »Guten Morgen. Ja, Zucker, bitteschön *rüberreich* ähm *zusammenreiß* Sie arbeiten vorne in der großen Suite?«
Paetsch: »Ja, wir synchronisieren heute ein Computerspiel. Und was machen Sie?«
Ich: »TV-Spots für eine Agentur vertonen. Ich bin Texterin und mach die Sprachregie.«
Paetsch: »Glaub ich nicht.«
Ich: »Öh… wie jetzt?«
Paetsch: »Dass Sie Agenturtexterin sind. Was machen Sie wirklich?«

Treffer, versenkt. Deutschlands berühmtester Geschichtenerzähler hat einen eingebauten Röntgenblick. War ja klar.

Aus dem Dialogfragment entspinnt sich eine lustige Unterhaltung. Ich weiß nicht, wie ich mir das Bild zur Stimme vorgestellt hatte. So jedenfalls nicht. Aber ich schaffe es, den dynamischen, gutgelaunten 90-Jährigen, der da in Cordhosen, Windjacke und mit Schiebermütze vor mir steht, mit der Erinnerung in Einklang zu bringen. Wir plaudern über Beruf und Berufung, Literatur und Bücher, Nachkriegswirren, Rosenzüchtungen, Hamburg sowie die unbedingte Notwendigkeit von Freunden, Sonne und guten Schuhen. Und die Tatsache, dass nichts unmöglich ist. q.e.d.

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