Kurzgeschichte: Tot wie Gold

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Ich wiege ungefähr zwei Tonnen und bestehe aus Basalt, Quarz und Pyroxen. Wie alt ich bin? Ein paar Millionen Jahre werden es sein. Eiszeiten schieben mich über den Globus, die Erde verschlingt mich und drückt mich wieder ans Licht. Komisches Gefühl. Aber man gewöhnt sich an vieles. Und auch wieder nicht. Diese Sehnsucht, wissen Sie –

Etwas hat sich seit gestern verändert. Ich bin nicht mehr allein. Zwei Dutzend Wesen aus gestapelten Steinen leisten mir am Rheinufer Gesellschaft. Wir zeigen dem Großstadtlärm den Rücken und schauen Schiffen beim Vorbeibrummen zu.
Derjenige, der die Steine gestapelt hat, war fleißig. Außer den Männchen erschuf er einen windschiefen Baum, ein dreiköpfiges Fabelwesen und einen aufrecht stehenden Ring. Balance in Vollendung. Warum bringe ich es fertig, an Sekundenkleber und Fertigbeton zu denken? Ist das Menschdenk, Menschfühl?

Statt einer Antwort nehme ich Schritte wahr. Eine ältere Dame steigt die Böschung hinab und setzt sich auf einen Eisenpoller direkt am Wasser. Sie sieht mich nicht. Zwischen uns steht eine Korkenzieherweide. Aber ich kann sie sehen, die Frau. Sie trägt ihr schneeweißes Haar zu einem Pagenkopf frisiert, dazu einen Wollrock, Schnürstiefel, Pulli und eine beige Trachtenjacke. Die ganze Erscheinung sagt »Seniorin«, und doch, tänzerinnengleich agil ist sie, sitzt kerzengerade, ihr goldener Ehering funkelt im Sonnenlicht. Sie freut sich. Dann erfahre ich, worüber.

Wieder Schritte. Diesmal feste, männliche. Ein Kormoran fluppt aus dem Wasser, reckt den Hals und schaut nach, was am Ufer vor sich geht. Ein Motorradkonvoi röhrt über die Schiersteiner Autobahnbrücke und klingt nach Wochenende, Bier und Sex. Eine Eidechse huscht auf meinen Fuß, huch, seit wann trage ich Stiefel? bleibt sitzen, sonnt sich auf dem violetten Leder, schaut mich an und wuselt davon.

Der Mann ist im gleichen Alter wie die Frau. Er küsst sie, schließt sie in die Arme. Auch an seiner Hand glänzt Gold. Die beiden schmiegen sich so eng aneinander, dass kein Grashalm mehr zwischen sie passt. Wie lange sie wohl verheiratet sind?
Ich höre Satzfragmente. Dinge, die man zueinander sagt, obwohl alles gesagt ist. Bausteine für Menschfühl, warmweichvertraut. Es klingt schön und nährt die tröstende Gewissheit, dass alles gut wird.
»Liebe meines Lebens.«
»Nie wieder trennen.«
»Immer für dich da.«
»Noch zu früh.«
»Entscheidung.«
»Angst …«

Ein Frachtschiff schiebt sich mit wuchtigem Dieseldröhn gegen das letzte Wort und die Strömung. Das Leuchten im Gesicht der Dame wird weniger. Sehe ich Ehrliches, kernblank, verwundbar, oder nur eine weitere Menschenmaske?
Der Moment geht zu schnell vorbei.
»Heute kam die Rückmeldung aus der Schweiz«, sagt sie. »Der Arzt kann ALS nicht ausschließen.«
»Das ist furchtbar.«
»Ja.« Sie seufzt. »Wir können es nicht tun. Wir brauchen Zeit.«
»Wir?«
»Ich brauche Zeit.«
»Wir warten schon so lange. Willst du warten, bis er tot ist?«
»Sprich nicht so von ihm!«
»Dann sprich du mit ihm.«
»Hast du mit ihr gesprochen?«
»Natürlich. Schon oft.«
»Hat sich etwas verändert?«
»Nein. Sie hört es, begreift es, bricht zusammen und vergisst es wieder. Jedes Mal neu. Jedes Mal Schmerz, alles zu Ende. Für immer, für fünf Minuten, wer weiß das schon.«
»Das ist furchtbar«, wiederholt sie seine Worte.
»Vielleicht sollte ich einfach gehen.«
»Und sie sich selbst überlassen? Das kannst du ihr nicht antun.«
»Du meinst, das willst du ihm nicht antun.«
»Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich auch.«

Ah, köstliches Menschfühl. Ich spüre – nein, ich spüre nicht, ich stürze hinein. Ich liebe dich. Warum? Streichelsüßer Amselgesang. Melodischer Ginsterduft, Lachen von Ferne. Der Sand unter meinen lila Stiefeln glitzert. Rheingold. Schwanenflügel, deren stolze Weiße raschelt wie sich blähendes Segeltuch. Wohlschmeckendes Veilchenblau, zügelloses Butterblumengelb zwischen den Steinen, so lustvoll. Dass es so sein würde!

Die Skulptur ganz links trägt einen Hut. In einem der Steine glänzt ein metallischer Schneckenhausabdruck. Ein Pyrit-Petrefakt. Seltsam, dass noch niemand den Brocken mitgenommen hat. Vielleicht, weil seine Entfernung das Steinmännchen einstürzen ließe? Und keiner gierig genug ist, einen Mord zu begehen für einen Briefbeschwerer?

»Das ist wieder so ein Moment«, sagte sie.
Der Mann schaut aufs Wasser.
»Ja.«
»Warum können wir nicht nur diese Momente leben? Warum muss es ein Dazwischen geben?«
»Sie tut es«, sagt er mit belegter Stimme. »Sie lebt in Momenten. Für sie gibt es kein Vorher, kein Nachher, nur das Jetzt.«
»Sie liebt dich.«
»Liebt er dich?«
»Ich lasse ihn nicht im Stich.«
»Das ist keine Antwort.«
»Was willst du hören? Es zerreißt mir das Herz, wenn ich seinen Blick sehe und weiß, dass er es weiß! Es gibt nichts, was ich tun kann. Nur da sein. Übersteht Liebe das Gefühl, abhängig zu sein? Übersteht Liebe Mitleid? Schuld, Zorn? Hilflosigkeit?«
»Wir haben uns.«
»Bete, dass es möglich sein wird.«
»Du weißt, ich glaube nicht an Gott.«
»An irgendwas muss man glauben.«
»Ich glaube an uns.«
»Ja.«
»Du nicht?«

Menschfühl Dissonanz. Eheringe, die nicht zusammenpassen. Am Frauenfinger schimmert ein Tricolor-Modell aus drei Goldsorten, während ein schlichter Gelbgoldreif die Männerhand schmückt. Die Ringe stammen aus verschiedenen Welten. Diese Liebenden sind kein Ehepaar. Ich beginne zu frieren.
Das ist also die Antwort auf die Frage nach dem Warum? Weil es befristet ist; flüchtig, sterblich, vergänglich? Darum?

»Dräng mich nicht«, verlangt sie.
»Drängen? Zwei Jahre, ich halte das nicht länger aus!«
»Glaubst du, mir fällt das leicht?«
»Dann lass es uns ändern.«
»Wir sollten einander beistehen, statt uns unter Druck zu setzen.«
In ihren Worten schwingt ein warnender Unterton mit.
»Wie soll ich dir beistehen, wenn du mich nicht lässt?«
»Ich lasse dich ja!«
»Ich will nicht weggelogen werden.«
»Ich lüge dich nicht weg. Jeder weiß, dass wir uns lieben.«
»Weiß er es?«
»Weiß sie es?«
»Sie würde es sofort wieder vergessen.«
»Du hast es ihr nicht gesagt.«
»Dass ich gehen werde? Doch.«
»Aber dass es mich gibt, weiß sie nicht, nein?«

Klock. Klackschrrrramm, klicklack.

Der Steinkünstler. Oben am Weg parkt sein Fahrrad. Unbemerkt kam er, um sein Werk zu erweitern. Das kleinste Steinmännchen bekommt einen zweiten Kopf, der schiefe Baum wächst noch schiefer, im Schutz seiner Krone wird ein weiteres Fabeltier geboren. Restlicht flirrt auf dem Wasser und lässt es aussehen wie flüssiges Gold. Wesen, deren komplizierte steinerne Seele nie geboren wurde, keinem Zweck folgt und nicht verstanden zu werden braucht, um zu existieren. Seelenverwandte? So wohltuend. Doch das Sterbliche in mir wehrt sich, will mehr. Will kein steinernes Ding mehr sein; will verstehen und verstanden werden. Kein Reiz, kein behutsamer Flirt mehr mit Chiffren. Schiere Seins-Notwendigkeit.

»Nächste Woche soll sie auf den neuen Acetylcholinesterase-Hemmer eingestellt werden.«
»Das ist gut. Hoffentlich hilft es ihr.«
»Du lenkst ab.«
»Ich? Du hast damit angefangen!«
»Hab ich nicht.«
Sie sieht ihn an und sagt ihm wortlos, dass er Unsinn redet.
»Bedeutet dir unsere Freundschaft gar nichts?«
»Freundschaft …«, wiederholt er gallig.

Der Künstler steigt auf sein Fahrrad und verschmilzt mit dem Wohlklang des Sonnenuntergangsoranges. Ich möchte das auch tun. Mir wird immer kälter.

Plötzlich fehlt ein Stein. Das Ohr des jungen Fabeltiers ist weg.

Ungläubiger Blick des Mannes, Frauenhand fasst Stein.
Ich fasse es nicht. Möchte eingreifen, schreien und verhindern, was bereits geschehen ist. Das Menschfühl wird brüchig wie ein staubiger alter Theatervorhang, zerfällt und gibt den Blick frei auf das, was dahinter liegt. Nein, so wollte ich das nicht, niemals! begehrt ein Teil von mir auf.
Vergeblich, er weiß, dass er sich irrt. Natürlich wollte ich es so. Ich wollte es verstehen, wollte es fühlen, nun bezahle ich den Preis.
Ich bin.

Das Fabeltierkind ist nun taub. So bleibt ihm erspart zu hören, was ich höre. Kein Kind, auch keins aus Stein, sollte das hören müssen. Es klingt wie ein morscher Ast, der zu Boden fällt und zerbricht.
Nicht wie Mord, nicht wie Tod, und doch ist er es höchstselbst, der Gestalt annimmt und dem zertrümmerten Schädel raubt, was eben noch hoffnungsvoll »ich liebe dich« sagte.
Wenn es sich beeilt, holt es das fliehende Sonnenuntergangslicht ein und schafft es mit ihm zusammen auf die andere Seite.

Die Frau beobachtet den Sterbenden.
Ich beobachte sie. Spürt sie meinen Blick, oder habe ich doch geschrien? Sie sieht mich, ihre Lippen werden schmal. Sie packt den Stein fester, während ihre Augen mich schockfrosten wollen. Keine der vergangenen Eiszeiten trug so viel Klirrkälte in sich. Wir wissen, dass es vorbei ist.

Mein Menschfühl flieht, verbindet sich wieder mit allem, was ist. Ich bin das Wasser, das träge vorbeiströmt, bin der Stein, der kalte Frauenfinger um sich spürt, das Gold, bin all das, was zwischen uns vibriert, schwingt, spannt, zerrt – ach! ich müsste nur nachgeben, loslassen, schon wäre alles, wie es immer war.
Doch mein letztes Ich-Fragment will nicht, dass es vorbei ist, will leben; es lebt und kämpft. Ich nehme es und renne, weg von der Kälte, klettere die Böschung hinauf, rutsche aus, schmecke Boden, Blut, kalte Luft, kralle mich in saftige Grasbüschel, trete nach hinten, dorthin, wo die Frauenhand an meinem Stiefel zerrt. Furchtbare Kopfschmerzen, ein Puls, endlich oben, Blaulicht, Zuschauer, Kinder.

»Diedo hat ollesgsien«, bellt eine Männerstimme. »Die hoddieganse Zeit do gsesse!«
Mit diedo bin anscheinend ich gemeint, denn eine uniformierte sonnenbebrillte Frau kommt auf mich zu.
»Was ist hier passiert?«, fragt sie.
»Woher soll ich das wissen?«
»Haben Sie getrunken?«
»Nein, und Sie?«
»Medikamente?«
»Danke, im Moment nicht.«
Warum sage ich das? Was mache ich hier? Und wo ist die Mörderin geblieben?

»Ich bin nüchtern«, versichere ich. »Fragen Sie den Kormoran, der weiß es. Kormorane sind immer nüchtern, oder? Sie hat den Mann erschlagen, mit dem Ohr des Fabeltiers!«
»Mit dem Ohr …«
»Ja! Sie hat es genommen und ihn erschlagen. Mit dem Ohr! Und dann mich. Womöglich.«
Sie lächelt und nimmt die Sonnenbrille ab.
»Gewiss.«

Unter mir öffnet sich der Boden. Das ist keine Metapher. Er öffnet sich tatsächlich, wieder einmal, und verleibt sich das ein, was für einige süße Momente ein Ich war und nichts wollte, als ein wenig Menschfühl leben, Wärme träumen, bevor –

Wie konnte sie so schnell die Seniorinnensachen gegen die Uniform tauschen, denke ich noch. Dann höre ich auf zu denken und falle, falle. Ich falle tief in den Schlund, der mich auf der anderen Seite der Wirklichkeit wieder ausspuckt, auf der es hell und zeitlos und so furchtbar einsam ist.

Am Ufer stehen Steinmännchen und das einohrige Fabeltierjunge. Sie sehen traurig aus. Vielleicht, weil neben ihnen jemand sitzt, der dort nicht hingehört?
Die Frau mit den violetten Stiefeln träumt, hält einen Stein in der Hand, betrachtet ihn versonnen. Blinzelt nicht, atmet nicht. Ob sie weiß, dass sie aus diesem Traum nicht mehr erwachen wird?

 

© 2010/2014 Kathrin Elfman

Auszug aus der Kurzgeschichten-Sammlung
»Das sind keine Chemtrails, das sind Dehnungsstreifen!«
VÖ © 2014 Kathrin Elfman

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Ein Kommentar zu „Kurzgeschichte: Tot wie Gold

Gib deinen ab

  1. Hat dies auf Julia etc. rebloggt und kommentierte:
    Jetzt konnte ich doch nicht warten, bis ich schlafen gehe, bin gleich in die Petrifuge gesprungen. *fröhlich sing* Du musst ein Stein sein auf dieser Welt… Neugierig? Lesen! Kathrin Elfman sagt dazu: „Nach dem Buch ist vor dem Buch. Mein Sci-Fi-Roman »Lepleja« ist noch druckfrisch, da folgt das nächste Projekt. Eine Kollektion meiner liebsten Kurzgeschichten. Titel: »Das sind keine Chemtrails, das sind Dehnungsstreifen.« Tanzen wir also ein bisschen auf den wohlig knirschenden Scherben der Wirklichkeit. Ja, auch dieses Buch ist wieder ein schamloser Flirt mit meiner literarischen Liebe, der Phantastik. Und weil ich mehr Material habe, als ins Buch passt, gibt’s heute schon die Episode »Tot wie Gold«.“

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