»Benimm dich doch mal altersgemäß!«

Ratschläge von Menschen, die in Rock’n’Roll freien Zonen leben, sind so eine Sache. Die meisten Sätze lasse ich an mir vorbeirutschen. Manche sind aber so absurd, dass sie mir zwischen den Synapsen steckenbleiben und Gedanken anschubsen.

»Benimm dich altersgemäß«, oder auf Englisch »act your age« zum Beispiel. Ja, sowas äußern Menschen in einem ulkigen Paralleluniversum anderen Menschen gegenüber. Was bedeutet das? Welches Alter meinen die? Das körperliche, seelische, geistige, spirituelle oder emotionale? Senken nachträglich eingebaute Ersatzteile in Knochen und Zähnen den Durchschnitt, wenn da noch Garantie drauf ist? Und wie »benimmt« man sich einem bestimmten Alter entsprechend?

Die Frage ist ernst gemeint, ich weiß es echt nicht. Habe da zwar so einige Vermutungen und Referenzwerte bezüglich einer nach fiktiven Kriterien standardisierten und genormten Außenwirkung, nur – warum sollte mich die interessieren? Wie jemand wirkt, und ob das mit den Vorstellungen etwaiger Beobachter zusammenpasst, ist doch das Problem der Beobachter und nicht des Beobachteten. Die Nummer umzudrehen finde ich schräg und ungesund.

Das fängt schon mal damit an, dass ich mich nicht »benehme«, sondern BIN.

Ich bin. Und das ist grundsätzlich eine dynamische Angelegenheit.

Laut Reisepass bin ich seit vorgestern 49. Wenn ich nach einer durchsumpften Nacht aufwache, bin ich ein 195-jähriger Körper mit akuter Nahtoderfahrung. Wenn ich auf der Tanzfläche stehe oder ein Konzert besuche und die Musik mich packt, bin ich hemmungslose 17. Wenn ich meinen Koffer die Treppe hoch schleppe, bin ich ächzende 81. Wenn ich Sex zelebriere, bin ich alterslos. Wenn mir in freier Wildbahn neugierige Tiere begegnen, übernimmt die Fünfjährige und redet mit ihnen. Und wenn mir dieses Hier & Jetzt Dingens zu bizarr wird, bin ich ein 500 Millionen Jahre alter Granitfelsen, der sich von Meeresbrandung überspülen lässt, bis er wieder imstande ist, Gefühle auszuhalten. Dass in meinem Pass ein Geburtsdatum steht, ist unheimlich praktisch, denn andernfalls würde ich mein offizielles Alter wohl gelegentlich einfach vergessen.

Also, wie genau geht das mit dem »altersgemäßen Benehmen«?

 

© 2017 Kathrin Elfman

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Ein Kommentar zu „»Benimm dich doch mal altersgemäß!«

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  1. Perfekt.

    Da ist am Ende auch der „Frage“ gleich das Fragezeichen entzogen.

    Ich bin. –
    die Antwort auch der ungestellten Fragen.

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