…und dann zeigt dir das Leben, wohin du dir deine tolle Strategie schieben kannst.

Trotz Medienkrise mit sinkenden Absatzzahlen feiert ein bestimmtes e-Book-Segment derzeit exorbitante Erfolge: Benimmratgeber. Ob fürs Geschäftsleben oder privat, ob Blind Date, Bewerbungsgespräch oder Galadinner – irgendein schlauer Mensch weiß immer ganz genau, wie man sich da jeweils zu benehmen hat und schreibt’s hin.

So sind auch für die digitale Kommunikation per Social Media und E-Mails diverse Ratgeber erhältlich. Vermutlich mehr, als es seit Knigge für die Reallife-Kommunikation gab. Darin lesen wir Regeln für die virtuelle Geschäftskorrespondenz, Akquise und Krisenkommunikation, Regeln für das Verfassen von Blogs, Forenbeiträgen und Facebook-Postings, selbst für Whatsapp und SMS hat sich inzwischen eine Art Standard-Duktus etabliert, an dem man sich zu orientieren habe, um »reinzupassen«. Jedenfalls wenn es nach den feuchten Träumen der Verfasser solcher Ratgeber geht.

Ich habe in den unterschiedlichen Ansätzen gemeinsame rote Fäden gefunden, aus denen sich ein hübscher Strick flechten lässt. So hübsch, dass man sich daran samt Kommunikationsabsicht gepflegt aufhängen kann. Er heißt »Angst«. Angst davor, den vermeintlich falschen Eindruck zu erwecken. Angst, gesehen zu werden, ohne vorher eine blickdichte Maskerade aufzulegen.

Nehmen wir exemplarisch diese sieben häufig zitierten Regeln:

  1. Keine zu langen Sätze verwenden
  2. Aufzählungen mit Bullets statt in Absätzen
  3. Niemals geschäftliche Nachrichten außerhalb der Arbeitszeiten versenden
  4. Keine spontanen und/oder gefühlvollen Nachrichten nachts um drei abschicken, neutrale Ich- und Wir-Botschaften verwenden
  5. Dienstag ist ein guter Tag für Neukontakte
  6. Donnerstag ist kein guter Tag für Neukontakte
  7. Intelligente Signatur zur Imagepflege anfügen

Mit Punkt 1 und 2 geh ich d’accord. Lesefreundlichkeit rockt. Vor allem, wenn man es eilig hat. Punkt 7 kann man diskutieren. Ich lese keine Signaturen und habe selbst auch keine. Nur Kontaktdaten ohne hippes Spruchwerk oder gar Logo, das als undefiniertes Attachment ohnehin vom Spamfilter weggeknabbert wird.

Punkt 5 und 6 hatten zu Offline-CRM Zeiten ihre Daseinsberechtigung, sind aber seit ca. 2010 komplett durch. Jeder Tag ist genau so gut oder so schlecht, wie es Absender und Adressat wollen. Im Zeitalter von digital nomads und Vernetzung quer durch alle Zeitzonen ist das Thema nicht mehr existent. Da sind eher Uptime und Maintenance-Zyklen der Provider zu beachten, die gelegentlich E-Mails zeitverzögert weiterreichen oder im Weltall verschwinden lassen.

Von Punkt 3 und 4 war ich zu Newsgroups- und Myspace-Zeiten total überzeugt. Immer cool bleiben, strategisch klug, witzig, originell und unangreifbar rüberkommen. Was hat’s uns gebracht? Gelackte Images und Avatare, die bei der kleinsten Reallife-Berührung zu Nichts zerkrümeln, dumm rumstauben und Husten auslösen.

Künstlicher Scheiß

Weil künstlicher Scheiß so ein lukratives Business ist, gibt’s jede Menge Coaches, die einem erklären, wie man noch besser »wirken« kann, statt einfach zu SEIN. Nehmen wir die Nummer mit den neutralen Wir-Botschaften. Geht’s noch? Neutral sind nur Teststreifen. Mich mit verquasten Formulierungen auf unpersönlich zu trimmen, nur damit sich ein Rezipient nicht von dem, was ich sage, berührt fühlt, finde ich ungefähr so sinnvoll wie sich 45 Minuten lang Kleister ins Gesicht zu schmieren, um den »natürlich wirkenden Nude Look« hinzubekommen.

Selbstsicher wirken, indem man sich aus fehlender Selbstsicherheit bestimmte schauspielerische Fähigkeiten antrainiert. Eine gute Work-Life-Balance vortäuschen, indem man die am Sonntag geschriebene Mail erst am Montagmittag abschickt. Authentisch wirken, indem man sich alles Authentische abtrainiert und durch Verhaltens- und Sprachbausteine anderer Leute ersetzt –

*Kopf/Tischkante*

Glaubst du wirklich, das bringt irgendwem irgendwas? Die einzigen, die davon profitieren, sind die, die Geld für solchen Blödsinn nehmen. Und zum Thema »jetzt« vs. »geeigneter Zeitpunkt« hätte ich noch eine kurze, schmerzhafte Geschichte.

Im Herbst 2014 planten eine Freundin und ich einen Roadtrip nach Österreich. Geschäftsreise zu Verlag und Plattenlabel mit anschließendem Urlaub. Wir hatten uns schon mit netten Leuten und potenziellen neuen Geschäftspartnern verabredet, Pläne geschmiedet, Locations gecheckt. Nur mit dem Losfahren hat’s irgendwie nicht geklappt. Erst hatte ich überraschend viel zu tun, dann sie, dann wir beide, dann war plötzlich Winter. Wie das halt so ist. Später, wenn’s besser passt, im Frühling –

Im Frühling war sie tot. Es gab kein Später. Der Krebs war schneller. Unsere Post-its mit Hoteladressen, Hunderte SMS und viele nächtliche Mails erinnern mich daran, dass diese künstliche Strategiegrütze nur ein lahmer Versuch ist, das JETZT zu etwas zu machen, das es nicht ist und nie sein kann: kontrollierbar.

Bist du eine userfreundliche Applikation oder ein Mensch?

Streiche den Gedanken »was denken die denn jetzt von mir?« aus deinem Kopf. Du bist kein Roboter, du bist ein menschliches Wesen. Was andere Leute denken oder nicht denken, geht dich nichts an, das ist deren privater Tanzbereich. Beeinflussen kannst du es ohnehin nicht. Selbst wenn du Unmengen von Lebensenergie in Manipulation und Fakery investierst, ist der Effekt nur von kurzer Dauer.

Ich habe nach dem Tod meiner Freundin damit aufgehört, mich für Businessmeetings mit Kostümchen aufzuschnecken. Weil ich merke, dass es nichts bringt. Ich bin nicht souverän, wenn ich so tun soll, als sei ich jemand anders. Ich habe auch aufgehört, jede E-Mail mehr als einmal korrekturzulesen, bevor ich sie wegschicke. Wenn ich mit jemandem live spreche, kann ich das Gesagte auch nicht zurückholen und nochmal neu »ganz spontan« vom Stapel lassen. Wie im Intro auf meiner Website steht: immer live. Playback ist für Schattenparker.

Das macht mich zwar angreifbar, aber auch frei. Weil ich dadurch automatisch wahrhaftig und verbindlich bin. Statt nur so zu wirken. Die gesparte Zeit und Energie (und da kommt viel zusammen!) investiere ich lieber in meine Arbeit. Das macht sich bezahlt. Finanziell, emotional und überhaupt.

Mach’s einfach.

Und zwar nach bestem Wissen und Gewissen. Egal, was andere dazu sagen. Buch die Reise und fahr los. Kauf dir die teure Lederjacke. Lass den Staubsauger stehen und mal das Bild fertig, das du vor Wochen angefangen hast. Auch wenn das deinen megatopchecker 10-Punkte-Wochenplan durcheinanderbringt. Du hast am Samstagabend eine geniale Idee für ein aktuelles Projekt, willst das Memo an die anderen im Team aber nicht rausschicken, weil das Absende-Datum laut Ratgeber uncool wirkt? Denk mal scharf nach, wessen Problem das ist. Du hast keine Lust, für deinen Vorgesetzten zu lügen und ihm Alibis für seine Mittagspausen-Sexdates zu liefern, damit Vorstand und Gattin nichts davon mitbekommen? Dann lass es doch einfach. Geh zu dem Klassentreffen und sag dem Lehrer von damals, der dich bis zur Sprachlosigkeit gemobbt hat, was für eine arme Wurst er ist. Häng dich rein, wenn dich etwas glücklich macht. Wenn dir jemand wichtig ist, sag es ihm. Auch wenn’s grade keinen aktuellen Anlass gibt. Du kannst nichts Falsches sagen, wenn du ganz simpel bei der Wahrheit bleibst.

Und ja, schreib verdammtnochmal die nicht Ratgeber-konforme, gefühlsduselige, komplett formatfreie nächtliche Mail, wenn dir was auf der Seele brennt und du es nur so sagen kannst. Wenn dieses JETZT-Dings hier vorbei ist, gibt’s keine Extrapunkte für »brav, du hast immer alles richtig gemacht!«

© Kathrin Elfman 2017

> Alle Kolumnen: zaubertinte11

> Mehr Info: www.elfman.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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