»Silent Disco«, oder: Wie ich einmal versuchte, in einem Stummfilm zu tanzen

Ich hab’s getan. Ich habe mir etwas total Dröges zugemutet, das sich nur ein Sachbearbeiter aus dem siebten Kreis der Hölle ausgedacht haben kann. Etwas so Doofes, dass sich mein Gehirn ärgert, 31 Minuten Lebenszeit damit verschwendet zu haben. Länger habe ich es nämlich nicht ausgehalten in der sogenannten »Silent Disco«, also »stumme Disco« oder auch Kopfhörerparty.

Wie, stumme Disco?

fragt sich der geneigte Leser vielleicht. Mit »Silent Disco« bezeichnet man Veranstaltungen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie ohne hörbare Musik stattfinden. Im Raum herrscht abstrakte Stille. Die Atmosphäre ist so fröhlich und ausgelassen wie auf dem Krankenhausflur, wo jedes Geräusch, jedes Räuspern, jedes Absatzklacken irgendwie geisterhaft wirkt. Das Setup: Ein DJ-Pult gibt mehrere verschiedene Tonkanäle mit jeweils unterschiedlichen Musikmixen aus, zu denen ein Stapel Funkkopfhörer gehört. Die Gäste wählen ihre Tonspur, setzen sich den Kopfhörer auf und, ahem, »feiern« zu dem, was sie da hören.

Eine Location, vier Tonspuren

Okay. Ich lass mich drauf ein. Auf dem ersten Kanal läuft gitarrenfreie Radiogrütze mit grobstufigen Harmonizer-Vocals. Brech. Der zweite Kanal begrüßt mich mit Sigur Ros, gefolgt von den Chemical Brothers und schließlich einem Mashup aus kreativem Elektrozeug mit knalligem Beat, das ich noch nie gehört habe, auf das ich aber gerne getanzt hätte – wären da nicht dieser blöde Kopfhörer, der mir auf die Wangenknochen drückt, und die spaßlose Atmo. Auf Krankenhausfluren tanze ich nicht gern. Also teste ich die übrigen beiden Tonspuren. Langweilig. Ich gehe zurück in den zweiten Kanal mit Elektrokram und komme ins Grübeln.

Peace, Love & Tanzfläche

Eine Disco ist für mich ein Ort respektive ein Ereignis mit hoher sozialer Relevanz. Nein, nicht Baggern und Belästigen. Sondern Tanzen! Freuen! Musik genießen! Sich gemeinsam von den Frequenzen aus oft überdimensionierten Anlagen und erdbebenverdächtigen Subwoofern zerstrahlen lassen. Gemeinsam dem XXL-Gitarrensolo entgegenfiebern und jeden Ton zelebrieren. Den dreistimmigen Refrain mitsingen und eine vierte Stimme improvisieren. Den ersten »muss ich jetzt nicht haben« Song dazu nutzen, aufs Klo zu flitzen, beim Händewaschen mit Wildfremden über den vorher gespielten Song fachsimpeln und dabei mit einem Ohr drauf zu achten, was als Nächstes läuft. Spontan ins Gespräch kommen und feststellen, dass man vor Urzeiten in derselben Band gespielt hat. Oder auf denselben Konzerten war. Und eigentlich was zusammen machen könnte, oh hör mal, das war das erste Album mit dem neuen Sänger … zack, Verbindung. Kommunikation.

Nichts davon passiert hier. Ich bin umgeben von aseptisch und einsam wirkenden Menschen mit bescheuerten Kopfhörern auf der Birne, mit denen sich niemand vernünftig bewegen, geschweige denn tanzen könnte. Ein bisschen wie bei diesen Parties in den frühen 80ern, wo sich Menschen zum Ersthören eines neuen Albums trafen, zwölf Tüten paffte und völlig weggetreten auf Matratzen fläzten, um sich siebenmal hintereinander »Look at Yourself« reinzuziehen. (Zugegeben, ein geniales Werk. Aber ich höre es lieber nüchtern.) Keiner nimmt den anderen zur Kenntnis. Jeder beamt sich in sein privates Uriah Heep Universum. Nur mit Gras statt Kopfhörer.  Die Szenen ähneln sich. Auch hier in der Stummfilmdisco wippt man(n) lautlos und eher unpräsent vor sich hin.

Menschliche Interaktion?

Gemeinsamer Musikgenuss mit Angucken? Hemmungsloses Ausflippen und Kalorienverbrennen auf der Tanzfläche, bis sich jedes noch so schnieke Styling in einem Mix aus Schweiß, Luftfeuchtigkeit und Bier aufgelöst hat? Nach ein paar Stunden Abtanzen müde und stocknüchtern, aber glückshormonbesoffen mit neuen Freunden an der Theke wechseln und den Abend bei einer 95 bpm »wir machen bald mal zu«-Ballade in A-Dur ausklingen lassen?

Die Kopfhörerdisco ist so unspaßig, dass ich trotz guter Musik im Kopf schlecht draufkomme. Ich nehme den Kopfhörer ab. Das Setting hat etwas Alptraumhaftes für mich. Das einzig Hemmungslose, das sich ab und zu durch die Grabesstille beißt, ist das Geräusch, wenn der Kompressor der Belüftungsanlage anspringt, und das Klacken einiger Absätze. Ab und zu schallt eine halbe Textzeile durch die Leere, weil der eine oder andere Gast genug Alkohol intus hat, um ganz mutig mitzusingen. Was in einer echten Disco durchaus lustig ist, aber hier selbst bei guten gesanglichen Fähigkeiten fürchterlich klingt, weil die Musik dazu fehlt. Ich frage mich, in welcher Twilight Zone Folge ich gelandet bin und wünsche mir die Dorfdisco ca. 1986 zurück.

Nach einer knappen halben Stunde werfe ich das Handtuch

respektive den Kopfhörer und gehe. Im Auto drehe ich die Anlage auf und vetreibe die deprimierende Stimmung mit Rush. Free Will. Man stelle sich vor, Geddy Lee in einer Kopfhörerdisco? Hahahahahahaha! Die Rush Konzerte waren mit Abstand die lautesten, die ich in 50 Jahren erlebt habe. Sie waren nicht zuletzt deshalb so genial, weil alle Fans auf derselben Welle surften, dieselben Lieder und dieselbe Band erlebten, und dadurch ein größtmöglicher gemeinsamer Nenner entstanden ist. Ein guter Vibe. Der sich nicht bilden kann, wenn jeder unter einem Kopfhörer in seiner eigenen virtuellen 1-Mann-Disco vor sich hinschlumpft.

Hm, vielleicht geht’s genau darum, DAS zu verhindern? Das gemeinsame Gutfühl, den gemeinsamen Nenner. Es gibt ja kaum noch echte Tanztempel, in denen echte Tanzflächen auf echte Menschen warten, weil echte DJs echte Musik auflegen. Stattdessen feuern Laptopbesitzer ihre vorgefertigten Playlists ab, und das einzige, was strahlt, sind nicht etwa die Subwoofer oder die Gesichter der Gäste auf der Tanzfläche, sondern der Router und das hauseigene Netzwerk. Da ist der nächste Schritt vielleicht, die Musik als verbindendes, glücksbringendes Element im öffentlichen Raum ganz abzuschaffen und Totenstille zu erzeugen, emotional wie akustisch? Teile und herrsche klappt ja im Moment auf diversen Ebenen ganz gut. So ziemlich alle kulturellen Lager und Gruppen lassen sich im Moment bereitwillig gegeneinander aufhetzen. Die Musik als unpolitischen, unparteiischen Friedensstifter zu eliminieren würde zu dieser perfiden Agenda passen.

Idee!

Okay, an Land sind Tanztempel und echte Musik vom Aussterben bedroht. Und auf See? Es gibt Piratensender. Warum nicht Piratendiscos? Ein zum Tanztempel umgebautes Schiff mit ultrafetter Anlage ohne Dezibelbremse, dafür mit opulenter Plattensammlung, fähigen DJs und riesengroßer Tanzfläche? In einer Gewässerzone, in der man Sperrstunden, Spaßbremsen und politisch korrekte Selbstzensur gepflegt ignorieren kann? Mit Shuttledienst zum Festland und auf Wunsch Übernachtungsmöglichkeit an Bord? Hmmm…

Letztes Jahr sind übrigens zwei Senioren in Norddeutschland aus einem Wohnheim ausgebüxt, um nach Wacken zu fahren und die ultimative Metalparty mitzufeiern. Obwohl es im Altenheim jede Menge Kopfhörer gab…

 

© 2019 Kathrin Elfman

Heimseite: elfman.de 

 

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