Schnulze aus Amsterdam, oder: zum 127. Mal in Holland und immer noch fein

Guck mal, ein Regenbogen!

Warum fährt es sich auf dieser Autobahn so leise? Und es bleibt kein Tropfen Regenwasser stehen? Ah, lärmschluckender offenporiger Spezial-Asphalt. Genial. Wie lange es wohl dauert, bis wir den mal in Deutschland haben.

Diese schwarzen Kühe sind ja riesig…

Ab ins Kreativland mit schönen Texten und Tönen. Auf dem Dach thront eine ultramoderne Photovoltaik-Anlage. Sie liefert den Strom für Studio und Büro. Viel Strom.

Der Hund ist aber fröhlich!

Haiku Impro vor immerhin fünf Zuhörern und zwei weiteren, ebenfalls ziemlich fröhlichen Hunden. Hinterher gibt’s Cleopatra Tarte. Eine Variante des deutschen Bienenstichs, mit Mandel-Sahnecreme und fluffzartem Walnuss-Karamelldeckel. Unfassbar lecker!

Mmmmmh, ich rieche das Meer…

Dieses Kopfsteinpflaster. Ästhetisch traumhaft. Physikalisch ein effektives Training für Beine, Rücken und Gleichgewichtssinn. Zum Glück hab ich die flachen Schnürstiefel an.

Kein einziger E-Scooter im gesamten Stadtgebiet, herrlich.

Wie bleiben die Häuser in den Grachten bei dieser Schräglage eigentlich stehen? Ist das Fachwerk so elastisch? Baujahr 1502. Baustelle im Souterrain, Tür offen. Na, dann nix wie runter und gucken. Wow, Hightech hinter historischen Fassaden. Grundwasser-Absenkpumpen, Statik-Stabilisatoren, Be- und Entlüftungskanäle in den Wänden, Heizspiralen im Estrich, unsichtbar verlegte Kabel, Bewegungsmelder und Leitungen… kein Wunder kostet so ein Wohnüngchen am Wasser ein Vermögen.

Im zweiten Büro werde ich von einem gutgelaunten »Bom dia« begrüßt und antworte reflexartig mit »Bon dia, tudo bem?«, was mich für eine Sekunde ernsthaft ins Schleudern bringt. Ich bin doch neulich aus Portugal zurück nach Frankfurt geflogen, oder? Und erst dann nach Holland gefahren? Oder hatte ich das nur vor und bin in Wirklichkeit in Sagres geblieben? Ah, die nette Mitarbeiterin stammt aus Brasilien, arbeitet in Amsterdam und spricht Portugiesisch. Drum. Darauf einen Bica.

Trillionen Radfahrer. Keiner trägt Helm. Keiner macht Stress. Autos, Busse, Straßenbahnen, Motorräder und Fußgänger koexistieren unfallfrei. Was fehlt? Deutsche Kampfradler in bescheuerter Tour-de-France-Montur, die sich an keine Verkehrsregel halten, und E-Scooter-Männlein, die ihren Testosteronmangel kompensieren, indem sie ohne Rücksicht auf andere Lebewesen über Fußwege, rote Ampeln und Parkplätze kacheln. Das entspannte Gewimmel hier gefällt mir besser.

Schon wieder so ein fröhlicher Hund. Ob der auch durch die Graswolke vor der Tür spaziert ist?

Wiebittewas: 25 Euro will der Parkhaus-Automat von mir? Hm. Ob wir morgen das Auto am Hotel stehen lassen und mit dem Zug…? Klick – einfache Fahrt 10,50 Euro pro Person. Nö, lass mal. Dagegen ist das Parkhaus mit 5 Euro pro angefangene 50min ja ein Schnäppchen.

Sehr früh aus dem Hotelbett gefallen. Ob’s schon Frühstück gibt? Juhu, gibt es. Freu. Ab vier Uhr. Einer der Vorteile, wenn man nicht in einer Touristenbutze absteigt, sondern in einem einfachen Hotel, das überwiegend von Geschäftsreisenden und Montagearbeitern genutzt wird.

Der Moment, wenn du, noch etwas verschlafen, über den Hotelflur tapst, sich *pling* die Fahrstuhltür öffnet und dich drei sportliche holländische Feuerwehrmänner anstrahlen… Ist klar, dass ich die Szene literarisch verwerten werde.

Morgenspaziergang im Amsterdamer Grüngürtel. Nebel, Wald, Sonne, Tautropfen, Vogelzwitscher. Eine Wohltat für mein reizüberflutetes Textergehirn – huch? Plötzlich steht ein Büffel vor mir auf dem Weg im Gegenlicht. Blinzel. Okay, kein Büffel. Ein schottisches Hochlandrind mit gewaltigen Hörnern und Zottelfell. Unwirklich in seiner Schönheit und Kraft. Es knackt im Unterholz. Dort liegen vier Artgenossen und schauen mich mäßig interessiert an. Kein Zaun. Kein Käfig.

Ssssssssirr. Schon wieder ein Tesla. Der wievielte?

Amsterdam hat ein Verkehrsproblem. Ein gelöstes. Nachdem für einen horizontalen Ausbau der Autobahn kein Platz war, hat man das Ding einfach auf Stelzen gepackt und zweistöckig gemacht. Innerhalb kürzester Zeit. Einen Stadtring nach außen verlegt, den Durchgangsverkehr auf die obere Etage geroutet, schon flutscht’s wieder. Logistik können sie echt. Auch etwas, wovon sich deutsche Stadtplaner eine oder auch drei Scheiben abschneiden könnten.

Kalverstraat. Nicht meine Lieblingsgegend, aber praktisch, weil direkte zu-Fuß-Verbindung auf die andere Seite. Wo führt diese uralte Drehtür hin, zwischen Fastfood-Laden und Boutique, ganz schmal, obendrauf sitzt ein Papagei – huch, eine Kirche? Und was für eine. Wie kann das sein, dass man diesen großen Prachtbau von außen nicht sieht? Eine Erklärtafel erklärt, dass es sich um eine Geheimkirche handelt, gebaut ca. 1700 von einem Vogelhändler. Darum der Papagei. Nun, dieser Vogelhändler hatte Phantasie. Abgefahrene Fabelwesen, Aliens mit seltsamen Köpfen, und dieses surreale bunte Licht… Auf der Orgel liegt eine ziemlich wild aussehende Partitur. Liszt, ausgerechnet! An dessen ausgefuchsten Sakralkompositionen bin ich als Teenager grandios gescheitert. Sowas spielen die hier? Sicher, dass das vorhin eine Drehtür war und kein Portal?

Wer viel arbeitet, soll gut essen. Das Steak mit Pfeffersauce, Pommes und Grillgemüse schmeckt exzellent. Nach Leben, Natur, Kraft. Auf den Punkt medium well. Ob es von einem der Beinahe-Büffel von heute früh stammt?

Schon hundert Mal haben wir die vier Ringe von Singel bis Prinsengracht erkundet, zu allen Jahres- und Uhrzeiten. Das Viertel wird nie langweilig. Was sich hier in den wuseligen Sträßchen abspielt, inspiriert mich immer wieder neu. Eine flirrende Melange aus individueller Kunst, Kreativität und Kommerz, bei der alle nur gewinnen: Anbieter, Kunden und die Stadt selbst. Büros, Ateliers, Designläden, Gastronomie, Second Hand, Bücher sowie alle möglichen und unmöglichen Dienstleister. Man balanciert über geländerlose superschmale Verbindungstreppchen, taucht unter klitzekleinen Türrahmen durch, die nur für Elfen und Kobolde gebaut worden sein können, und keiner kommt auf die Idee, mangelnde Barrierefreiheit oder Kindersicherheit zu bemäkeln. Herrlich. Bei soviel urbaner Romantik verflufft sich sogar mein berufsbedingter Sarkasmus.

Apropos Romantik, ohne ein postkartenreifes Grachtenfoto geht’s natürlich nicht. Wasser, Boote, Fahrräder, Sonne, soooo schön – flatsch. Etwas Nasses, Schweres fällt mir auf den Kopf und bleibt da. Noch bevor ich hinfasse, weiß ich, was passiert ist. Zum ersten Mal im Leben hat mich eine Möwe vollgekackt. Arrrrrgh. Fünf Taschentücher, 30 Flüche und zwei Biere später lachen wir uns kaputt. Shit happens indeed, so what.

Moment, meine linke Ferse braucht ein Pflaster. Echt, schon vier Stunden? Kein Wunder hab ich schon wieder Hunger. Ab ans Meer.

Die Restaurants, Strandbuden und Stege sind abmontiert, nur noch ein paar Pfähle und Traktorspuren im Sand erinnern an den Tourismusrummel vom Sommer. Jetzt gehört der Strand wieder den Surfern, Hunden und uns. Noch mehr Romantik.

Die gigantischen Offshore-Windparks mit ihren grellen Scheinwerfern sehen geisterhaft aus. Früher war weniger Lametta. Himmel und Meer verschmelzen nicht mehr poetisch am Horizont, sondern sind mit menschengemachten Heftzwecken aneinandergetackert. Ich bilde mir ein, das schabende Heulen der Rotoren und Turbinen bis an den Strand zu hören. Es ist windstill.

Frittierte Muscheln, mmmh.

Gedanken ploppen auf, scheinbar neue. Zum Glück hab ich immer meine Kladde in der Jackentasche. Nach dem Roman ist vor dem Roman. Sind es wirklich meine Gedanken? Wo genau verläuft die Grenze zwischen dem, das »ich« denkt und fühlt, und dem Ich, das mich selbst beim Ich-Denkfühl beobachtet?

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: