Würmer, Werbung, Schuldkonzepte

»Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.« Der markige Spruch stammt aus den USA und wird Vance Packard zugeschrieben, der 1957 das Standardwerk »Die geheimen Verführer« zum Thema Zielgruppenpsychologie veröffentlichte. Auch Medienmanager Helmut Thoma zitierte in Interviews gerne diese Werbeweisheit. Er schien sie auch verstanden zu haben, immerhin machte er RTL in den 1990er Jahren zum erfolgreichsten und profitabelsten privaten TV-Sender Europas.

Seitdem stehen unzählige Angler an unzähligen Gewässern, hängen wohlschmeckendste, sorgfältig auf des Fisches vermeintliche Präferenzen abgestimmte Designerwürmer an schicke Designerhaken – und wundern sich, dass kein Fisch anbeißt. Dabei sind es so hübsche Würmer! Teure, artgerecht gehaltene, politisch korrekt benannte, durchgegenderte, fair getradete Würmer, von deren Verkaufspreis ein Prozentsatz an soziale Projekte gespendet wird. 

Die Wurmentwickler haben keine Kosten und Mühen gescheut, sich dem Fisch um die Flossen zu wickeln. Haben Fischpsychologie studiert, das Tierchen 3D animiert, der Simulation virtuell hinter die Kiemen geschaut, ihm Schuppen abgezupft und bis ins letzte Atom analysiert, sündhaft teure MaFos in Auftrag gegeben, zwölf fiktive Fisch-Typologien erfunden und Wurm-Designs in zwölf Geschmacksrichtungen entwickelt. Doch was macht der Fisch? Er schwimmt dran vorbei und nuckelt lieber an einem aufgeweichten Stück Artischockenpizza, das vor zwei Wochen bei einem Passagierschiff über Bord ging. 

Heureka, freut sich der Werbewurmzüchter, endlich ist das Geheimnis gelüftet! Lasst uns eine Wurmsorte mit der Geschmacksrichtung »Anaerob zerfallende Artischockenpizza« generieren! Gesagt, getan. Die neue Sorte bekommt exzellente Medienpräsenz, wird als Case Study und Best Practice gefeiert, juhu. Nur der Fisch ignoriert das Ding. Denn er hat derweil herausgefunden, dass klitzekleine Schnecken, die sich auf einem ins Wasser gefallenen Campingstuhl angesiedelt haben, ein delikater Snack sind. Klar, dass unverzüglich eine ganze Serie an Würmern in der Geschmacksrichtung »Schnecke an nassem Plastikstuhl« rausgebracht wird… da capo al fine.

Warum funktioniert der Wurm nicht?

Weil es kein Wurm ist. Sondern eine Wurmsimulation. Ein Nachäffen der Natur; die abstrakte Vorstellung eines Wurms, die sich weltferne Werbemenschen in ihrem klimatisierten Büro gemacht haben, ohne je einen lebendigen Wurm aus der Nähe gesehen zu haben. Geschweige denn einen Fisch, dem sie ja so verzweifelt hinterherjagen…

Wer Würmer und Fische zusammenbringen will, muss bereit sein, seine aseptische digitale Filterblase zu verlassen und sich die Schuhe ausziehen, die Hose hochkrempeln, ins Wasser steigen, durch den Schlamm waten und Fische nebst Würmern in natürlicher Umgebung studieren. Wer sich dafür zu fein ist und sein Geld mit abstrakten MaFos verbrennt, der darf sich nicht wundern, wenn nichts funktioniert. Ist ein bisschen wie diese Tanzband, deren zwei Sängerinnen beim Weinfest mit gänzlich gefühllosen aber lauten Musicalstimmen »Hotel California« knödeln und sich wundern, dass die Gäste fluchtartig von den Bierbänken aufstehen und es sich mit ihrem Flammkuchen und Riesling außer Hörweite gemütlich machen.

Fiktion vs. Leben

Die aktuelle Kommunikationslandschaft merzt das Echte aus und ersetzt es durch Fiktionen. Sprachlich und inhaltlich. Der Werbemainstream fußt auf Konjunktiven, Fehlannahmen, falschen Schlussfolgerungen, Projektionen, Hochrechnungen und theoretischen Szenarien. Gefiltert bei Investoren-Meetings, gesiebt von Rechtsabteilungen, in mehreren Sprachen hin- und wieder zurückübersetzt, auf Political Correctness, Green New Deal Kompatibilität und Framing-Richtlinien zurechtgeschnitzt. Der Fisch und der Wurm kommen darin gar nicht mehr vor. Und trotz dieser Offensichtlichkeit der Kausalität gibt es Agenturen und Kunden, die sich immer noch wundern, warum sich die Menschen in dieser freudlosen, lieb- und leblosen Werbelandschaft zweimal überlegen, wem sie ihr Geld geben…

Und der Angler?

Der Angler sieht ein riesiges Angebot an Fisch-Simulationen, die um Wurm-Simulationen rumschleichen und soll das für Vielfalt halten. Wenn es nach dem Willen der Werbetreibenden geht, ist der Rezipient so abgestumpft, dass er gar nicht merkt, wie seine Wahrnehmung von einer Handvoll Agenturen gesteuert, getriggert, geframed, zensiert und genudged wird. Wenn man Spaß respektive einen Sekundärgewinn daraus zieht, sich diesem künstlichen Anti-Life-Konzept ins Portfolio zu werfen, die eigene Lebendigkeit abzutöten und sich als unechter Angler unechte Würmer zu kaufen, um damit unechte Fische an Land zu ziehen, geht das Konzept auf. Ist vom spirituellen und sinnlichen Erleben vergleichbar mit Bodycount-Ballerspielen oder virtuellem Sex. Unterhaltsam, vielleicht sogar kurz anregend, hat aber nichts mit dem echten Leben zu tun. 

Und hier sind wir beim Kern der Geschichte.

Was haben Political Correctness, Genderwahn, Kriege, Virtualisierungszwang, Corona, Armageddon-Porno und Ent-Individualisierung gemeinsam?

All diese fiktiven Konzepte definieren den Menschen als Schädling, der am besten in Antimaterie baden und die Erde von seiner Anwesenheit befreien sollte. Weil er das aber nicht macht, muss er seine grundsätzliche Daseinsschuld zeitlebens kompensieren. Durch permanentes Buße tun, durch Goutieren von materiellem wie emotionalen und spirituellen Mangel, durch fiktiven CO2-Ausgleich, durch Spenden, durch Nicht-Mobilität, durch Erwerb überteuerter Produkte, durch freiwilliges Downsizing in allen Lebensbereichen, durch zur Schau gestellte Selbstkasteiung. Genuss ist unflott, kreativer Hedonismus gar verwerflich. Nur wer leidet und seine geistige Armut zur Schau stellt, gilt als gesellschaftlich tolerierbar, »richtig« und politisch korrekt. Der Mensch, dieses unberechenbare Dingelchen, er ist im Kern so schuldig, dass sich einem Mythos zufolge rein prophylaktisch schon mal jemand zur Tilgung dieser Schuld an ein Kreuz nageln ließ. Hat aber offenbar nichts genützt, sonst würde das aktuelle Schuldmarketing nebst Ablasshandel nicht so prima funktionieren –

So zumindest der feuchte blasphemische Traum einiger globaler Netzwerke, die ihre lebensfeindlichen Absichten gerne mit Werbebroschüren wie »The Great Reset« oder »The Great Narrative« kundtun. Damit hinterher niemand behaupten kann, er habe von nichts gewusst. Darin geht es nicht mehr darum, einzelne Länder oder Systeme umzukrempeln oder mit Würmern Fische zu fangen, nein – größenwahnsinnig wie man in diesen Kreisen tickt, trägt man einen Anspruch vor sich her, der an abgefuckter Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist: die vollständige Abschaffung allen natürlichen Lebens auf der Erde durch Erstellen einer Lebens-Kopie, in der wir uns dann alle einzufinden haben.

Statt weiterhin zu versuchen, Würmer zu züchten und Fische zu angeln, sollen sämtliche Gewässer in Plantagen für proteinhaltige Fischersatz-Kulturen umgewandelt werden. Das darin entstehende Produkt soll dann als nachhaltiges, ethisch korrektes und »gut für den Planeten« Nahrungsmittel-Simulacra an die Menschen-Imitationen verkauft werden. Der Fisch stirbt unterdessen aus. Ob er sich über dieses infantile Imitationskonzept totgelacht hat, oder ob ihm die Umwandlung seines natürlichen Lebensraums in kommerzialisierte Produktionsstätten den Garaus gemacht hat? Man weiß es nicht. Jedenfalls, Angeln ist für Anfänger. Und statt Angler fürs Wurmkaufen zu begeistert, bringt man sie dazu, sich selbst so mies zu fühlen, dass sie sich freiwillig zuhause einsperren, wo sie in einer digitalen Kopie ihres früheren analogen Lebens vor sich hin oxydieren.

Und weil es aktuell (noch) eine erschreckend große Masse gibt, denen so eine Entwicklung gar nichts ausmachen würde, findet dieser dystopische Fiebertrip in Form episodischer Déjà-vus manchmal seinen Weg in die Realität, springt quasi aus der Matrix und schlafwandelt im echten Leben. Da er aber keine Ahnung hat, wie man sich dort benimmt, fällt er mit seiner grotesken, karnevalesk überzeichneten Erscheinung sofort auf. Allerdings nur den lebendigen echten Menschen. Merke: Nur das Leben erkennt den Unterschied zwischen lebendig und nicht-lebendig. (Nicht zu verwechseln mit tot, das ist wieder was anderes.)

Ein geschlossenes System, das sich in der Theorie den ganzen Planeten, die gesamte Menschheit und jeden einzelnen Lebensbereich einverleiben könnte, wenn – ja, wenn es da nicht ein paar unumstößliche Naturgesetze gäbe.

Warum »so tun als ob« auf Dauer nicht funktioniert.

Weil zur Schau gestellte Political Correctness das Gegenteil von echter Empathie, Toleranz und Liebe ist.

Weil wortreich behauptete Nachhaltigkeit das Gegenteil von echter Nachhaltigkeit ist.

Weil sich das genuine Prinzip Leben nicht durch mechanistisch-mathematische Behauptungen emulieren lässt.

Weil geheuchelte, unaufrichtige Menschennähe als solche erkannt wird und abstoßend wirkt.

Weil per autotranslate ins Deutsche überführte englische Texte nichts mit der angepeilten Zielgruppe zu tun haben und meilenweit an deren Wertesystem vorbeitaumeln.

Weil der >2 Tonnen schwere Elektro-SUV im Halteverbot der Frankfurter Goethestraße zwar optisch Sahara-Geländegängigkeit antäuscht, aber auf der unbefestigten Zufahrt zum hessischen Baggersee aus der Kurve stempelt.

Weil eine Zoom-Konferenz niemals die hochfrequente Schöpfungsenergie entwickelt, die entsteht, wenn Menschen gemeinsam in einem Raum neue Gedanken, eine neue Idee formulieren und in die Existenz sprechen.

Weil der Fisch nicht doof ist.

Weil der Wurm nicht doof ist, sondern sich mit den Minischnecken zusammengetan hat und jetzt im Handschuhfach eines von der Brücke gefallenen SUV-Wracks wohnt.

Weil der Angelschein abgelaufen ist.

Bei mir gibt’s übrigens heute Grillfisch. Den frischen echten, guten aus freier Wildbahn. Wie ich ihn gefangen habe? Das steht in diesem Blog. Falls Sie es überlesen haben, helfe ich Ihnen mit meinen Texten gerne dabei, es selbst zu erleben. Petri Heil. 

PS:

Der fiktive Wurm und der wählerische Fisch gehen Ihnen noch im Kopf rum? Sie können irgendwie nichts mit dem Bild anfangen, oder – im Gegenteil – es gefällt Ihnen, und Sie würden gerne tiefer in die Materie einsteigen? Prima! In beiden Fällen empfehle ich, sich ein bisschen eingehender mit Giordano Bruno und seinem Weltbild zu beschäftigen. Darin befinden sich hochpotente Antworten auf die Frage, wie zum Teufel wir in dieses äußerst unfröhliche, die skalierbare wesensfreie Fiktion glorifizierende und dabei das lebendige beseelte Sein und die schöpferische Weltseele verleugnende Wirklichkeitsmodell gerutscht sind…

PPS:

Wenn danach die Sinneslust auf ultimative kosmische Zusammenhänge erwacht, am besten gleich mit Krauses »Baustoff der Welt« weitermachen. Darin werden Brunos Gedanken auf ebenso virtuose wie plausible Weise weitergeführt. Ich verspreche Ihnen, Sie werden nie wieder Hunger auf künstliche Würmer, fiktive Fische oder unsinnige MaFos haben, dafür einen unbändigen Appetit auf das echte Leben. Und frische Fische, soviel Sie wollen.

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Foto: Pixabay

Text: Kathrin Elfman © 2022

Permalink: zaubertinte11.wordpress.de/2022/11/17/werbewurm/

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6 Kommentare zu „Würmer, Werbung, Schuldkonzepte

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  1. Es wird mir nun klarer, warum mir der BMW Händler beim letzten Besuch nicht erklären konnte, warum zum Teufel ich mir denn einen 1er BMW kaufen sollte, wenn alle von ihm genannten Vorzüge in einem Golf vielleicht nicht besser, aber womöglich billiger aufzufinden wären.
    Der markante Unterschied zwischen Golf und 1er war einstmals der Heckantrieb, der mir tatsächlich in ausgesuchten Situationen Freude am Fahren brachte.
    Offensichtlich passe ich antiquierter Fisch nicht mehr ins BMW MaFo-Wurm- Universum, in dem das Alleinstellungsmerkmal „Markenname“ ausreichen muss, um in komatöse Verzückung zu fallen. Fahren für die egalisierte Weltgemeinschaft statt Freude am Fahren.
    Nope, das reale subjektive Leben ist und bleibt geiler als eine objektivierte homogenisierte Funktion im idealen Second Life Kollektiv.
    (btw, warum sehe ich gerade vor meinem geistigen Auge Giordano Bruno aufgeregt zurück in eine Höhle laufen?)
    Oder anders gesagt: Ich will den Hintern mal im Schnee oder auf einer Erzhalde raushängen lassen, und trotzdem im Anschluss eine Waschmaschine kaufen gehen können, ohne mir einen Transporter leihen zu müssen. Oder gar einen Golf.
    Ich mochte schon vorher (aus beruflichen Gründen) die Unterwasserkameraden nicht aufessen. Nun weiß ich zudem, dass es Kannibalismus wäre 😉
    Ich finde Deinen Blog einfach nur brillant.

  2. Der Text ist eine ziemlich treffende, romantische Beschreibung der Hirnzuscheißindustriegesellschaft dieser Zeit, allein, die hübsche Wurm-Fisch-Metapher überfordert die Masse – ganz gleich, ob diese nun Fisch, König Kunde, Kretin oder Covidiot genannt wird, aber das werden Sie als Werbetexterin ja wissen. Weiter so!

    1. ….über das »romantisch« freue ich mich jetzt. Warum? Weil ich in den letzten zwodrei Jahren häufig das unangenehme Gefühl hatte, gegen ein allgegenwärtiges, überbordendes Unrecht anschreiben zu müssen, was zwangsläufig zu einer gewissen sprachlichen Verhärtung und von calvinistischer Leistungskälte geprägten Semantik führt. Dass mir trotzdem die Romantik offenbar nicht gänzlich abhanden kam, habe ich gehofft, war mir dessen aber nicht sicher. Deshalb – dankeschön!

      1. Keine Ursache, ich bitte Sie. Von Ihnen könnten Deutschsprachige allerhand lernen. Mir fehlen im Französischen diese phantastischen Begriffe wie sprachliche Verhärtung und calvinistische Leistungskälte. Mit solchen Worten inmitten einer Hirnzuscheißindustriegesellschaft (Dies köstliche Wort hab‘ ich von einem Mephisto im Netz geklaut, und ich könnte es immer sagen) hatte Deutsch aber von vornherein die schlechtesten Karten der Welt, um jemals Diplomatensprache zu werden, finden Sie nicht auch? Und Kretins verstehen schon einmal rein gar kein Deutsch. Übrigens, Riesling paßt gut zu Fisch.

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