Das Wort an sich kann nichts dafür, dass es sich wie ein Schimmelpilz verbreitet. Es ist passiv, ein Kunstwort. Und doch, das sogenannte »Neuromarketing« gilt neuerdings als Pflichtdisziplin in meinem Beruf. Dabei sind die dahinter stehenden Wissenschaften alles andere als neu. Warum also jetzt? Und warum so simplifiziert?
Hirnforschung, Psychologie, Neurobiologie und die große Frage, was unsere Neuronen den ganzen Tag treiben, füllen regalmeterweise Bibliotheken. Bereits Planck, Einstein, Gurwitsch und natürlich der deutsche Physiker Fritz A. Popp verfolgten die These, dass Photonen als Botschafter zwischen menschlichem Geist und physikalischer Realität tätig sind. 1860 rief der Philosoph und Physiker Gustav Theodor Fechner die Disziplin der Psychophysik ins Leben und versuchte, durch die Verschmelzung von Physik und Philosophie die experimentelle Psychologie voranzutreiben. Man denke an das Weber-Fechner’sche Gesetz. Will sagen: Sooooo innovativ ist das aktuelle Neuro-Gefluffe nicht;-)
Ein Grund, warum ich meine Arbeit dem Wesen und der Wirkung unserer schönen Sprache widme, ist das dahinterstehende Warum in unserem Bewusstsein. Gibt es etwas Faszinierenderes, Tieferes als die menschliche Seelennatur, den Wesenskern, der nicht einfach nur existieren, sondern sich mitteilen, verstanden, angenommen und geliebt werden will? Das Wollen, Fühlen, Wünschen, Sehnen, das uns alle ausnahmslos umtreibt? DAS ist es, was sich in unserer Sprache manifestiert. Dafür haben wir sie. Deshalb reden, schreiben, simsen und singen, twittern und tratschen wir miteinander. Und genau deshalb strebt unser Bewusstsein in einer quantenneurologischen Rückkopplungs-Schleife danach, über die Sprache inspiriert und geführt zu werden (geführt, nicht manipuliert!)
Warum Worte Wirklichkeit formen – und nicht umgekehrt
Da ist diese vage Empfindung, eine Sehnsucht. Noch hat sie keinen Namen. Dann formt sie sich, findet Begrifflichkeiten. Sie entstehen im Dialog zwischen namenlosem Wahrnehmen und bereits benannten Referenzerlebnissen. Diese entwickeln ein geradezu einserschülerhaft strebsames Resonanzverhalten mit dem (noch) Namenlosen und bringen es dazu, sich zu artikulieren, Ähnlichkeiten und Abgrenzungsmerkmale zu identifizieren, sich zu positionieren. Auf einmal ist da ein Wort, eine passende Beschreibung, Verstandenfühl, aaaah. Nach dieser Kongruenz strebt unser Bewusstsein, ob wir wollen oder nicht. Jede einzelne kostbare Sekunde unseres Lebens.
Es war also nur eine Frage der Zeit, bis pfiffige Geschäftsleute diesen Seins-Aspekt in kommerzielle Arbeitsfelder aufdröseln würden. Ist in Ordnung. Aber! Die dahinterstehende Motivation macht den Unterschied. Angst vor Kontrollverlust, Dominanzanspruch, Unlauterkeit? Gewinnmaximierungsstreben, Eitelkeit stillen? Soll der intuitiven, kohärenten Lösungsfindung aus lauter Fehlervermeidungsparanoia ein starres Regelwerk übergeordnet werden, weil das zuverlässiger scheint? Dann bitte aufpassen, denn diese Motivationen sind kontraproduktiv. Sie karikieren wissenschaftliche Erkenntnisse zu Instant-Präparaten, Schablonen, Wunderpillen fürs Bewusstsein. Haps, juhu.
So viele Werber und Marketingmenschen klammern sich daran, erstellen Schablonen, würzen sie mit etwas Esoterik, leiten Regeln daraus ab und stülpen sie einer imaginären Zielgruppe über. Right- und Leftbrainer, bisschen NLP, bisschen Multisensorik am POS mit Gucken, Tasten, Hören, Schnuppern, hurra, schon haben wir ihm im Sack, den Kunden. Wirklich? Denkste! Warum? Weil der wichtigste Aspekt fehlt: echte Empathie.
Kognitive Perspektivenübernahme als heiliger Gral der Werbung?
Gut, ich habe leicht reden (oder auch nicht.) Denn ich gehöre zu den Menschen, die in einen isomorphen Zustand zur emotionalen Verfassung einer anderen Person treten können. Unplugged: Mein Gehirn weiß, wie sich etwas für jemand anderen anfühlt. Schopenhauer nannte das vor über 170 Jahren »zutiefst mysteriös.« Esoteriker nennen es Hellfühligkeit. Ist mir zu räucherstäbchenhaft. (Was wäre dann Dunkelfühligkeit?) Immerhin kennt man heute den Unterschied zwischen emotionaler Übertragung (= unechte Empathie) und Perspektivenübernahme ( = echte Empathie).
Ja, ich kann Dinge so formulieren, dass sie in Herz, Hirn und/oder Bauch treffen und die gewünschte Resonanz entfalten. Klingt wie Manipulation, ist aber genau das Gegenteil davon! Denn ich kann dies nur, wenn’s um die Belange Dritter geht. Sobald ich versuche, es zu meinem eigenen Vorteil zu tun, geht die Sache schief. Ungefähr so wie bei einem Chirurgen, der sich selber operieren will. Deshalb lasse ich es und setze diese Fähigkeit für meine Arbeit als Texterin und Ghostwriter ein. Dort leistet sie wertvolle Dienste. Weil eben keine künstlichen manipulativen Zeilen dabei rauskommen, sondern wahrhaftige Texte, die sich für den Adressaten nach etwas anfühlen.
Warum schlage ich diesen Bogen? Um zu zeigen, warum ich den Neuromarketing-Hype absurd finde. Ja, es ist superspannend, sich mit neuropsychologischen und neurobiologischen Forschungen zu beschäftigen. Doch der Glaube, man könne diese Forschungen simplifizieren und als Pseudowissenschaft etablieren, die der Manipulation eines wertegewandelten Verbraucherhirns dient, führt in die Irre.
Fakt ist: Es gibt ihn nicht, »den Verbraucher.« Es gibt auch keine Zielgruppe. Es gibt nur Menschen. Kohlenstoffbasierte Lebewesen mit Herz, Hirn und neurobiologischen bzw. neuropsychologischen Eigenschaften. Diese Menschen haben ein Leben, eine Vergangenheit, ein Jetzt mit Wünschen, Ängsten, Bedürfnissen. Diese lassen sich teilweise zusammenfassen und vereinheitlichen, aber nicht ikonisieren. Sein Gehirn, seine Seele, sein Wesen sind fünfeinhalbdimensional. Sie wollen sich verstanden fühlen. Das gute Gefühl haben, Zeit und Geld in etwas zu investieren, das ihnen guttut. Ob dieses Guttun nun bedeutet, Ängste und Sorgen zu stillen, körperliche oder seelische Schmerzen zu lindern, Gier zu befriedigen oder schlicht das Leben ein wenig angenehmer zu machen? Das können wir nicht wissen. Wir können nur versuchen, ihm entgegenzukommen, diesem mysteriösen »Verbraucher« und ihn dort abzuholen, wo er ist. Ihn also genau NICHT manipulieren, sondern ihm durch einfühlsame, wahrhaftige Worte und Taten die Gewissheit vermitteln, gut aufgehoben zu sein. Vorschlag: einfach spaßeshalber mal »neuro« durch »wahrhaftig« ersetzen. Das könnte die Sache runder machen;-)




