WIR, oder: Wenn Utopien von der Realität überholt werden

»Ich frage Sie: Worum haben die Menschen von Kindesbeinen an gebetet, wovon haben sie geträumt, womit haben sie sich gequält? Dass irgendeiner ihnen ein für alle Mal sage, was das Glück ist und sie mit einer Kette an dieses Glück schmiede. Und ist dies nicht gerade das, was wir tun? Der uralte Traum vom Paradies…«

Was klingt wie das Gestammel eines irren Faschisten ist ein Dialogfragment aus einem 100 Jahre alten Roman. WIR von Jewgenij Samjatin. Der Roman definiert jede Form der persönlichen und gesellschaftlichen Freiheit als höchst unzivilisierten Zustand, den man durch ein ent-individualisiertes, mathematisch vernünftiges Sklavendasein ersetzen müsse. Aber der Reihe nach…

Jewgenij Samjatin? Nie gehört.

Orwells 1984 kennt jeder. Huxleys Brave New World auch. Und selbst wer es nicht gelesen hat, weiß worum es darin geht. Umso unverständlicher ist es, dass WIR vergleichsweise unbekannt ist. Ich habe das Buch auch erst vor einer Weile entdeckt und war vollkommen geflasht. Vor allem, weil ich beim Lesen eine schon fast unheimliche Verwandtschaft zu meinem Roman LEPLEJA feststellte, wie auch generell zu meiner Art, Phantastik zu erzählen. Nicht direkt in der Geschichte selbst, aber in vielen Details, die den Vibe, den Geist und die Frequenz definieren, auf der dieses spezielle Realitätsfragment spielt. Wenn man von der Singularität einer vertikalen Zeitachse ausgeht, haben wir beide, obwohl in verschiedenen Epochen beheimatet, mit derselben Absicht über das gleiche Phänomen geschrieben.

Samjatin kommt 1884 in der russischen Provinz Lebedjan zur Welt und ist von frühester Kindheit an mit Stift und Papier bewaffnet. Lange bevor Stalin oder Hitler überhaupt nur daran dachten, ihr Unwesen auf der politischen Weltbühne zu treiben, schreibt der junge Schiffsbauingenieur Samjatin bissige Essays und Satiretexte, in denen er das teuflische Wirken dieser und ähnlicher Diktatoren mit verstörender Präzision vorhersagt. Was ihm große Probleme mit dem Staat, ein Gerichtsverfahren wegen »Beleidigung der russischen Armee« und schließlich die Existenzvernichtung samt Berufsverbot als Schriftsteller einbringt. Im ersten Weltkrieg schickt ihn die Regierung nach England, um dort Eisbrecher für Russlands Flotten bauen zu lassen. Desillusioniert und zornig kehrt er 1920 nach Moskau zurück und schreibt den wohl wahnsinnigsten, kraftvollsten utopischen Roman ever: WIR. Ein Roman über einen monströsen entmenschlichten Totalitarismus, geprägt von der mit Blut gezeichneten sozialistisch-kommunistischen Leitlinie:

 »Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück – eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

In WIR geht es um den Raketenkonstrukteur und Mathematiker D 503. Er funktioniert wie alle anderen Nummern seiner Welt fehlerlos, schreibt täglich Tagebuch und baut an einem Mega-Raumschiff mit Namen Integral, mit dem das Konzept vom Sklavenparadies der Erde auch zu anderen, noch in »unglücklicher unvernünftiger Freiheit« lebenden Kulturen gebracht werden soll. Die Tagebuchaufzeichnungen sind gleichzeitig das Roman-Manuskript. Bis er eines Tages feststellt, dass er »krank« ist. Die Krankheit? Seine Seele erwacht zum Leben und erinnert ihn daran, was und wer er ist. Die Erkenntnis lässt die Kulisse, in der er lebt, mit einem gewaltigen Schlag splittern.

(In einem Nebenstrang entdeckt ein Mathematiker-Kollege des Protagonisten übrigens, dass das Weltall keineswegs unendlich ist, sondern vielmehr von einer »gusseisernen Kuppel begrenzt, aus der immer wieder Stücke herausfallen«. Die Passage ist nur eine halbe Seite kurz, aber wer sie zu lesen versteht, findet darin einen Schlüssel. Zum zeitlichen Verständnis: Auguste Piccard unternahm seine Ballonfahrt in die Stratosphäre erst 1932. Samjatin schrieb bereits 1920 über das, was er dort vorfinden könnte…)

Die zentralen Motive in WIR wirken selbst 100 Jahre später immer noch verstörend prophetisch. Der Einzige Staat. Psychochirurgische Veränderungen der Persönlichkeit. Abschaffung der Liebe und Skalierung zwischenmenschlicher Kontakte nach mathematischen Formeln. Überhaupt, die Mathematik. Roter Faden (Kalauer beabsichtigt) der perfekten kommunistisch-diktatorischen Einheitswelt. Leben nach einer sekundengenau durchgetakteten Choreografie. Wer nicht mitspielt, wird gefoltert und in der Vernichtungsmaschine öffentlich verdampft, zu den Elektronenklängen aus der Musikfabrik (sic!). Die gläsernen Wohnwürfel. Die Geheimpolizei, die Einheitswahlen, die Konzentrationslager, sogar die Gaskammern und der Eiserne Vorhang sind präsent. Und über allem – der Wohltäter.

Der Roman durfte in Samjatins Heimat (natürlich) nicht veröffentlicht werden. Doch Samjatin konnte das Manuskript ins Ausland schmuggeln, wo es in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Auch in die Englische. Zwei englischsprachige Schriftsteller waren von dem Werk des russischen Kollegen derart beeindruckt, dass sie WIR als Vorlage für eigene Utopien verwendeten. Na, schon eine Vermutung?

Die Verbindung zu 1984 und Brave New World

Einer der beiden Kollegen hieß Eric Blair alias George Orwell und ließ sich von WIR zu seinem Roman 1984 inspirieren. In mehreren Passagen sind die beiden Geschichten sogar identisch. Der andere war Aldous Huxley, der inspiriert von WIR seinen Klassiker Brave New World schrieb. Beide Romane sind heute unfassbar populär. Was ich persönlich bei 1984 nicht allein auf die literarische Qualität zurückführe, sondern auf den simplen Umstand, dass Orwell im Gegensatz zu seinem russischen Kollegen zu keinem Zeitpunkt bekämpft, unterdrückt, zensiert, gesellschaftlich geächtet und mit Berufsverbot belegt wurden. Im Gegenteil, Orwell genoss als überzeugter Globalist und Sozialist die Gunst allerhöchster Kreise. Weshalb 1984 heute als Standardwerk gilt, während die »Vorlage« leider kaum noch jemand kennt. Schade eigentlich.

Ob bewusst oder unbewusst, Orwell schrieb eine zwar mit viel physischer Gewalt angereicherte, aber emotional flachere Version von WIR. Er machte aus dem Wohltäter den Großen Bruder und gab der Geschichte einen streng dualistischen Duktus, der natürlich Stalins geisteskranken Totalitarismus reflektierte. Huxley versteifte sich mehr auf den explodierenden Kapitalismus als Wurzel allen Übels. Doch keiner von beiden hat die brachial-wuchtige Tiefe der menschlichen Seele in seine Geschichte aufgenommen, sondern im Gegenteil mit struktureller Gewalt und formelhafter Politik regelrecht zugekachelt. Kann man machen. Ist relativ safe, verkauft sich gut und funktioniert. Ich persönlich finde WIR dennoch um Galaxien besser, gerade weil es diesen Weg nicht geht. Es ist eine politische Geschichte, aber vor allem ist es eine Geschichte über das Menschsein, über Sehnsucht, fragmentierte Identität, Sinn, Suche, Individualität, Verrat und Resignation. In jeder Hinsicht extrem. Nicht so vordergründig brutal wie 1984, nicht einseitig antikapitalistisch wie Brave New World, sondern spröder, tiefgründiger, lebendiger.

Auszug aus der Staatszeitung.

»Ihr seid krank. Eure Krankheit heißt Fantasie. Die Fantasie ist das letzte Hindernis auf dem Weg zum Glück. Freut euch, dieses Hindernis ist beseitigt! Der Weg ist frei. Die staatliche Wissenschaft hat eine wichtige Entdeckung gemacht: Das Zentrum der Fantasie ist ein winziger Knoten an der Gehirnbasis. Eine dreimalige Bestrahlung dieses Knotens – und ihr seid von der Fantasie geheilt. Für immer. Ihr seid vollkommen, wie Maschinen, der Weg zum vollkommenen Glück ist frei. Kommt in die Auditorien und lasst euch operieren. Es lebe die Große Operation, es lebe der Einzige Staat! Es lebe der Wohltäter.«

Diese Szene, in der sich Heerscharen von »Operierten« als glückliche Zombies durch die Straßen wälzen und mit elektrischen Waffen Jagd auf »Unoperierte« machen – mein Gott. Gänsehaut! Gelesen? Brandaktuell, würde ich mal sagen. Zur Zeit wird das Volk in Deutschland ja wieder massiv gegen jede Form der Individualität und Selbstbestimmung in Stellung gebracht, auf dass es Freigeister bekämpfe und um Versklavung bettle…

Am Ende schafft es Samjatin, dem Leser die Alternative aufzuzeigen. Seine Hauptfigur ergibt sich der vermeintlichen Vernunft, lässt sich operieren und verehrt den Wohltäter – genau wie Orwells Protagonist am Ende feststellt: »Er liebte den Großen Bruder.« Doch auch wenn sich die Bilder gleichen, die Botschaften könnten unterschiedlicher nicht sein!

Warum ich 1984 für eine propagandistische Kopie halte

George Orwell glorifiziert das ultimativ Böse. Ehrfürchtig und voller Bewunderung beschreibt er ein lebensfeindliches System, das unbezwingbar, unbesiegbar, unendlich grausam und von gottgleicher Eitelkeit ist. Ohne jede Menschlichkeit, Intelligenz, Liebe oder Kreativität. In jeder Szene wird deutlich, dass das Menschsein keine Chance gegen den übermächtigen Großen Bruder hat und nie haben wird. Ich bin mir sicher, dass man 1984 genau aus diesem Grund so gepusht hat und immer noch pusht: weil es ein systemdienliches ‚method revealing‘ der übelsten Sorte darstellt. Demoralisierend, vernichtend, zur Resignation zwingend. Der Leser lernt, dass das übermächtige, unfehlbare Terrorsystem immer gewinnt, er folgerichtig verlieren muss und nur durch Unterwerfung sein Leben zu retten vermag.

Samjatin hingegen zeigt uns den Weg in die Freiheit, indem er das totalitäre System als das entlarvt, was es ist: eine trottelhaft-dümmliche Inszenierung.  Ja, auch seine Hauptfigur D 503 gibt auf, unterwirft sich dem Wohltäter und mutiert zu einem glücklichen seelenlosen Zombie. Aber anders als in 1984 ist dieses Aufgeben in WIR von einer schreienden Unnötigkeit, die dem Leser klar vor Augen geführt wird. Samjatin beschreibt uns, was die Hauptfigur nicht sehen kann. Die Schwäche und Lächerlichkeit des totalitären Maschinenstaates, der – sobald man ihm seitlich in die Kulissen schaut – zu einer dümmlichen Inszenierung verkommt, der man sich keinesfalls ergeben muss, wenn man nicht will. Eine brüchige Papierkulisse, in der man entweder ehrfürchtig auf Zehenspitzen rumtapsen kann, um sie nur ja nicht zu beschädigen – oder man macht den Rücken grade, reißt den nutzlosen Firlefanz in Stücke und geht einfach aus dem Spiel, mit klarem Geist. (Das Ende der Truman Show gesehen?)

WIR ist eine Aufforderung an den Leser, genau diesen Schritt zu gehen. Sich nicht feige und faul der imaginären Autorität zu ergeben, sondern seitlich in die Kulissen zu schauen! Zu erkennen, dass die Unterdrückungs-Instrumente des Systems unecht, verlogen, dümmlich und stumpf sind. Und nur mit Macht versorgt werden, weil ein unterwerfungsgeiles Volk voller Angst und Bequemlichkeit vor dieser imaginären Autorität kriecht. (Ich vermute, das ist der Grund, warum dieses Buch in Schulen und Bibliotheken nicht gern gesehen wird.)

Was der Hauptfigur im Roman nicht gelang, schafft Jewgenij Samjatin in seinem wahren Leben: Er befreit sich. Nachdem er wegen seiner revolutionären Geschichten in Russland geächtet, von linientreuen Zivilisten bekämpft und menschlich wie existenziell vernichtet worden ist, packt er den Stier bei den Hörnern, geht 1931 zu Stalin persönlich und erwirkt die Genehmigung, die Sowjetunion verlassen und nach Paris umziehen zu dürfen. Dort stirbt Jewgenij Samjatin am 10. März 1937 an einem Herzinfarkt. Man sagt, an gebrochenem Herzen…

Natürlich ist mir klar, dass sich im Zeitalter der Netflix- und Massenmedien-Lobotomie kaum jemand die Mühe macht, dieses Buch im modernen Antiquariat zu besorgen und zu lesen. Aber über die wenigen Leser, die sich dazu inspiriert fühlen, freue ich mich und wünsche eine erhellende Lektüre.

Für mich ist WIR eines der wichtigsten Bücher, die überhaupt je geschrieben wurden. Es gibt noch ein paar. Darüber in Kürze mehr!

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Kathrin Elfman © 2020. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Bearbeitung und kommerzielle Weiterverwendung nur nach Genehmigung durch mich. Rebloggen/teilen jederzeit gerne, hier ist der Link: https://zaubertinte11.wordpress.com/2020/03/07/wir/

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Quellen: WIR ist u.a. erschienen bei Kiepenheuer & Witsch ISBN 978-3-462-01607-9 und im modernen Antiquariat erhältlich. Die Nennung von Textauszügen erfolgt zu Dokumentationszwecken und unterliegt dem Zitatrecht. Foto: Samjatin ca. 1919 Wikiquote 2009. This image has been identified as being free of known restrictions under copyright law, including all related and neighboring rights. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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