Weltgeist kann nur Präsens

»Bald kommt die Impfpflicht!« Oder auch nicht. Das Daherplappern von Affirmationen mit anschließendem Gejammer darüber, dass sie Realität werden, scheint im Trend zu liegen. Ich finde es schon seit geraumer Zeit unappetitlich. An sonnigen Tagen würde ich es ignorieren und joggen gehen. Aber es schneeregnet, und mein schöner Waldweg schwimmt weg. Also teile ich ein paar Gedanken mit euch und packe ein Foto vom Strand in Zandvoort dazu, an dem mir neulich der Anfang zu diesem Text eingefallen ist. Affirmationen, ja. Sowas hier zum Beispiel:

  • »Scheißmontag!«
  • »Lieber arm und gesund als reich und krank.«
  • »Im Februar kommt die Impfpflicht!«
  • »Ohne Maske kann man nirgendwo rein.«
  • »Als Künstler hat man’s schwer.«
  • »Das Geld geht schneller weg, als es reinkommt.«
  • »Die da oben machen mit uns hier unten, was sie wollen.«
  • »Ich werd immer nur belogen.«
  • »Ich finde nie einen Partner.«
  • »Wenn ich mich nicht impfen lasse, nehmen die mir den Führerschein weg.«
  • »Ich bin im Winter ständig krank.«
  • »Mein Chef ist scheiße.«
  • »Ich will …«

Letzteres ist das übelste Geseufze von allen, dieses kindliche »willwillwill.« Und anschließend das ebenso kindliche Jammern darüber, dass sich das Gewollte partout nicht einstellt. Ja, hallo? Der Weltgeist hat eine äußerst schlanke Grammatik und versteht nur Präsens. Also was soll er machen, wenn er diese Sätze hört? Er liefert wie bestellt. Wer versessen aufs Wollen ist, bekommt genau das, und davon reichlich: ewiges »ich will«. Ohne dass je ein »ich habe« oder »ich bin« draus werden kann. Geschweige denn, ein aufrichtiges Danke.

Um ein Missverständnis gar nicht erst entstehen zu lassen: Ich bin keine New Age Esoschnecke, die jeden Abend Räucherstäbchen knabbert und sich Affirmationen an den Kühlschrank klebt. Mich haben eigene Erfahrungen zu der Überzeugung geführt, dass Worte und Gedanken Schöpfungskraft besitzen. Nicht nur in meinem Beruf.

Beispiel Impfpflicht

Heute ist laut Kalender der 30. November 2021. Ein schöner Tag! Es gibt viele Methoden, ihn sich zu versauen. Sogenannte Nachrichten zu konsumieren ist eine besonders effektive. Darin wird nämlich die Story von einer allgemeinen Impfpflicht ab Februar 2022 auf allen Kanälen rauf und runter gespielt, samt angedrohter drakonischer Strafmaßnahmen für alle, die sich der Injektion verweigern. Ziel der Aktion: dass sich ein paar Millionen Rezipienten mit solchen fiktiven Horrorszenarien wie totes Laub aus dem realen Hier und Jetzt in ein möglichen 2022 wehen lassen, in allem Angst und Schrecken verfallen und die Fiktion leben, als würde sie bereits jetzt passieren. Sie fühlen die entsetzliche Willkür, die Panikattacke, die Entrechtung, die Angst, die Aussichtslosigkeit, spüren den gewaltsamen Einstich der Nadel, die Ohnmacht, die extreme Übergriffigkeit und die Repressalien, die eine solche sogenannte »Pflicht« bedeuten würde. Alles fühlt sich real an. Und plötzlich ist es real.

(Man nennt das übrigens auch wahnhaften Realitätsverlust oder präkognitive paranoide Psychose.)

Im Februar kommt die Impfpflicht. Im Februar stürzt ein Brocken gefrorener Scheiße aus der Flugzeugtoilette durch die Kuppel in den Bundestag und trifft fünf Politmöpse gleichzeitig. Im Februar lernen 34 rote Eichhörnchen in Köln Ukulele spielen und nehmen »We are the world« als Karibikversion neu auf. Eins ist so möglich oder unmöglich wie das andere.

Real ist: Wir haben immer noch den 30. November. Heute. Jetzt. Sonst nichts. Warum also lebst du im Februar des nächsten Jahres? Nur weil im Fernsehen irgendeine Hackfresse im Polyesteranzug sagt, du sollst das tun? Wir brauchen nicht über medizinische Thesen zu diskutieren. Oder darüber, dass es keine faktische »Impfpflicht« geben kann, weil die Freiwilligkeit ein unabdingbares Modul in dieser großen Geschichte ist. (Du weißt ja: Der Teufel hat nur dann Macht, wenn du Verträge mit ihm abschließt und dich mit dem Inhalt einverstanden erklärst. Frag Rumpelstilzchen.) Mit geht’s darum, sich nicht mit fiktiven Szenarien aus dem Jetzt in eine üble Fiktion ballern zu lassen, die als Feedbackschleife rückwärts durch die Zeit wirkt und die Gegenwart empfindlich beschädigt. So sehr, dass es böse ausgehen kann.

Alles ist JETZT. Es gibt nichts außer jetzt.

Du kennst das: Da schwirrt ein sensorischer Reiz durch den Äther und landet bei dir. Ein Duft, Fragmente eines Lieds oder Films, eine Stimme, ein Geschmack – schwupps wird eine Erinnerung lebendig. Kindheitskram vielleicht. Oder dein erster Liebeskummer. Ein positiver Schwangerschaftstest. Der tote Hund. Dein erster Gig. Die erste Flugreise. Ein Unfall. Eine Verletzung. Radfahren lernen. Dein erstes Mal alleine Autofahren. Das erste Mal ins Meer springen. Die erste Begegnung mit dem Tod. Das erste Mal etwas Exotisches essen, dessen Bezeichnung du damals nicht mal aussprechen konntest…

Was auch immer es ist – mit den entsprechenden Verknüpfungen kannst du es genau jetzt spüren. Und immer wieder neu. Zeit existiert nur als physikalische Messgröße für Oxydationsprozesse und chronologische Konzepte. Ansonsten ist sie eine subjektive Angelegenheit. Wenn ich will, passiert etwas aus dem Jahre 1972 genau jetzt. Oder etwas aus dem Jahr 2024. Beides ist gleich weit weg und gleich real.

(Ich halte übrigens Psychotherapiekonzepte, die auf dem Konzept der sequenziellen Re-Traumatisierung basieren, für extrem schädlich. Eine ganze Industrie lebt vorzüglich von der Idee, dass endloses in-der-Vergangenheit-stochern und Schmerzen wieder und wieder reproduzieren irgendwas mit Heilung zu tun hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Nichts gegen ein gründliches Kelleraufräumen, aber wenn man sich oft genug an einer alten Verletzung hochzieht, wird sie irgendwann zur Gegenwart. Hatten wir als Kinder nicht gelernt, dass man den Schorf auf dem aufgeschürften Knie nicht wegpopeln soll, weil es sonst nicht heilen kann?)

Ich kann mich in Zukünftiges oder Gewesenes so reinversetzen, dass ich es spüre, als ob es JETZT stattfindet. Stärkstes Werkzeug dabei ist unsere Sprache. Vergiss nicht: Du redest mit niemandem auf dieser Welt so oft und intensiv wie mit dir selbst. Und alle Zellen, aus denen du bestehst, hören mit und setzen fleißig um, was du sagst. Ein größeres und treueres Publikum findest du nie!

In einer Fiktion zu leben ist ungesund.

Es ist ein Naturgesetz, dass das gedeiht, worauf ich meine Kraft, Aufmerksamkeit und Worte richte. Dazu braucht’s keinen Guru und keine Religion. Kurz mal überlegen: Wird ein Mensch je finanziell ins Plus kommen, der »lieber arm und gesund als reich und krank« denkt? Also in einer skurrilen Fiktion lebt, in der Reichtum zu Krankheit führt und Armut der einzige Weg ist, gesund zu bleiben? Kann jemand bei seiner Arbeit glücklich und zufrieden sein, wenn er täglich vehement bekräftigt, dass sein Chef scheiße sei? Oder gesund durch den Winter kommen, wenn er den Status des ständigen Krankseins verbal festbetoniert? Oder eine Liebesbeziehung beginnen, wenn er doch soooo überzeugt ist, niemals jemanden zu finden? Oder ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen, wenn er sich als als Opfer »hier unten« positioniert, der »denen da oben« ausgeliefert sei?

Ist es wirklich so, dass Menschen die Wechselwirkung von Wort und Wirklichkeit vergessen haben? Oder woher rührt diese allgemein goutierte Respektlosigkeit vor der Schöpfungskraft unserer Gedanken und Worte?

Da sitzen sie vor der Puppenbühne, schauen Kasperletheater und fordern die sofortige Inhaftierung des bösen Krokodils, äh, Virus meine ich. Sammeln Spenden für Oma, schimpfen auf den Polizisten, lachen den Seppl aus und gründen Feministengruppen fürs Gretl. Und wenn’s Kaschberle mit dem Knüppel kommt und das böse Krokodil haut, applaudiert das Publikum in der ersten Reihe. Die Tierschützer schreien auf und werfen erbost mit Hagebuttenteebeuteln, bei amazon werden in Windeseile Krokotaschen und Stiefel in die Shops gestellt, in China läuft die Produktion von einer Million Fake-Krokostiefeln an. Kaum einer kriegt mit, dass weiter hinten immer mehr Menschen aufstehen und rausgehen. Ja, ich weiß, bullige Old-School-Metapher. Aber mir ist grade danach.

Na, zumindest ein paar »Aufgewachte« kenne ich. Dafür bin ich dankbar, denn dieser geistige Austausch tut mir gut, und es werden immer mehr.

(Ja, das war eben eine Affirmation, gut aufgepasst!)

Kathrin Elfman, November 2021

Foto und Text: Kathrin Elfman © 2021. Rebloggen/verlinken jederzeit gerne. Jede Nutzung und Vervielfältigung, auch auszugsweise, sowie Bearbeitung und kommerzielle Weiterverwendung ist verboten.

Ein Kommentar zu „Weltgeist kann nur Präsens

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  1. Das ist vielleicht einer Deiner wichtigsten Blogs ever: dieses Einräumen der Möglichkeit, einer schier unausweichlich scheinenden unerträglichen Leichtigkeit des Seins durch die Flucht aus der Endlosschleife der sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu entkommen.
    Finde ich einfach klasse; einfach nur brillant!

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