Ich seh etwas, das Du nicht siehst …

Es ist 9:30 Uhr, ich sitze in der S8 nach Hanau. Der 11. Juli 2011 ist ein warmer Sommermontag. Ich werde ihn an Bord eines mit Kali beladenen Schubverbands verbringen, den ich unter den wachsamen Augen des Kapitäns ein paar Kilometer über Main und Rhein gen Nordsee steuern darf. Noch ahne ich nicht, dass mir die vergleichsweise unspektakuläre Bahnfahrt zum Hafen einen großzügigen Einblick in ein anderes Universum gewähren wird.

Am Flughafen füllt sich der Waggon, um sich ein paar Haltestellen später wieder zu leeren. Sonne flutet das Abteil. Sie zaubert glitzernde Reflexionen in die Plexiglasscheiben, mit denen die Sitzgruppen voneinander getrennt sind. Ab Mühlheim befindet sich außer mir nur noch ein Fahrgast im Abteil. Er sitzt ebenfalls in Fahrtrichtung, ein paar Meter weiter vorne links, die Kopfhörer seines MP3 Players in den Ohren und liest Zeitung. Ich streife ihn mit einem Blick. Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, was ich da sehe, doch dann – die Erkenntnis fühlt sich an wie ein Stromschlag. In der Scheibe vor dem Fahrgast spiegelt sich nicht nur sein eigenes Abbild. Neben ihm ist eine zweite Reflexion zu sehen. Ein älterer Mann, der neben dem Fahrgast zu sitzen scheint – aber in Wirklichkeit nicht da ist.

In wessen Wirklichkeit?

Ich beuge mich vor und schaue genau hin. Tatsächlich. Der Mann sitzt allein auf der Bank. Und doch spiegelt die Scheibe zwei Fahrgäste. Der zweite betrachtet seinen lesenden Sitznachbarn, bewegt sich dabei wie in Zeitlupe. Oder unter Wasser. Der lebendige Fahrgast bekommt nichts davon mit, seine Sinne sind mit Musikberieselung und Zeitunglesen beschäftigt.

Wir halten in Steinheim. Soll ich rübergehen und den Mann ansprechen? Ihn nach der Uhrzeit fragen? Mich neben ihn setzen? Vielleicht verschwindet ja dann das zweite Spiegelbild? Vielleicht verschwinde auch ich? Der zweite Mann, wo ist er wirklich? In welcher Raum-Zeit-Falte befindet er sich, dass er sich im Hier und Jetzt spiegeln kann, ohne körperlich anwesend zu sein? Was für eine Situation. Es ist nicht das erste Mal, das ich »sowas« erlebe. Aber zum ersten Mal passiert es in einer S-Bahn, wo –

Die Erscheinung dreht den Kopf, schaut geradeaus, und unsere Blicke begegnen sich in der Scheibe. Der extradimensionale Gast sieht mich an! Weiß er, dass ich ihn sehen kann? Weia, was mache ich jetzt? Normalerweise schwirren in Rhein-Main ständig TV-Teams rum und halten einem ungefragt Kamera und Mikro entgegen. Wo sind die, wenn man sie mal braucht?

»Nächster Halt Hanau Hauptbahnhof«, verkündet der Lautsprecher, »bitte alle aussteigen, dieser Zug endet hier.«
Cut. Die Stimme bringt Normalität zurück. Ich stehe auf. Das zweite Spiegelbild ist weg. Die Bahn hält, ich öffne die Tür. Zwei Sekunden später eilt der Ohrhörer-bestückte Mann an mir vorbei, und ich mache mich auf den Weg zum Hafen.

Ja, natürlich habe ich »Ghost« und »Sixth Sense« gesehen, »Signs«, »Unbreakable«, »2001« und so weiter. Mir fallen gleich ein Dutzend Bücher und Filme ein, in denen solche Szenen vorkommen. Fiktion! Phantasie! Passiert nicht wirklich! Und dennoch stehe ich hier am hellichten Tag in Hanau und weiß, was ich gesehen habe. Stocknüchtern, wach, an einem ganz normalen sonnigen Montagmorgen.

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2 Kommentare zu „Ich seh etwas, das Du nicht siehst …

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  1. Danke! „Und dennoch stehe ich hier am hellichten Tag in Hanau und weiß, was ich gesehen habe. Stocknüchtern, hellwach, an einem ganz normalen sonnigen Montagmorgen.“
    Begegnungen der anderen Art. Sei froh, dass Du das (aushalten) kannst. Ein Geschenk! #blessed

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