Wie, alltagstauglich?

»Das ist aber nicht alltagstauglich!« Spricht’s naserümpfend, verlässt mich und meinen tätowierten Oberarm und kehrt in das Büro zurück, in dem er als Erstattungsanspruchs-Prüfer einer Krankenversicherung tätig ist.

Er, das ist Christoph. Auffällig unauffälliger Gatte meiner nicht ganz so unauffälligen Freundin Saskia und ausgestattet mit Tendenz zum Absondern politisch superkorrekter Ansichten. So korrekt, dass man beim Zuhören bequem einschlafen könnte, wäre man nicht damit beschäftigt, sich zu wundern.

Während Saskia sich einen komplementärfarbenen Fleck in die monochrome Angepasstheit ihres Gattenwesens wünscht, blüht Christoph jedes Jahr stärker auf in der Rolle des Herrn Mustermann. Ich glaube, am liebsten wäre er unsichtbar. Weil das technisch nicht klappt, begnügt er sich damit, alles Bunte zu bemäkeln.

Smallville ist eine Reihenhaussiedlung in Norddeutschland und Christoph ihr ungekrönter König. »Alltagstauglich« ist sein Lieblingswort. Kleidung, Frisuren, Autos oder Haushaltsgeräte haben ebenso alltagstauglich zu sein wie Berufe, Bewusstseinszustände, Wünsche und Sehnsüchte, sonst sind sie äbbäh.

Eine klare Antwort auf die Frage, was genau Herr Mustermann unter »nicht alltagstauglich« versteht, konnte ich ihm bis heute nicht entlocken. Ich erfuhr lediglich, dass Dinge wie 60 Zentimeter Haarlänge, Tätowierungen, mein Beruf, Telefonate mit Saskia nachts um halb drei sowie froschgrüne Schnürstiefel angeblich nicht alltagstauglich seien. Was sowohl formal als auch inhaltlich längst gegenbewiesen ist.

Die Definitionshoheit für den Begriff scheint ungleichmäßig verteilt zu sein. Umgekehrt käme ich nie auf die Idee, Krawatten oder Fernsehgucken als »nicht alltagstauglich« zu bezeichnen. Oder ihm zu entgegnen: »Moohomentchen, über meinen Alltag weißt du so viel wie eine Aprikose über Kernfusion, also halt die Backen still.« Aber das sage ich nicht, sondern trinke mit Saskia den 24 Jahre alten Mustermann-Scotch leer.

Wenn er gerade nicht laut über die Alltagstauglichkeit anderer Leute »Lebenskonzepte« (kreisch: Lebenskonzept!) nachdenkt, spricht Christoph gerne vom »grauen Alltag«, dem man gelegentlich entfliehen müsse.

Wieso fliehen? Und wieso Grau?

Jemand, der eine Splitterbombe ins Gesicht bekommt und sein Augenlicht verliert, kann von einem »grauen« Alltag sprechen. Oder Stevie Wonder. Wobei der ja nach eigener Aussage Farben hören kann, was mir nur nach Nutzbarmachung nicht ganz legaler Halluzinogene möglich ist. Aber wieso ist Herr Mustermanns Alltag grau? Testbild? Augenarzt? Psychiater?

Mein Alltag ist sowas von ungrau, dass ich manchmal den Sättigungsregler überprüfen möchte, um sicherzugehen, dass da keiner den Pegel angehoben hat. Wann wurde »Alltag« zum Schimpfwort? In der Titanic stand einmal, Alltag sei die gleichzeitige Abwesenheit von Krieg und Weihnachten. Wikipedia bezeichnet Alltag als »routinemäßige Abläufe bei zivilisierten Menschen im Tages- und Wochenzyklus.« Okay, ich blinzele routinemäßig. Und sonst?

Alltag ist für mich das, was ich mache. Essen, Schlafen, Schreiben, Lieben, Lachen, Musik und alles dazwischen. Schönes, Gruseliges, Übersinnliches, Banales. Wie könnte es etwas geben, dass dafür »untauglich« sei? Kapier ich nicht. Alltag = Leben. Alltagsuntauglich wäre demnach lebensuntauglich. Ich finde, es gibt nichts Schöneres als Alltag.

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Ein Kommentar zu „Wie, alltagstauglich?

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  1. Dass ich das nicht schon vor drei Jahren mit lauthalsem Gelächter in Pink kommentiert habe. Darf ich das mal rebloggen, liebe Kathrin? Das kam zur rechten Zeit! Der Herr Mustermann scheint nicht allbunttagstauglich zu sein. Nicht buntkompatibel. 🙂

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