Spam als Identitätskrisenprophylaxe

An manchen Tagen wacht auch der organisierteste Mensch morgens auf und weiß erstmal irgendwie nichts. Inklusive Rätselraten, welcher Wochentag in welchem Jahr grade ist. Ist menschlich, passiert mir auch. Besonders nach einer durchgearbeiteten Nacht mit anschließender kurzer, aber heftiger REM-Phase habe ich so meine Probleme mit dem Wieder-Einfädeln in das allgemeingültige Raum-Zeit-Dingens.

Wie schön, dass es wohlmeinende Zeitgenossen gibt, die einem dabei behilflich sind!

Also furchtlos das Macbook an, Kaffee nachgeschenkt, lecker Kekse dazu und warten, bis alle neuen Mails geladen sind. Geschäftskorrespondenz? Ja, auch die. Aber wirklich wichtig sind die Spam-Mails. Sie verraten mir unheimlich viel Nützliches über mein Leben, was ich andernfalls glatt vergessen würde.

So zum Beispiel, dass ich vorgestern 20.000 Euro geschenkt bekommen habe, die mir aber erst ausgezahlt werden können, wenn ich mein deutsches Konto für eine tagesaktuelle Transaktion indischer Rupien in gleichem Wert zur Verfügung stelle. Nicht zu vergessen meine mir gänzlich unbekannten brasilianischen Verwandten, die mich regelmäßig um eine Blitzüberweisung ersuchen, weil Onkel Raoul im Kampf gegen pöse pöse Terroristen ein Bein verloren hat. Oder einen eingewachsenen Zehennagel. So gut ist mein Spamportugiesisch nicht. Und ohne zwölf verschiedene Updates ebensovieler Grafikprogramme kann ich selbstverständlich auch nicht weiterleben. Außerdem darf ich nicht vergessen, gleich heute die vorteilhafte Familienpackung Viagra, eine täuschend echt gefakte Luxusuhr, ein Tütchen Lithium ohne Rezept, ein Pfund russisches Plutonium sowie ein Bündel sagenhaft potenter Aktien eines afrikanischen Solarstromanbieters zu bestellen.

Anschließend erinnert man mich netterweise noch daran, dass meine Ehefrau sexuell frustriert ist, weil ich zu früh komme und außerdem über einen unterdurchschnittlich standfesten Schwanz verfüge. Soso. Wäre mir fast entgangen. Deshalb passt mir die Jeans nicht mehr. Und ich dachte, das läge an den Keksen. Und wer hätte gedacht, dass mich gleich vier blutjunge thailändische Damen ehelichen wollen? Wie das mit meiner unbefriedigten Gattin zusammengehen soll, ist mir zwar noch nicht ganz klar, aber bestimmt kriege ich morgen eine Mail, die mir auch das in allerschönstem Ü-Bot-Deutsch erläutert.

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2 Kommentare zu „Spam als Identitätskrisenprophylaxe

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  1. Und mir wollte man eben noch schnell Facebook-Fans verkaufen – mit Ausrufezeichen! Hihi, Zeit ins Bett zu wandern und die graue Eminenz zu kraulen… 😉

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