Sammy, ein Telefon, der Alien und ich

Heute zieht es Samantha (mit englischem th, nicht Zementa) und mich zum Hafen. Schiffe gucken. Ja, trotz der Kälte. Wir teilen uns eine Portion Pommes und beobachten die beiden Eisbrecher, die mit viel Lärm das Hafenbecken durchkreuzen. Fähren und Privatboote liegen still. Nur die Frachter und Kreuzfahrtschiffe schieben sich geräuschvoll durch die kühlschrankgroßen weißen Brocken. Auf halbem Weg in Richtung Pommestütenboden fasst Sammy mit der freien Hand in ihre Jackentasche und zieht ein unförmiges Mobiltelefon heraus.

»Guck mal hier«, beginnt sie feierlich, »das Ding ist göttlich.«
»Dein neues Telefon?«
»Telefon«, wiederholt sie tadelnd, »nein, das ist ein mobiles Endgerät der allerneuesten Generation! Da passt mein komplettes Business rein. Ich brauche keinen Kalender, kein Papier, nix mehr! Hab mir unsere gesamte Logistik mit allen Terminen, Memos, Bestellungen und Mails implementieren lassen«, erklärt sie und schaut, als hätte sie auf dem Flohmarkt den heiligen Gral erstanden. »Eine Videokamera ist auch drin, ein Notepad, außerdem ein GPS Navi. Ich kann Faxe verschicken und empfangen, 800 verschiedene Internetradios hören, Kreditkarten auslesen und meine Webcam im Kinderzimmer verfolgen!«
»Und telefonieren«, hoffe ich und finde das 400 Meter lange Containerschiff, das gerade vorbeistampft, wesentlich interessanter als das Wundermaschinchen in Sammys Hand.

Doch, es sieht sehr schick aus, ganz ohne Tasten, ganz in Schwarz. Wie eine Tafel Zartbitterschokolade. Vermutlich war es nicht billig. Leider interessieren mich die diversen Features und Apps überhaupt nicht. Herd macht heiß, Kühlschrank macht kalt, Wasserhahn macht nass, Fön fönt, Telefon telefoniert. Die Tasche über meiner rechten Schulter beherbergt nebst Netbook und drei Jahre altem Telefon auch Digitalkamera, Terminkalender sowie eine A5-Kladde nebst frostsicherem Kuli und gefühlten elftausend Notizen. Hätte ich all das in einer digitalen Schokoladentafel versammelt, sähe nicht nur meine Lieblingshandtasche öd und leer aus. Ich müsste auf das sinnliche Erlebnis verzichten, meine Kladde aufklappen, die Fingerspitzen über das cremweiße Papier gleiten lassen und schreiben zu können. Für mich ebenso lustvoll wie essentiell, und durch keine App zu simulieren.

Sammy führt mir vor, wie das Gerät funktioniert. Mit einem schwarzen Plastikzahnstocher piekt sie gegen das Display und gibt buchstabenweise einen Text ein, den sie mir gleichzeitig mailen, faxen und mit der Synchronstimme von Al Pacino auf die Mailbox sprechen lassen will.

Es sirrt über uns, dann wird es plötzlich sommerlich warm. Mir fällt vor Schreck eine angebissene Pommes aus dem Mund. Aus dem Nichts materialisiert neben Sammy ein zierliches Wesen. Mit schwarzen Cargohosen, Parka, Mütze und Stiefeln sieht es aus wie ein Hafenarbeiter, wären da nicht die grünliche Haut und die auffallend schlanke Gestalt.

Der Neuankömmling greift in die Pommestüte. Ich spüre seine Hand durch das Papier. Sie ist warm und scheint unter Strom zu stehen.
»Grüße«, sagt das Wesen und schnuppert an zwei Pommes. »Wozu nimmt man das?«
»Schieb’s halt rein«, knurrt Sammy, ohne den Besucher anzusehen, und versucht, sich auf das Tippseln zu konzentrieren. Das Wesen betrachtet die Pommes, dann das Telefon, dann wieder die Pommes. Schließlich gibt es sich einen Ruck und drückt die beiden salzigen Stäbchen seitlich gegen das Telefon. Ich kann nicht glauben, was ich sehe, doch es passiert tatsächlich: Die Pommes diffundieren durch das Gehäuse ins Innere des Geräts. Sammy rutscht der Zahnstocher aus der Hand. Eine Viertelsekunde später verschwindet auch das Telefon mit einem leisen »Platsch« zwischen den aneinander schabenden Eisbrocken.
»Ja, bist du total bescheuert, Mann?« brüllt sie, so laut, dass ein Echo von den Docks gegenüber zurückgeworfen wird.
»Mann?« echot das zartgrüne Wesen verständnislos, was Sammy noch wütender werden lässt.
»Glotz nicht so doof, du Arsch«, entfährt es ihr, und ihre Stimme kippt. »Warum hast du das gemacht?«
Das Wesen scheint ehrlich betroffen.
»Du hast gesagt, ich soll sie reinschieben …«, versucht es sich zu rechtfertigen. »War da etwas Wichtiges drin?«
»Du hast ja Nerven, Alter!«, tobt Sammy.
»Ich bin 420,8 und befinde mich in der Adoleszenz«, korrigiert der Grüne sachlich. »Bis 628 studiere ich noch. Dazu bin ich hier.«
»Mir doch egal!«, erklärt Sammy verzweifelt. Ich sehe Tränen in ihren Augen glitzern.
»Mein ganzes Leben war da drin! Mein ganzes Leben!«
»Oh«, sagt das Wesen. Dann, nach einer langen Pause:
»Das muss aber klein gewesen sein.«

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2 Kommentare zu „Sammy, ein Telefon, der Alien und ich

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    1. Vielen Dank:-) ja, in diesem Punkt bin ich auch gerne »old school«. Es reicht mir völlig, dass High End Technik beim Musikmachen nahezu unverzichtbar geworden ist.

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