Wer f****n will, muss freundlich sein?

Manchmal denke ich, das Web 2.0 wurde vor allem für Menschen ohne erlebte Pubertät erfunden. Klassenübergreifend, vom 21jährigen Nerd bis zur 50+ Hausfrau wird auf so ziemlich jeder Plattform über gemeinsames Inbetriebnehmen primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale gechattet. So anschaulich, dass man schon beim versehentlichen Reinlesen klebrige Hände bekommt. Klick und weg.

(Randnotiz #1: Okay, es mag en vogue sein, wildfremden Leuten Kopulationsabsichten anzutragen. Mich aber bitte damit in Ruhe lassen. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, für die Sex etwas mit Liebe zu tun hat.)

Dass im virtuellen Raum aus Effizienzgründen die geschliffene Ausdrucksfähigkeit manchmal hinter der Spontaneität des Gesagten zurückstehen muss – geschenkt. Ich versofte auch nicht zwanghaft jede Arschgeige zur Gesäßvioline. Und wenn jemand durch unverhohlene Obszönitäten erkennen lässt, wo seine Interessen liegen, umso besser. Aber! Das Rüpelsprech hat ein glitzeranimiertes Pendant.

Da setzen sich Männer an den PC und posten Frauen, mit denen sie sich vor fünf Minuten virtuell verfreundelt haben, öffentlich Dinge wie »geliebtes Wesen, ich bin so dankbar, Dich gefunden zu haben, Du bist auf schicksalhafte Weise in mein Leben getreten und bereicherst es, genau so wie ich Deins bereichern möchte. Lass uns zu den Sternen fliegen, unsere Seelen sind eins. Ich sende Dir einen Engel, damit er Dein Sein mit Licht und Liebe erfülle. Ich denke an Dich, umarme und küsse Dich«, gerne mit Zusätzen wie »möge Dein Morgen erfüllt sein von Schmetterlingen und Regenbögen.«

(Randnotiz #2: Mein Morgen möge bitte nicht mit Insekten oder meteorologischen Phänomenen gefüllt sein, sondern mit Kaffee, Spiegeleiern auf Toast und viel Sonne.)

Virtuelle Phrasenmäher arbeiten effizient und copypasten dieses Gesülz nicht etwa exklusiv einer Frau, sondern im Dutzend. Wobei die Nummer mit der Seelenverwandtschaft ganz oben auf der Schmu-Hitliste rangiert.

Bleibt die erwünschte Sofortreaktion (Emo-Kick, Sex, Egopolitur) aus, legen sie nach. Suchen sich aus dem Profil des avisierten Kontakts Informationen, hinter denen persönliche Andockpunkte vermutet werden. Nicht etwa aus Interesse, sondern weil Mann sich an zwei Eiern abzählen kann, dass Frau in diesem Bereich empfänglich für Schmeicheleien ist und diese im Idealfall mit unverzüglichem Aufklappen ihres Telefons und/oder ihrer Oberschenkel beantwortet. Also hängt er sich rein. Und wie.

(Randnotiz #3: Es gehört natürlich immer jemand *an die eigene Nase fass* dazu, der drauf reinfällt. Wobei ich lernen durfte, dass die Erfahrung, einmal durchlebt, vor Wiederholungsgefahr schützt;-)

Anyway. Reagiert die angepeilte Dame positiv, holt der Möchtegern-Gigolo zum finalen Schlag aus. Und schreibt drei Worte, deretwegen seit Menschengedenken Herzen gebrochen und Kriege geführt werden: Ich liebe Dich. Einfach so. Wie scheiße muss ein Mensch (egal ob weiblich oder männlich) sein, der es fertigbringt, diesen Satz als digitale Wurfsendung zu missbrauchen? Was ist ein »Ich liebe Dich« wert, das inflationär an jeden hingepostet wird?

Komm, nimm das nicht so ernst, höre ich die Profi-Chatter rufen. Das macht man so, ist normal, gehört zur Show, bedeutet nix. Hä? Einspruch! mesdames et monsieurs, diese Aussage ist übelste Gehirnwäsche, mit der die sexuelle wie emotionale Verrohung gesellschaftsfähig gemacht werden soll!

Gut, also Computer aus, ab ins reale Leben, mit realen Menschen. Oder? Das digitale Gift sickert ins Reallife. Plötzlich sind Freunde nicht mehr erreichbar, weil sie Tag und Nacht mit immer neuen virtuellen Seelenverwandten konferieren. Plötzlich gibt es keinen Dialog mehr, sondern nur noch aufgewärmte Heißluft über anderer Leute Heißluft. Wer dem click-a-soulmate-Spiel verfallen ist, der wärmt sich daran. Dem geht’s wie einem WOW-Junkie. Er empfindet echte Menschen mit echten Empfindungen als komplizierte, nervige Störenfriede in seinem digitalen Königreich. Wozu sich Küchentisch-Gesprächen stellen?

Ich sehe Leute an Laptops sitzen. Voll besetztes Bistro. Keiner redet. Nein, man starrt in Browserfenster, Mundwinkel nach unten, Kämpferfalte zwischen den Augenbrauen, und »kommuniziert«, Gratis-WLAN sei’s gedankt. Ich stelle mir vor, was passieren würde, wenn ich mich nacheinander zu den Gästen setzte, ihre Laptops zuklappte und sagte: »Hey, geliebtes Wesen, ich bin sooo dankbar, dich gefunden zu haben! Du bereicherst mein Leben, genau wie ich deins bereichern möchte. Wir gehören zusammen, lass uns zu den Sternen fliegen, wir kennen uns tausend Jahre, unsere Seelen sind eins, ich liebe dich!« Spätestens bei Gast Nr. 3 würde mir der Hausherr den Vogel und dann den Ausgang zeigen.

Ob wir eine gemeinsame Basis für interstellare Ausflüge haben, zeigt sich nicht durch überfallartiges Absondern von Liebesschwüren. Sondern dadurch, dass man sich kennenlernt, und das braucht Zeit. Gemeinsam erlebte Monate, Jahre. Wieso gilt das nicht im Internet? Wieso ist es hier normal, mit ein paar Mausklicks eine Illusion von Nähe und Verbundenheit zu simulieren?

Verführerisch ist die beliebige Wiederholbarkeit dieser Erstkontakt-Euphorie mit immer neuen »Freunden«, verbunden mit dem Ausbleiben jeglicher Konsequenz. Wer sich immer neue Kontakte herbeiklickt, verhindert erfolgreich, auf seine Worte Taten folgen lassen zu müssen.

Inzwischen weiß ich, dass bei allzu routiniertem virtuellen Einsatz von Verbalerotik und schwülstig-zweideutigen Gesten mitnichten die Sache mit den Körperflüssigkeiten im Vordergrund steht, sondern eine Sucht nach Drama und Gefühlsrausch. Menschen, die so leben, haben die emotionale und sexuelle Verrohung längst verinnerlicht und müssen ihren Duktus grenzenlos überhöhen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Begegnung, Verschmelzung und Abstoßung werden wie im Borderline-Lehrbuch inszeniert, nicht wirklich gelebt. Von der vielbeschworenen Liebe haben sie keine Ahnung. Werden sie auch nie haben. Vielleicht wissen sie das? Und verhalten sich deshalb so mies?

Ich bin dennoch optimistisch. Diese Borderline-Schizo-Kommunikation, die überbordende Verbundenheit vortäuscht und dabei so leer ist wie die Restmülltonne am Dienstagmorgen, ist das letzte Aufbäumen vor einem großen Wandel. Der allgemeinen Bewusstswerdung dessen, was hier in Wirklichkeit läuft. In dieser Phase werden sich unechte Kontakte spurlos in Nichts auflösen, innerhalb eines Augenblicks. Was bleibt? Gelebte Liebe zwischen echten Menschen. Ich finde den Gedanken tröstlich.

Eine Liebeserklärung besitzt für mich einen hohen ideellen und spirituellen Wert. Ich formuliere sie niemals als Leuchtfarbe für virtuelle Reviermarkierungen. Sondern nur dann, wenn ich das damit verbundene Versprechen einlösen will.
Ich liebe Dich …
Diesen Satz würde ich gerne unter Artenschutz stellen. Damit er nicht mehr ungestraft von Cyberschwätzern, Bigamisten und anderen Gefühlsschmarotzern gejagt, erlegt und zu digitalen Faschingskostümen verarbeitet werden kann!

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© Kathrin Elfman

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