Liebe, Geist und Wortgelumpe

von Kathrin Elfman

…oder: Warum Evolution (k)ein Aprilscherz ist.

Glaubt man der konventionellen Wissenschaft, so sind vor anderthalb Millionen Jahren eine Reihe phantastischer Dinge geschehen, denn: Der Mensch fand heraus, dass die Fortbewegung auf Händen und Füßen öde sei und stand auf! Beflügelt von der neuen Aussicht fand er außerdem heraus, dass es einen Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich gibt, zwischen Jetzt und Nicht-Jetzt sowie zwischen rohem und gegrilltem Fleisch. Das Feuer wurde in diesem höchst kreativen Zeitalter ebenfalls entdeckt. Und: die S-p-r-a-c-h-e. Okay, seinerzeit eher ein deskriptives Summen, das mit Eloquenz so wenig zu tun hatte wie die Milchstraße mit einer Molkerei. Doch der Anfang war gemacht.

Von da an ging es rasant aufwärts in Sachen Reflektions- und Abstraktionsvermögen. Der Mensch wandelte sich vom impulsgesteuerten Primaten zum strategisch denkenden Geistwesen, erfand unterschiedliche, parallel bestehende Religionen, Welterklärungsmodelle, Existenzialphilosophien – und entkoppelte sogar den Orgasmus vom Fortpflanzungskonzept, hurra. Je höher sich die sprachliche Ausdrucksfähigkeit entwickelte, um so größer wurde auch das Spektrum an bewusster sinnlicher und sensorischer Wahrnehmung.

Oder unplugged: Der Mensch fand Spaß am Leben.

Heute, also anderthalb Millionen Jahre später, passiert etwas nicht weniger Gewichtiges: Die Chose kommt zum Stillstand und beginnt, rückwärts zu laufen. Erase and rewind. Politische und wirtschaftliche Führungskraft-Attrappen, Nachwuchsmodels sowie diverse Popwesen kokettieren öffentlich damit, noch niemals ein Buch gelesen zu haben. Klotzhafte Infinitivgewächse wie »Jetzt sparen!« oder »Jetzt gesund ernähren!« kämpfen in Tateinheit mit der Vorsilbe »Top« um den Spitzenplatz der semantischen Verbrechens-Hitliste. Top-Angebote, Top-Konditionen, Top-Lobotomie, Top-Dudenwegschmeißen.

Evolution braucht Möglichmacher und Mitmacher.

Die Möglichmacher der neuen Neuzeit sind Radio- und TV-Moderatoren, Politiker, SängerInnen und andere Wort-Emittenden, die vorsätzlich oder mangels Reflektionsvermögen im Auftrag der Verblödungsindustr… – oh, tschuldigung: Unterhaltungsindustrie jeden noch so schlecht gemachten Kram in die Welt pusten, auf dass er sich vermehre. Die Mitmacher wiederum sind Leute, die das Ganze kritiklos konsumieren. Sich freiwillig zu vorgeschriebenen Tageszeiten vor dem Glotzkasten einfinden und den Werbeblock ins Gehirn sickern lassen. Dabei kann es passieren, dass ein Moderator einen mäßig begabten Sänger, der einen Chart-Hit nachträllert und prompt aufgrund visueller Zielgruppen-Kompatibilität ein Casting gewinnt, jedoch kein Instrument spielt, keine Textzeile schreibt und einen Stimmumfang von einer Quinte besitzt, als »begnadeten Musiker und Songwriter« bezeichnet. Hualp. Und was soll dieses »nen«?! Selbst in etablierten Magazinen lese ich Wurpselschnurz wie »Jeff Bridges ist nen toller Schauspieler«, »Mist, nen Rotweinfleck«, »magst nen Schlückchen?« oder »Manu ist echt nen Arsch!«

*Doziermodus ein*: Die Silbe »nen« dient als Abkürzung für »einen«, während »eine« mit »ne« und »ein« mit »n« abgekürzt wird, wobei es sich um ugs. Abkürzungen handelt, die durch Apostrophierung angezeichnet werden. Apostrophe, das sind die Dingelchen, die aussehen wie Gänsefüßchen, nur andersrum. Herr Bridges wäre gem. Duden S. 35 K14 entweder ’n toller Schauspieler oder einer. Manu mag ein Arsch sein, im Zweifelsfall wäre er oder sie aber ’n Arsch. *Doziermodus aus*

Die Fähigkeit, Gedanken und Empfindungen in Worte fassen zu können, unterscheidet uns von stumpf oxidierender Biomassse.

Sprachliches Abstraktionsvermögen und die Lust an der Artikulation mögen vor dem Hintergrund des globalen Dumbing Down Konzepts elitär wirken, doch a) sind sie unverzichtbar beim Erkennen, Verarbeiten und Reflektieren der grandiosen Ideenmanifestation, in der wir uns aktuell befinden, aka Welt, Realität, Gegenwart, und b) wirken sie nur deshalb elitär, weil sich als Gegenpol eine unerträgliche Verhässlichung unserer schönen Sprache breit macht.

Auf einmal ist die Titelstory einer Tageszeitung nicht, dass Deutschland vertragsgemäß im Jahre 2099 erstmal aufhören wird zu existieren, oder dass der Kupferpreis sich in den letzten Monaten ver-x-facht hat (na, wofür braucht man Kupfer?).

Nein, auf der Titelseite prangt die Meldung, dass irgendeine blonde Soapdarstellerin Mutter wurde. Boah ey. Weil Deutschland diese Information dringend braucht. Warum kauft ein Mensch so eine Unverschämtheit auf Papier? Zuviel Geld? Jo is denn scho a End mit dr Finanzkrisn? Heavy Rotation ist kein Qualitätsnachweis. Und die inflationäre Verwendung absurder Agenturbegriffe wie Umweltprämie, Klimaschutz oder Energiesparlampe bedeutet nicht, dass der implizierte Sachverhalt tatsächlich existiert.

What comes next? Steht uns der Rücksturz ins frühmenschliche Ugga-Ugga bevor? Vergessen wir E.T.A. Hoffmann, Gaja, Woodstock, Nikola Tesla, Mileva Einstein-Maric, Sokrates und das Feuer und lassen uns zurücksinken in die wohlige Gemütlichkeit des Nichtwissenwollens, respektive auf alle Viere?

Ich bin kein Endzeit-Projizierer, im Gegenteil. Ich denke, dass die Spezies »zivilisierter Mensch« es durchaus fertigbrächte, nicht jeden Nonsens zu glauben, weiterzuverbreiten und dadurch Kriege, Lügen, Desinformation, Familien- und Völkermorde zu manifestieren. Sondern innerhalb eines einzigen Augenblicks aufzuwachen. Und sich auf das zu besinnen, was überlebenswichtig ist, wenn nichts mehr übrig ist von der Reihenhausidylle, dem IT-Netzwerk und dem virtuellen Bankguthaben. Wenn sie es nur wollte …

Ja, ich weiß: Die Möglichmacher sind schwer zu stoppen. Aber die Mitmacher, das sind wir. Und wir können es sein lassen. Wir können die Möglichmacher mit ihrem Überangebot an Geist verdummendem, Körper vergiftenden, Hass verbreitenden Mist ignorieren. Den Stecker ziehen. Etwas Konstruktives tun. Uns unser Leben zurückholen, statt es uns von Medien und Meinungsmachern zu Tode definieren und karikieren zu lassen. Freier Wille und Liebe sind, sofern existent, nicht korrumpierbar.

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