Vorsicht, Nordic Stalking!

Was für ein herrliches Wetterchen! Also Laptop aus, Joggingschuhe an und raus in die Natur. Wiesbaden ist eine Stadt, für deren Kultur- und Kneipendefizit man sich manchmal ein bisschen fremdschämt. Sie bietet aber einen Vorteil: Man ist in Nullkommanix, respektive nach 3 Ampeln, einer Stadtparkdurchquerung und vorbei an Schrebergärten mitten im schönsten Naturwald. Mit erstklassigen Joggingstrecken, die moosige Waldwege, steile Geländepisten, Sandpfade, Geröllhänge, Pferdekoppeln und Bachläufe beinhalten. Das Leben ist schön.

Mit friedlichem Belastungspuls laufe ich annähernd lautlos meinen Lieblingsweg entlang. Unter mir Felsen, federnder Mutterboden und Wurzeln, über mir das kathedralenähnlich gewachsene Dach uralter Buchen und Eichen. Ein MP3-Player ist überflüssig, der Soundtrack braucht kein Enhancement: vielstimmiges Vogelgezwitscher, Spechtklopfen, ein Eichelhäher ratscht wichtige Informationen durch die Baumkronen, ein Pferd wiehert, weiter entfernt macht ein Hirsch seine Revieransprüche geltend. Direkt vor mir hoppelt ein Hase über den Weg, bleibt stehen und wischt sich über das linke Ohr. Er guckt, als müsse er zu einem Vorstellungsgespräch. Der Wald ist voller Leben und gleichzeitig erfüllt mit einer ehrfurchtgebietenden, harzig-blumig duftenden Stille. Wunderbar. Kaum zu glauben, dass nur zwanzig Autominuten entfernt die Weltstadt Frankfurt tost.

Auf halber Strecke befindet sich eine Lichtung. Hier begrüßungsglitzert ein Bach. Er gehört zu einer Trinkwasserquelle weiter oben im Wald. Am Ufer blüht es blauorangebunt. Ich kühle meinen glühenden Kopf im Wasser, stelle fest, dass meine Kondition auch schon mal besser war und gönne mir eine Pause. Beobachte ein Reh, eine bunte Raupe und zwei Eichhörnchen. Die haben Durst und leisten mir Gesellschaft. (Wussten Sie, dass Hörnis sich flach auf den Bauch legen, um zu trinken?) Aus dem Augenwinkel erkenne ich etwas Großes, Krabbelndes an dem Baumstamm neben mir. Ein Hirschkäfer, ungefähr so lang wie mein Handy, klettert gemütlich den Stamm einer Eiche hinauf. Ich staune. Von der Existenz dieser gewaltigen Käfer habe ich schon gehört, doch mit eigenen Augen noch keinen gesehen. Die Hörnis sind weniger beeindruckt und jagen in Spiralen den Nachbarbaum hinauf. Können Eichhörnchen lachen?

Der Augenblick ist magisch. Ich fühle mich in einen dieser romantischen tschechischen Märchenfilme versetzt, bis, ja, bis ein lautes Klackern die Magie brutal zerhächselt, begleitet von Frauenstimmen.

Durchs Gebüsch schimmert Neonfarbenes, Unförmiges. Es verbreitet Stampfen und rhythmisches Polyesterrascheln. Das Phänomen kommt näher, genau auf mich zu. Die Vögel scheinen Ungutes zu ahnen und halten synchron ihre Schnäbel. Rehe, Hasen, Käfer und Eichhörnchen machen sich erfolgreich unsichtbar. Angesichts dieser Generalpause wird mir klamm zumute. Außerirdische? Fata Morgana? Schwerhörige Waldgeister in Sicherheitskleidung? Dann sehe ich: Gackern, Rascheln und Klackern werden von der selben Sorte Mensch verursacht, die manchmal auch den Park und das Rheinufer mit nervtötendem Stakkato flutet. Frauen im Nordic Walking Wahn. In diesem Falle vier.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich finde jede Art Sport lobenswert! Hauptsachte Gutfühl. Dass *Sportmedizinmodus an* das Stöcke-gen-Boden-dreschen a) die Tiefenatmung erschwert, b) mutmaßlich carpaltunnelsyndromförderlich, c) ellbogen- und schultergelenkbelastend, d) für einen ausgewogenen Bewegungsablauf hinderlich und e) weder für die Fettverbrennung noch als Kardiotraining geeignet ist *Sportmedizinmodus aus* sollte nachdenklich stimmen. Aber okay, jeder wie er mag.

Und ich mag sie nicht, diese Gestalten. Sie treiben keinen Sport. Sie pflegen einen Kult. Zu diesem gehören grellbunte Polyesterkleidung, Metallstöcke, eine bodenverdichterreife Gangart und – ganz wichtig! – dezibelstarke Stimmen, um das Polyesterrascheln, Metallklappern und Bodenverdichten zu übertönen. Sie legen eine Abneigung gegen Stille an den Tag. Und sie sind überall. Ich nenne sie NSW, für Nordic Stalking Women.

Solange sie sich in ihrer natürlichen Umgebung, sprich Stadtpark, Rheinufer oder Trimmpfad aufhalten, kann man sich mit ihnen arrangieren. Selbst wenn sie in voller Breite nebeneinander her lärmen. Im Hintergrundrauschen der Stadt versickern ihre Emissionen, was die Koexistenz erleichtert.

Anders, wenn die NSW in die stille Natur einfallen und diese mit einer Kackophonie aus Gackern, Klackern, Rascheln und Stampfen tyrannisieren. Dieser Krach ist gemein! Und so sehr ich es versuche, ich kapier es nicht. Ernstgemeinte Frage: Warum können NSW nicht mal im schönsten, majestätischsten tiefen Wald das Schnäuzchen halten? Einfach mal kurz ruhig sein, Klappe zu, Mute-Taste und Natur genießen? So schwer kann das doch nicht sein? Dann bliebe zwar das Klackerstampfgeraschel übrig, aber da Lärmreduzierung umgekehrt exponential subtraktiv funktioniert, wäre es ein Gewinn. Nein, sie halten ihre Flabberlappen nicht still. Da wird gegackert und gegrölt, getratscht und gelästert, dass man es kilometerweit hört (und versteht), denn zum NSW-Equipment gehört dummerweise kein Lautstärkeregler.

Kennt jemand noch diese Schilder aus den 70ern? Mit dem freundlichen Hinweis, sich im Wald doch bitte still zu verhalten? Ich weiß nicht mehr genau, was draufstand, erinnere mich aber an die Abbildung eines Rehkitzes, neben dem Schüttelreime zu lesen waren wie »Heilig sei der Ort, wo in stillen Waldesecken Rehe, Has, Fasanen stecken. Wo im März und Maienzeit Mutterwild und Muttersorgen, jeden Abend, jeden Morgen, Friede sucht und Schweigsamkeit. Was im Wald geboren ist, ist dem großen Gott begegnet. Und auch du seist gottgesegnet, wenn du folgsam, schweigsam bist.« Oder so.

Ich bleibe am Bachufer, massiere meine Waden und warte, bis die Horde vorbeigezogen ist. Auf dem Weg wäre eh kein Platz. Der Vorgang dauert, denn die Michelinmännchen-förmigen Sportlerinnen haben Schwierigkeiten, ihre Krachinstrumente auf dem unebenen Untergrund zu platzieren und eiern von einem Stein zum nächsten. Was sie nicht davon abhält, ohne Punkt und Komma weiterzugackern. Weiber. Ob Alice Schwarzer das mit femininem Expressionismus meinte? Ist dieser Gackerzwang genetisch bedingt, oder lernt frau das in speziellen Kursen?

Gerade als ich anfange, über einen Zusammenhang zwischen langjähriger Ehe und männlicher Schwerhörigkeit nachzudenken, verschwindet die polyesterbunte Lärmwolke hinter den Bäumen. Aaaah, Ruhe.

Zum Abschied erhalte ich einen Einblick in die Gedankenwelt der NSW. Eine erklärt so laut, dass die Schallwellen vermutlich bis zu den CIA-Horchern im Hochtaunus scheppern: »Ei des verschdeh isch net, da simmer heut scho extra ämol im Wald, un dann sieht mer kai ainsisches Tier net! Kai Rehsche, kai Vöchelsche, komisch. Wo san dann die ganse Viescher all hie?«

Ich weiß nicht, ob Bäume Ohren haben. Aber ich könnte schwören, die Eiche hinter mir hat gelacht.

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4 Kommentare zu „Vorsicht, Nordic Stalking!

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    1. Kathrin, so wunderbar beschrieben! Mein Sonntag ist gerettet! Und bitte mehr davon. Es gibt ja noch andere lebende „Merkwürdigkeiten 😉

  1. Köstlich! Nordic-Stalking! Ich stalke walke ja auch gerne, jedoch am liebsten alleine und eher so als graue Maus getarnt. Und ich freu mich über jede Begegnung mit einem Reh oder Eichhörnchen. Ganz schlimm finde ich, wenn man mit Kopfhörern durch den Wald rennt und sich von Rockmusik beschallen lässt!

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