Das gefährliche Rumstehmännchen

von Kathrin Elfman

Über Fitness-Studios gibt es eine Menge Klischees. Oft strapaziert von Menschen, die noch nie einen Fuß in eine sogenannte Muckibude gesetzt haben, aber erstaunlicherweise alles drüber wissen. Da wird über zwielichtige Gäste mit Migrationshintergrund geraunt, die angeblich Spinde aufbrechen und Pillen dealen. Oder über gummibärchenförmige weibliche Wesen mit eingebauten schrillen Soundeffekten. Auch beliebt: das Klischee vom tätowierten Türsteher, der mit finsterer Miene vor sich hin rackert. Über die einzig wahre Bedrohung beim Training wird jedoch eisern geschwiegen. Die Rede ist vom gefährlichen Rumstehmännchen.

Das gefährliche Rumstehmännchen verlässt frühestens im Alter von 30 Jahren das elterliche Nest, um parallel zum 14. BWL-Semester ein IT-Praktikum zu beginnen, eine Umschulung zur Marketingperson oder »was mit Grafik«. Man erkennt es daran, dass es unter der Last seiner Angepasstheit schier zusammenbrechend durch die Welt schlurft. Manchmal auch zu meinem Fitness-Studio. Hier lässt es sich leicht von anderen Gästen unterscheiden. Denn das gefährliche Rumstehmännchen ist in fabrikneue Marken-Sportklamotten gewandet und mit Designerbrille plus Handy-Headset bestückt. Damit sich diese Utensilien nicht so einsam fühlen, tritt das gefährliche Rumstehmännchen gerne in Rudeln von 2-5 Exemplaren auf.

Sein Training besteht darin, Sauerstoff in CO2 zu verwandeln, und zwar durch unüberhörbares Gerede mit anderen Rumstehmännchen. Meist illustriert durch unkontrolliertes Gestikulieren und raumgreifendes, hektisches Zucken. Dummerweise nicht an Orten, wo Rumstehen und Zucken gefahrlos möglich wären. Sondern, wie gestern, in einem halben Meter Abstand zu mir. Im schlimmsten Falle auf das Display meines Pulsmessers gestützt, neben dem sich die Knöpfe befinden, mit denen Gewicht, Widerstand und Wirkungsgrad verändert werden. Während ich glücksbesoffen und der Welt entrückt mit »Kyrie« von Mr. Mister im Ohr bei genau 9,3 km/h und 0,5% Steigung vor mich hinjogge. Aaaaaaaaaaaaaaaaaaargh!!!! Ganz blöde Idee, die in der Hausordnung des Studios explizit per drittem Gebot als No-Go benannt ist. Du sollst nicht Knöpfchendrückend rumstehen an deines Nächsten Trainingsgerät, oder so.

Nun bin ich beim Training grundsätzlich in glänzender Laune. Daher beginne ich keine Unterhaltung mit: »Entschuldigen Sie bitte, liebes Rumstehmännchen, obwohl ich Sie für ein ungemein unterhaltsames Evolutionspannenbeispiel halte, wirkt Ihr Verhalten nicht nur störend, sondern unterbricht auch den sachgemäßen Gebrauch der Maschine und somit mein Training. Wäre es Ihnen möglich, Ihr zweifellos lebensnotwendiges Rumstehen, Gestikulieren und Anlehnen woanders durchzuführen?«

Nein, das sage ich nicht. Auch werfe ich nicht mit Freihanteln und lasse den Trümmerbruch des Rumstehmännchenschienbeins wie einen Unfall aussehen. Obwohl dies vermutlich pädagogisch wertvoller wäre als alles, was die Rumstehmännchenmutti bei ihrem Sprössling versucht hat.

Wie wird man also ein gefährliches Rumstehmännchen los? Böse Blicke wertet es als Kontaktaufforderung, Hantelwerfen als Sympathiekundgebung, und »subtrahier dich aus meinem Aktionsradius, bevor ich aus deinem Riemchen einen Sekundärtrafo für die Rudermaschine wickle« fasst es als verbalerotisches Vorspiel auf. Aufgrund dieser bedauernswerten Unterentwicklung analytischer und empathischer Fähigkeiten vermag das Rumstehmännchen auch mit hartnäckigstem Rumstehen keine Rumstehweibchen anzulocken. Genau hierin besteht die einzige pazifistische Möglichkeit, es zu besiegen: ihm ein potenzielles Rumstehweibchen vor die Nase zu setzen und es, beseelt von Fortpflanzungsaussichten, aus dem Studio und zurück in einen neu zu errichtenden Bau im Frankfurter Grüngürtel zu scheuchen, wo es unverzüglich damit beginnt, Rumstehmöbel zu kaufen, Rumstehverlobungen zu organisieren und Rumstehkinder zu zeugen. Vielleicht sollte ich zum nächsten Training ein nettes, paarungswilliges Rumstehmädchen mitbringen und gucken, was passiert …

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