Der Glücksterror: 7 Empfehlungen für Gutfühl ohne -ismus

Nach Veganismus und Petitionismus ist Glücklichsein der angesagte -ismus in der weberelevanten Zielgruppe. Wer nicht mit Esoterikbüchern, Coachings, Meditation und Autosuggestion am persönlichen Mind Control Programm arbeitet, ist raus. Glücklichsein scheint keine freiwillige Privatsache mehr zu sein, sondern eine öffentlich zu erbringende Leistung. Wie konnte das passieren? Wann wurde aus einem entspannt-lebensfrohen »alles kann, nichts muss« dieses diktatorische »alles muss, und wer nicht kann, ist ein Versager?«

Die Erklärung ist so einfach wie unspirituell: weil es einen Haufen Geld bringt. Irgendwo zwischen Wallace D. Wattles »The Science of getting rich« von 1910 und Räucherstäbchenladen wuchs ein gigantischer Markt. Sein Motor: das kindliche Bedürfnis, es irgendwie besser haben zu wollen, ohne dabei allzu viel Soulsearching betreiben zu müssen. Die Erleuchtung möge doch bitte in handlichen Portionen auf dem Sofa serviert werden, okay?

Sehr okay, antworten geschäftstüchtige Eso-Seminaranbieter, Lichtarbeiter, Persönlichkeitsoptimierer, Channeler und Quasi-Gurus. Ob mit dem tausendseitigen »Kurs in Wundern« oder fluffigen Büchlein wie »The Secret.« Millionen Menschen schlürfen die Werke so gierig weg wie durstige Komodowarane eine Pfütze voller Mückenlarven.

Ähnlich appetitlich muten die Titel mancher Glücksterror-Klassiker an. »Sorge dich nicht, lebe!« befiehlt Dale Carnegie. 50 Jahre später ordnet Lynn Grabhorn ebenso militärisch an: »Aufwachen, dein Leben wartet!« Hacken zusammen, jawohl mein Führer. Ähm, geht’s noch? An das vertrauliche Du habe ich mich seit den 10 Geboten und dem IKEA-Katalog gewöhnt, das ist in Ordnung. Aber dieser Imperativ? Nö. In dem Ton kommen wir nicht ins Geschäft.

Dabei kann Motivations- und Selbsthilfe-Literatur so liebevoll und erbaulich sein! Louise Hay finde ich zum Beispiel klasse. Oder Gabrielle Bernstein. Inhaltlich kann ich weniger mit ihren Büchern anfangen, weil sie für eine sehr junge, unerfahrene Zielgruppe schreibt und die Themen für mich alte Hüte sind. Aber das Gesamtkonzept ist vorbildlich. Warmherzige moderne Rüberkomme, kohärentes Marketing, glaubwürdiges Auftreten, klasse.

Ein weiteres Positivbeispiel ist für mich Uta Nimsgarn, die auf kluge charmante Art die Liebesbeziehung zwischen Frauen und Geld thematisiert und damit das heikle Thema erfreulich bodenständig vermittelt. Unschlagbar in Sachen Charme fand ich auch die großartige, leider verstorbene Vera F. Birkenbihl. Warum ich diese vier Frauen mag? Sie bringen ihre Botschaft klar, sympathisch, humorvoll und unaufgeregt rüber. Ohne Dogma, Forderungen, Schuldzuweisung oder krude Ideologien, denen man sich zu unterwerfen hätte. Sie inspirieren. Und zwar ohne Leistungsdruck.

Ganz anders mancher Nachbar im Self-Help-Regal, z.B. Byron Katie, Anton Hellinger, Robert Betz, Rhonda Byrnes, Wayne Dyer und viele mehr. Oder wie ich sie nenne, die Glücksterror-Fraktion. Hier zieht sich Leistungs- und Erfolgsdruck als roter Faden durch die gesamte Konzeption. Mehr noch, an diesem roten Faden baumelt ein Damoklesschwert mit zwei Schneiden. Sie heißen Schuldgefühl und Scham. Dass es runterfällt ist so sicher wie das Namasté in der Yogitee-Diskussionsgruppe, denn Schuld und Scham gehören zum Konzept.

Das Perfide ist: Die Inhalte an sich scheinen plausibel und sind kaum angreifbar. Beispielsweise die Botschaft von »The Secret«, dass man nur fest genug an etwas glauben müsse, um es zu erlangen. Sie ist weder wahr noch falsch, sondern ein simples kosmisches Resonanzgesetz. Wir erinnern uns an die Bergpredigt: Nach eurem Glauben geschehe euch. In den Glücksterror-Büchern wird dieser Satz karikiert und zu einem gefährlichen Bumerang: Wie, du hast noch nicht, was du willst? Du lebst im Sehnen, im Mangel, bist unglücklich? Ja, dann hast du etwas falsch gemacht, du Versager. Hast das Buch nicht richtig gelesen. Loooooooser. Setzen, sechs. Ich verrate Ihnen jetzt mal ein kleines »Secret« über mich: Ich bin glücklich. Jaha! Ganz in echt und überhaupt. Geholfen hat mir dabei mein ganz privater Spickzettel mit hilfreichen Gedanken aus vielen guten Gesprächen, den ich heute gerne mit Ihnen teile. Vielleicht finden Sie darin etwas, das Ihnen guttut? Viel Spaß damit!

#1: Nicht persönlich nehmen

Natürlich merken Sie, dass im Moment gewaltige globale Veränderungen stattfinden. Diese schlagen sich in Form von Unsicherheit, Ängsten und Befindlichkeiten nieder. Entspannen Sie sich. Sie haben nichts falsch gemacht. Diese Veränderung hat nichts mit Ihnen zu tun! Nochmal, weil das wirklich wichtig ist: Es ist NICHTS Persönliches. Es passiert, weil die Zeit reif ist. Ganz egal, ob Sie stundenlang meditieren, zehn Minuten die Luft anhalten oder mit Freunden um die Häuser ziehen und sich Tequila in den Hals schütten. Wir alle sind in diesem Jetzt-Dings zu Gast und unterliegen exakt den gleichen kosmischen Gesetzen. Und wenn Sie sich nackig an die Decke hängen und mit dem Arsch Fliegen fangen, Sie können daran nichts ändern. Sorgen Sie gut für sich, Ihre Gesundheit und Ihre Lieben, mehr können Sie nicht tun. Und lassen Sie sich um Himmelswillen nicht einreden, Sie müssten sich Ihre Gedanken mit Gewalt zurechtbiegen, um nicht über den Rand der Welt zu fallen. Wer Ihnen sowas erzählt, den dürfen Sie getrost zum Müllrausbringen schicken.

#2: Guiltfree rumhänging

Jeder Mensch hat Komischfühltage. Auch ohne PMS, Wetter oder Beziehungsprobleme. Diese Tage fühlen sich zäh an. Trüb. Aggro. Mimimimi, pienz, wäh. Prompt emittieren wohlmeinende Zeitgenossen Ratschläge wie »Also, gegen deine Stimmungen musst du was machen. Ich hab sowas gaaar nicht mehr, seit ich bei diesem tollen Coaching war.« Oder: »Du hast keinen Grund, dich so zu fühlen, das sind nur deine negativen Gedanken, du musst positiver denken.« Tolle Wurst. Zur trüben Stimmung auch noch Schuldgefühle. Ich bin selber schuld, ich sollte mich nicht hängen lassen, sollte positiv denken, sollte besser drauf sein, sollte an mir arbeiten … Wissen Sie, was Sie sollten? Dieses »ich sollte« aus Ihrem Thesaurus streichen und die Eso-Klugschwätzer von Ihrer Weihnachtskartenliste. Befindlichkeiten sind keine wegzumachenden Störfaktoren. Es sind Gefühle. Menschliche Regungen. Freuen Sie sich daran, dass Sie ein lebendiger Mensch sind und keine »alles supergut« Grinsmaschine. Wenn Ihnen danach ist, alle Viere von sich zu strecken, ein bisschen rumzuheulen, Löcher in die Luft zu gucken, ein Foto von Ihrem Essen und einen Spruch dazu auf Facebook zu posten oder surreale Zentangles auf Tankquittungen zu malen, dann tun Sie’s. Spüren Sie sich. Es ist okay. Sie schulden keinem eine Erklärung. Am wenigsten sich selbst.

#3: Selber-schuld-Mindfuck? Nö.

Vor einiger Zeit führte ich ein hochinteressantes Gespräch mit einer Expertin für das posttraumatische Stress-Syndrom. Sie betreut auch Patienten, die nach einem einschlägigen Eso-Seminar zuerst auf der Welle euphorischen Größenwahns surften, um dann unvermittelt in eine Depression abzustürzen, weil sich die versprochenen Erfolge nicht herbeizaubern ließen. Statt es sportlich zu nehmen und es auf andere Weise zu versuchen, machten sich diese Menschen schwerste Selbstvorwürfe, zweifelten an sich, gaben auf. Zerschossenes Selbstwertgefühl inklusive. In einer Light-Version bergen auch die vielen Regalmeter mit Motivationsliteratur dieses Risiko, wenn man sie zu ernst nimmt. Mies gelaunt, weil sich die Sonne hinter zementgrauen Wolkenwänden versteckt? Selber schuld, du hast den »denk dich happy«-Ratgeber nicht gründlich genug durchgearbeitet. Du bist Single? Ja, kein Wunder. Ohne Persönlichkeitsoptimierung bist du nicht liebenswert. Kopfschmerzen? Selber schuld, du kontrollierst deine Gedanken nicht ordentlich. Du hast Krebs? Selber schuld, den hast du dir gezüchtet mit deinem unverarbeiteten Geschwisterkonflikt … Wird Ihnen übel bei solchen Sätzen? Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Instinkt! Ja, selbstverständlich bestehen Kausalzusammenhänge zwischen körperlichen, gesellschaftlichen oder beruflichen Sachverhalten und der eigenen Gedankenkraft. Das ist nichts Neues. Aber daraus eine Selber-Schuld-Keule zu basteln, um sich die Kasse vollzumachen, ist mies. Nicht drauf reinfallen.

#4: Gedanken beobachten statt dressieren

Kontrollieren Sie Ihre Gedanken, dann klappt’s auch mit der Million auf dem Konto/dem Traumpartner/dem Karrieresprung. Ja sicher. Und Mario Barth ist lustig. Klar kann es gut sein, sich von schwarzen Gedanken nicht zu sehr mitreißen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass Sie sich zu Positivdenk zwingen sollen. Lassen Sie sich ruhig auf das Schlechtfühl ein. Es sind nur Gedanken und Gefühle, die können Ihnen nichts tun. Beobachten Sie sie spaßeshalber einmal. Das klingt komisch, macht aber Spaß. Beobachten Sie sich selbst. Wie im Kino. Formulieren Sie, was Sie sehen, spüren, merken. Was machen diese Gefühle mit Ihnen? Wo spüren Sie sie genau? In Ihrem Körper? Oder irgendwo außerhalb? Erzeugen sie Geräusche, haben sie Farben, Formen? Ich garantiere Ihnen: Schlechtfühl benimmt sich wie ein Silberfischchen im Keller. Sobald das Licht angeht und Sie es genau anschauen, haut es ab. Vergessen Sie die gute Flasche Rotwein nicht, wenn Sie wieder hochgehen.

#5: Du kumms hier ned rein

Kaya Yanar als Bomberjacken-Türsteher, remember? Klar doch. Falls Sie so einen Türsteher noch nicht haben, könnten Sie sich jetzt einen zulegen. Denn leider ist aus unserer ehemals unterhaltsamen bunten Medienlandschaft ein blutgetränktes Psychokriegs-Schlachtfeld geworden. Die Saat der Brutkastenlüge von 1990 ist aufgegangen. Zeitungen, Magazine, Nachrichten etc. buhlen mit frei erfundenen, strategisch clever multiplizierten Horrorgeschichten um Einlass in Ihre allerprivateste Intimzone: Ihr Bewustssein. Mal kurz überlegen: Warum machen die das? Damit Sie gut informiert sind und so ein richtig schönes liebevolles gesundes friedliches Weltbild bekommen? Fragen Sie sich in einer stillen Minute bitte, ob Sie sich wirklich weiterhin freiwillig mit sinnlosen Runterzieh-Meldungen bombardieren lassen möchten. Abos kann man kündigen. Die Glubsche hat einen Aus-Knopf. Und statt sich im ICE die neuesten Horror-Schlagzeilen aufs Handy zu holen, könnten Sie mal wieder gute Musik hören. Aus dem Fenster schauen. Mit Ihrem besten Freund simsen. Ein Buch lesen. Oder ein Gespräch mit Ihrem Sitznachbarn beginnen. Zum Beispiel über das Thema Glücklichseinmüssen.

#6: Apropos Gespräch beginnen

Eine Spezialität des Glücksterrors ist, dass zwar viele Testimonials und Empfehlungen erfolgreicher supi-dupi-glücklicher Menschen in der Öffentlichkeit herumschwirren, sich aber kaum jemand traut, über Scheitern, Enttäuschung und Scham zu sprechen, wenn etwas mal wieder nicht geklappt hat. Gerade weil die »Tschakka«-Fraktion so laut ist. Wer es mit leisen Tönen hat, schweigt. Und quält sich mit verschämter Selbstkritik. Mit mir stimmt was nicht, sonst könnte ich auch Erfolgsmeldungen vorweisen. Falls das auf Sie zutrifft: Schleppen Sie diese Gedanken nicht unausgesprochen mit sich herum. Teilen Sie sich mit. Versuchen Sie nicht, die »ich bin ja sooooo erleuchtet und turboglücklich«-Mütze aufzusetzen, wenn Ihnen nicht danach ist. Sagen Sie, was Sie denken und meinen Sie, was Sie sagen. Lieber ehrlich ratlos als geschauspielert glücklich.

#7: Wenn nur noch flache Witze helfen

Manchen Situationen sind so grotesk und unglaublich, dass sich auch der ausgeglichenste Mensch gelegentlich spontan aus dem 13. Stock stürzen könnte. Lassen Sie’s bitte bleiben. Machen Sie das Fenster wieder zu und suchen Sie nach flachen Witzen. Das meine ich ernst. Je flacher, desto helf. Was glauben Sie, warum Buddhafiguren lachen? Googeln Sie das bei Gelegenheit mal, es ist interessant!

Falls Sie keinen Witz zur Hand haben, kann ich Ihnen einen wirklich guten Experten für Scheitern, Depression und Schlechtfühl empfehlen. Bitteschön:

Mehr?

–> Zur Website von Uta Nimsgarn –> http://www.uta-nimsgarn.de

–> zum Thema Geld: 11 miese Tricks, auf die man reinfallen kann, aber nicht muss.

–> mein aktueller Roman LEPLEJA LEPLEJA

Danke für die Aufmerksamkeit!

🙂

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4 Kommentare zu „Der Glücksterror: 7 Empfehlungen für Gutfühl ohne -ismus

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