Abba und der Achtsamkeitsterror, oder: Drei Wörter, mit denen du garantiert unseriös wirkst

Als Kind mochte ich die Musik von Abba. Besonders das Intervallgesinge der beiden Frauen mit ihrem schnellen Zirkusorgel-Vibrato und Oma-Terz in jedem Refrain. So schön schmalzig-durig. Genau das quillt mir heute zu den Ohren raus, und ich werde aggressiv, wenn ich nur den Anfang von »Dancing Queen« höre. Rrrrraaaah, mach aus. Schade eigentlich. Aber das passiert, wenn man etwas über viele Jahre überdosiert präsentiert bekommt, noch dazu in den unmöglichsten Situationen. Irgendwann reicht’s einfach.

So ähnlich geht’s mir mit bestimmten Wörtern und Formulierungen. Weil sie durch inflationäre, zwanghafte, missbräuchliche und unachtsame (sic!) Verwendung entwertet, entkräftet und bis zur Unkenntlichkeit verbogen wurden. Sie lauten:

  • Achtsamkeit
  • Ins Tun kommen/In die Kraft gehen
  • Sichtbarkeit.

Schöne, kraftvolle Wörter, die essentielle Sachverhalte beschreiben. Oder besser, beschrieben haben. Heute würzt so gut wie jeder Coach, Esoteriker und Vertriebler seine digitalen Angebotstexte mit diesen Begriffen, natürlich ohne Zusammenhang mit ihrer wahren Bedeutung. Da werden beispielsweise Frauen aufgefordert, »ins Tun zu kommen« oder »in ihre Kraft zu gehen«. Gemeint ist, dass sie sich irgendeinem Strukturvertrieb anschließen, Seminare buchen oder Vitaminpillen verticken.

»Achtsam« sollen wir sein, lese ich immer wieder. Gemeint ist mitnichten der tatsächlich beachtende Umgang mit Innen- und Außenwelten, sondern ein schwammiges Synonym für »irgendwie respektvoll und nett oder so.« Und zwar im schlechtesten aller Sinne. Achtsam meint im digitalen Neusprech eine kindlich-abgesoftete Kommunikation, die alles vermeidet, was trennscharf wahrnimmt, präzise beobachtet und differenziert benennt. Also eigentlich das Gegenteil von achtsam.

»Sichtbarkeit«. Würg. Der Begriff findet sich tausendfach auf den Internetseiten, in Podcasts und E-Books diverser Coaches. Man solle »sichtbar« werden mit seinem Angebot. Das war 1998 ein prima Ratschlag, aber im Jahr 2018 mit Social Media Präsenz, Bannern, sponsored Content und Newslettern ist »Sichtbarkeit« ein Synonym für »den Leuten ungefragt auf den Sack gehen«. Alles und jeder ist sichtbar bis an die Schmerzgrenze. Weshalb viele angepeilte User den Kram direkt wegklicken und sich beim Surfen eine Unsichtbarkeitsbrille aufsetzen. Digitalhygiene nennt man das. Wie Mülltüten rausbringen, nur ohne Tüte.

Was genau bedeuten die Wörter wirklich?

Gute Frage. Fangen wir an mit Achtsamkeit. Die Acht ist ein germanisches Wort, stammt aus dem 8. Jahrhundert und meint zwei Dinge. Einmal ist sie ein Synonym für Friedlosigkeit, auch Ächtung, Zwang, Notwendigkeit. Eine Acht konnte Menschen durch ein Gericht als eine Art Urteilsspruch auferlegt werden. Wer die Acht trug, war erledigt und durfte jederzeit straffrei von jedem getötet werden, der Lust dazu hatte. Daraus hervorgegangen ist im 11. Jahrhundert eine zweite Bedeutung des Wortes, die deutlich friedlicher ist und näher an unserer modernen Interpretation liegt. Sie beschreibt mit Acht geben = etwas sehr genau beobachten und analysieren (ohne es gleich umzubringen), Obacht, auch Zögern und Scheu.

Du willst wissen, was achtsam ist?

Kann ich verstehen, wollte ich auch. Weißt du, wie wir das ganz einfach rausfinden können? Wir ziehen die Schuhe aus und gehen 300 Meter barfuß durch die Stadt. Im November. Achte dabei auf alles, was du spürst, siehst und wahrnimmst. Eiskalter Bürgersteig, Steinchen, Staub, Blätter, getrocknete Kotze auf Betonplatten, Papier, Sperrmüllfragmente, plattgetretene Kaugummis, Zigarettenkippen, aggressive Anmache durch religiöse Fanatiker, die deine nackten Füße übel finden, Hundepipi, runtergerissene Wahlwerbung, Glasscherben. So achtsam bist du garantiert noch nie von A nach B gelaufen. Das Gleiche dann bitte nochmal in der Natur, ganz allein, auf einer Wiese oder im Wald. Wenn du magst, lese dich ein bisschen ins Thema Grounding ein, da stehen auch ein paar nützliche Hinweise drin. Googeln reicht in diesem Fall. Wenn du jetzt diesen Eindrücken noch aufmerksam nachspürst und sie in klare, verständliche Worte fassen kannst, bist du achtsam. Ganz von alleine. Ohne Achtsamkeitsseminar oder Coaching.

Nun zur Sichtbarkeit

Das mit den Mülltüten und der Digitalhygiene hatten wir schon. Du willst sichtbar sein? Hey, eine von vielen Möglichkeiten wäre diese: Das nächste Mal beim Einkaufen, wenn in der Kassenschlange vor dir ein alter, streng riechender Mann steht, oder eine Frau mit Kind, die Kleingeld hinzählen und dann trotzdem ein paar Artikel vom Band nehmen und dalassen müssen, weil es einfach nicht reicht, gehst du hin, sprichst die Kassiererin an und bezahlst die zurückgelassenen Artikel. Und fragst den Mann oder die Frau, ob du ihnen die Sachen schenken darfst. Was so simpel, nett und menschlich klingt, erzeugt erfahrungsgemäß hochgezogene Augenbrauen ringsum, Fragen, Applaus, aber manchmal auch Pöbeleien von anderen Kunden, im Extremfall sogar Ärger mit dem Personal. (Ja, ich mach das öfter.) Schwupps bist du nicht mehr der anonyme Kunde in der Menschenmenge, sondern sichtbar. Aber sowas von. Sogar auf allen Überwachungskameras. Will sagen: Sichtbar sein heißt nicht aus der sicheren Deckung einer Website heraus mit digitalem Schmus die Kommunikationskanäle befüllen. Sondern im Reallife wirklich DA SEIN, live, ohne Autokorrektur.

Ins Tun kommen/In die Kraft gehen

Tolle Sache, wirklich. Wenn damit allerdings gemeint ist, buche ein Seminar oder werde Teil meiner Strukturvertriebspyramide, trudelt das meilenweit an der eigentlichen Bedeutung vorbei und meint das Gegenteil.

Der mittelhochdeutsche Wortstamm zu Kraft ist sowohl männlich als auch weiblich (!) und entspringt vermutlich dem 8. Jahrhundert. Es umschreibt nicht nur Stärke, sondern steht auch für Kunst, List, Krieg, Macht, Zügellosigkeit oder Gewalttätigkeit. Heute verstehen wir unter Kraft vor allem die messbare physikalische Größe, auch im spirituellen Sprachgebrauch. Wenn von Energie oder energetischem Antrieb die Rede ist, meinen wir Kraft, die man an ihrem Wirkungsgrad messen kann. Nur: reingehen kann man da nicht. Energie-Erhaltungssatz und so. Man kann Kraft anwenden, übertragen, nutzen, umleiten oder auch ignorieren, aber nicht hineingehen. Auch wenn’s auf zahllosen Websites steht und fast cool klingt, es ist esoterisch verbrämtes Geschwafel.

Das Gleiche gilt fürs Tun. Aktivität, machen, etwas reißen, yeah. Feine Sache das. Aber »ins Tun kommen«? Das ist wie ins Runde kreiseln, im Wohnen hausen oder ins Backen brezeln. Natürlich wissen wir, was damit gemeint ist: runter vom Sofa und loslegen, womit auch immer. Wäre es nicht ehrlicher und klarer, das einfach zu sagen?

Konkret:

Statt den Leser mit einem vagen »komm ins Tun« anzuhauchen und ihn damit alleine zu lassen, warum nicht einfach sagen, was du wirklich von ihm willst? Ihm etwas verkaufen, oder ihn zu einer Übung anregen, oder vielleicht zu einem Event einladen? Was soll er machen?

Statt allgemein von »Achtsamkeit« zu reden, wäre es wirksamer und vertrauensbildender, die Hosen runterzulassen. Worauf soll der Leser denn genau achten? Um was geht’s?

Mehr und mehr »Sichtbarkeit« führt irgendwann in die Unsichtbarkeit. Siehe Abba und so. Wenn’s drum geht, einen bislang »unsichtbaren« Sachverhalt zu betonen, zu zeigen, besser auszuleuchten und wahrnehmbar zu machen – dann sag das klar und deutlich. Worum geht’s? Was hat dein angepeiltes Publikum davon? Und warum ist das wichtig?

Begriffe wie »Achtsamkeit«, »Sichtbarkeit« oder »ins Tun kommen« sind im digitalen Sprachraum wie das Gedöhns eines Streichorchesters beim Stimmen der Instrumente. Laut, aber ohne jeden Genussfaktor oder Nutzwert fürs Publikum. Das will die Komposition hören, sehen und vor allem spüren. Da sind die Leute plötzlich mucksmäuschenstill und aufmerksam. Vielleicht sogar achtsam. Und kommen ins Tun, kaufen eine CD, nehmen Musikunterricht, schreiben einen Song oder ein Gedicht, stellen sich damit auf eine Bühne und werden sichtbar. Und wer weiß, womöglich spielt am Ende jemand »Dancing Queen«. Zweistimmig. Auf einer Blockflöte.

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© 2018 Kathrin Elfman

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Literaturverweis: KLUGE Etymologisches Wörterbuch 1999 23. Auflage Walter de Gruyter, Berlin/New York

 

 

 

 

 

 

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4 Kommentare zu „Abba und der Achtsamkeitsterror, oder: Drei Wörter, mit denen du garantiert unseriös wirkst

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  1. DANKE, liebe Kathrin. Mal wieder hast Du mir aus der Seele gesprochen/geschrieben. Mir stellen sich neben den von Dir beschriebenen, inflationär „sichtbaren“ und genutzten Modeworten bei noch ein paar Begriffen und Wörtern die Nackenhaare hoch.Einer davon: „In die Klarheit gehen“ Wirkung bei mir: Kotzreiz, Klappe runter, zu. Ich danke Dir sehr! 🙂

  2. Du hast ein Wort vergessen: eigentlich. Bei „eigentlich“ verschwimmt alles. Ist es nun gemeint oder ist es nicht gemeint? Ja was jetzt? Eigentlich doch? Oder lieber nicht? …

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