Warum Toleranzismus-Toleranz untolerierbar ist

Da gibt es diese fluffigen Listen: 10 populäre Irrtümer und so weiter. Lustig. Leider fehlen auf diesen Listen zwei wichtige Irrtümer, die unser Hier und Jetzt in eine Geisterbahn verwandeln. Vermutlich weil sie so unlustig sind, dass sich keiner traut, sie hinzuschreiben. Sie heißen: »Jeder will Frieden« und »Jeder möchte in Freiheit leben.«

Beides klingt so nett und fromm. Und bestimmt wünschen sich tatsächlich viele, dass es so sein möge. Ich übrigens auch. Leider sind aber Freiheit und Frieden momentan in Deutschland so erwünscht wie ein vollgelaufener Keller.

Eigentlich wollte ich ja nur diesen Kurzfilm von Neel Kolhatkar vorstellen. Aber beim Versuch, ihn anzuteasern, sind mir so viele Parallelen zum aktuellen Gesellschaftsbild hier aufgefallen, dass ich sie nicht unerwähnt lassen will.

Der Wunsch nach Geführtwerden bewirkt schlimme Veränderungen. Die Sehnsucht nach einem Oberchef, der einem die Verantwortung fürs eigene Dasein abnimmt, nach schweren strammen Ketten, die das kuschlige Gefühl von »gut aufgehoben sein« vermitteln, verwandelt nette normale Menschen in Zombies und Hochkulturen in Kriegsschauplätze.

Ist klar, denn wer sich einer diktatorischen Führung unterordnet, braucht natürlich ein Ventil für seinen Selbsthass, sonst platzt er. In der DDR war das die IM-Spitzeltätigkeit, bei der jeder nach Belieben Leute anschwärzen konnte, bis der Arzt kam respektive das Erschießungskommando. Im aktuellen Deutschland geht das nicht so einfach. Und weil sich »ich bin ein kriecherisches intrigantes Arschloch« auf dem Klingelschild nicht so gut macht, muss das irgendwie verblümelt werden.

Wie schön, wenn jemand gleich beide Bedürfnisse erfüllt: straffe Führung und ein gesellschaftlich goutiertes Ventil für den Hass, juchz!

Ob »Politiker« oder ein anderer imaginärer »Boss«, er richtet’s, stellt Honigtöpfchen nebst Feindbildern auf, uuuuuund Action.

»Immer diese Störenfriede! Da hat man sich als Kollektiv auf ein gemütliches Knastmodell geeinigt, schon kommt jemand mit unbequemen Fragen ums Eck und nervt. Plöt. Können sie einen nicht in Ruhe lassen, diese Individualisten und Bücherleser, Intellektuellen, Künstler, Freigeister, Nichtwähler, Anarchisten und Selberdenker? Die alles hinterfragen und nicht mal Nachrichten gucken? Am besten melden, einfangen und wegsperren, das Pack.«

Liebe. Hingabe. Vertrauen. Ideenreichtum. Wahrheit. Neugier. Individualität. Kreativität. Empathie. All das sind überlebenswichtige Grundwerte und starke, gesunde Kinder der Freiheit. In einem restriktiven Regime können sie nicht überleben. Sie werden krank und mutieren zu Verrat, Lügen, Rollenspielen, Gewalt, Verderben, Abstumpfung, Wahrnehmungsverlust, zu geistiger und moralischer Degeneration bis runter auf das Niveau von Schimmelpilz.

Es fühlt sich so gut an, auf der vermeintlich »richtigen« Seite zu stehen, aaaaah. Niemand ist jemand, alle sind gleich, die Partei hat immer Recht. Endlich ruhig schlafen. Wissen, was man zu denken und wen man zu dissen hat, weit weg vom Ich, weit weg vom aufrechten Gang. Ohne Fragen, ohne Gedanken, ein gut funktionierender Knecht. Die Gitarre verbrennen, die Freiheit gleich mit. Liebe braucht auch kein Mensch –

Abstoßend, grotesk? Na, das hoffe ich doch! Für eine verstörend große Mehrheit ist diese Art zu denken bereits Normalität; abzulesen am täglich zelebrierten Zwei-Minuten-Hass (es soll ja immer noch Menschen geben, die 1984 nie gelesen haben und gar nicht wissen, was sie da allabendlich tun), am allseits so beliebten Denunzieren, Verurteilen, Zensieren und Wegducken. Es ist unbequem, aus der Reihe zu tanzen und das Richtige zu tun, klar. Aber was wäre die Alternative?

Lieber jetzt unbequem als in einem Jahr unlebbar!

Künstler wie Neel Kolhatkar tun das, wofür den Geisterbahn-von-innen-Polierern das Hirn fehlt: die Wahrheit sagen. Aufzeigen, was es bedeutet, jede noch so geisteskranke Vorgabe widerspruchslos zu akzeptieren. Noch haben wir die Wahl! Noch können wir das Ruder rumreißen, klarköpfige Entscheidungen treffen und NEIN zu diesem Irrsinn sagen, statt treudoof mitzumachen.

Kolhatkar schrieb das Drehbuch, führte Regie und ist Hauptdarsteller in diesem genialen Kurzfilm. Keine Doku. Oder doch? Auf seinem Youtube-Kanal gibt’s noch mehr von ihm zu sehen. Viel Spaß und gute Gedanken.

Video »Modern Educayshun« © Neel Kolhatkar

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2 Kommentare zu „Warum Toleranzismus-Toleranz untolerierbar ist

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  1. So also schaut das aus, wenn sich jemand erdreistet, im Dunkel der Höhle Graffitis an die Wand zu schreben und diese mit einem Filmprojektor ausleuchtet und verständlich macht.
    Das hast Du wieder ganz hervorragend auf den Punkt gebracht.

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