Wie ehrlich darf’s denn sein?

Herrgottsackzementnochmal! Ja, ich bin zornig. Und mir fehlt heute die Geduld, diesen Zorn in sozialverträgliche Ironie oder fluffigen Witz zu verpacken. Ich habe das Gefühl, von immer mehr rundgelutschen, identitätsfreien, arschkriecherischen Zombies umgeben zu sein und suche; suche nach den wenigen verbliebenen wachen, wilden freien Geistern, mit denen ich offen sprechen kann.

Oktober also. Mein Geburtsmonat. Bunt, stürmisch, verlangt nach Zwiebellook. Ich mag ihn. Den Oktober und den Zwiebellook. Schichtweise Klamotten ablegen oder dazutun, nie frieren oder schwitzen, fein. Als ich vorhin meine vier verschiedenen Tops übereinander angezogen habe und den Parka drüber, fiel mir auf, dass diese Zwiebeltechnik auch im Kommunikationsverhalten zum Einsatz kommt. Und zwar öfter, als mir lieb ist. Schichten abwerfen und stets nur preisgeben, was das Gegenüber vertragen kann. Oder lieber gleich in voller Montur bleiben. Safety first. Plötzlich weiß ich wieder, woran mich das erinnert.

Safety first

Rücksturz in die 70er Jahre. Als Kind war ich öfter in der DDR »auf Besuch«, wie man die Zwangsvergesellschaftung mit Familienfragmenten in der Zone nannte. Diese Fragmente wohnten u.a. in einem jener wuchtigen Stadthäuser in Dresden, deren Grundmauern das WKII Höllenfeuer überstanden hatten und nach dem Krieg wieder zu Wohnungen zurechtgebastelt worden waren. Groß, kalt, grau, freudlos und weit entfernt von behaglich. Heute würde man wohl sagen, »bohèmenhaft« oder »wildromantisch«. Ich fand es beklemmend. Selbst in der schwäbischen Provinz ging es gemütlicher zu, und das will was heißen.

Am beklemmendsten war nicht das unfröhliche Gebäude, sondern die künstliche Kommunikationsweise seiner Bewohner. Nie werde ich vergessen, wie die Abende abliefen: Fernseher an, dabei in bühnenreifer Lautstärke »Schaugespräche« führen. Die äußerste Zwiebelhaut ablegen und scheinbar privat sein, über Belanglosigkeiten labern, ein paar politisch korrekte Sätze über den antisozialistischen Klassenfeind im Westen, dann der liebe Pittiplatsch. Blicke galten nicht dem Gegenüber, sondern dem Flur, wo man Lauscher durch den breiten Spalt unter der Wohnungstür gut erkennen konnte. Wäre ich ein Haus, würde ich bei sowas auch grau werden und schnellstmöglich zerfallen wollen.

Warum das Theater?

Damit jeder in Hörweite mitbekommt, dass man vor dem Orwell’schen Teleschirm sitzt, brav am 2-Minuten-Hass teilnimmt und die richtige Gesinnung bekräftigt. Tja, und »in Hörweite«, diese Bezeichnung war in der DDR ziemlich elastisch. Schließlich betätigte sich fast jeder als Meldemuschi für die Staatssicherheit (auch wenn das heute gerne abgestritten wird). Nachbarn, Geschwister, Kinder, Eltern, Verkäufer, Straßenbahnschaffner, Lehrer – jeder bespitzelte jeden und leitete eifrig Informationen über sein »Objekt« weiter. Auch dann, wenn es nur so hochbrisante Dinge zu notieren gab wie »Objekt isst Erbsensuppe, vermutlich mit Schrippe« oder »Objekt masturbiert, vermutlich allein.« Meldefreudiges Wohlverhalten wurde belohnt, wenn es um den Platz auf der Warteliste für einen Trabbi, ein Gartengrundstück oder eine Lehrstelle fürs älteste Kind ging. Tu es anderen an, bevor sie es dir antun. Mit sozialistischem Gruß. Freundschaft. Jetzt schreiben wir 2017, die Mauer ist zumindest optisch weg, und ich hab ein Déjà-vu.

»Ja klar will ich, dass du ehrlich bist! Okay, sooo ehrlich nun auch wieder nicht.«

Mal die Klugscheißerbrille aufsetz: »Ehrlich« ist nicht steigerbar. Es gibt keinen Komparativ, auch keinen Superlativ. Es ist ein absolutes Adjektiv, sein Gegenteil ist unehrlich. Dennoch orte ich überall den zwar nur selten ausgesprochenen, aber kräftig ausagierten Hyperlativ. In mir, ringsrum, auf der Straße, am Flughafen, im Café, in der S-Bahn, in der Kneipe und natürlich in Social Media.

Trübe Gedanken, Sinnfragen, Trauer? Ja gelegentlich sogar leicht suizidale Empfindungen? Bloß nicht drüber reden, das könnte in der Psychiatrie enden, und außerdem machst du mir damit Angst!

Überbordende Freude, weil der beste Gig seit 20 Jahren unter Vertrag gebracht ist? Behalt das mal für dich, die Neider zerhacken dich sonst tagesaktuell.

Urgewaltige glitzerfröhliche Begeisterung für jemanden, den man erst vor fünf Minuten kennengelernt hat? Nimm deine Pillen und halt die Klappe, du bist doch keine 17 mehr.

Von stadtbekannten Migranten im Zuhälterschlitten mit Tempo 110 auf dem Zebrastreifen fast umgemäht worden? Nur nicht erwähnen, wer die Täter waren, das wäre ja rassistisch, fremdenfeindlich, äbäh.

Körperliches Unwohlsein in Gegenwart bestimmter Partygäste, weil ihre toxisch-narzisstische Attitüde zuviel Energie absaugt? Reiß dich mal zusammen, das bildest du dir ein.

Zutiefst verstört? Weil Informationen zu einem der großen non-issues entdeckt; ob Geoengineering, Social Engineering, Dumbing Down oder Gender Mainstreaming? Och Gottchen, jetzt fängst du auch mit dem Scheiß an. Aluhut, anyone?

Wann wurden eigentlich normale menschliche Empfindungen zu Diagnosen und  Straftaten umdeklariert? Und warum?

Weil alles Echte gefährlich ist, darum.

Gegenmittel zur Heilung solcher »Anwandlungen« gibt’s auch. Zum Beispiel die vielen sogenannten Lifestyle-Coaches, deren Kerngeschäft darin besteht, ihre Klienten mit allerlei Affirmationen und Hauruck-Selbstoptimierungsmaßnahmen zu harmlosen, prima funktionierenden Mitgliedern der Konsumgesellschaft zurechtzuschnitzen. Individuelles, Eigenes samt Zweifel und Befindlichkeit wird wegmeditiert, weggelächelt, wegaffirmiert, weil Störfaktoren auf dem Tschakka-Yes-you-cän-Monorail.

Auch kulturell (nun ja, so ähnlich) stehen Honigtöpfe für den kommunikativen Zwiebellook-Fake bereit. Man hat sogar ein eigenes Genre dafür erschaffen: das der Poetry-Slammerinnen, Bloggerinnen und Protestsängerinnen. Ugh, würg. Sowas wie Julia Engelmann und Genre-Kolleginnen, wahlweise bewaffnet mit Gitarre, Percussions oder iPad, und massenmedial zelebriert. Klar, weil an knallhartem Marketing-Kalkül und inhaltlicher Belanglosigkeit nicht zu überbieten. Pseudophilosophische, infantile Kalenderblattsprüche zerlegt, neu verleimt und aneinandergereiht, auf dass der Eindruck von »ich bin irgendwie voll süß, ganz doll tief und sprachlich auch ein bisschen krass, ey« entstünde.

Nein. Nicht süß, nicht tief, nicht krass. Nur langweilig und unecht.

Authentisch wirken? Finde den Fehler.

Es gibt tatsächlich Fans, die auf kleinmädchenhaftes gefallsüchtiges Getue abfahren, statt solche Acts auszubuhen und den Saal zu verlassen, wie es in einer geistig halbwegs hochstehenden Gesellschaft der Fall wäre. Und auch mal war. Himmel, wie vermisse ich die ungekünstelte Rock’n’Roll Bühnen- und Straßenmusikkultur der 80er Jahre…

Die Gegenprobe kann man machen, wenn man sich vom Sofa hochstemmt und ins echte Nachtleben bemüht. Da gibt’s tatsächlich Songschreiber und urbane Poeten, die authentisch und präzise beobachten, scharfkantig-eloquent formulieren und ihre Werke frei von semantischen Gleitcremes, künstlerisch pur und echt präsentieren. Die treten vor 30 Leuten auf, weil die Masse ängstlich Abstand hält und lieber gefakte Entertainmentprodukte bei Youtube und in der Glotze anbetet. Echtes ist gefährlich. Mit Echtem kann man sich identifizieren, das kriecht unter die Haut, rüttelt auf, inspiriert, macht wach, hält einem gleich mehrere Spiegel vor, fühlt sich nach was an und könnte, huch!! Veränderung bewirken.

Du bist die Fake News!

So wenig wie casual Friday im Büro casual ist, sondern sogar noch kompliziertere Regularien kennt als die übliche Schlipsträger-Verkleidung, ist die neue Ehrlichkeit ehrlich. Ja, man darf die eine oder andere Zwiebelschale ablegen und »mal so ganz persönlich« werden. Und auch mal die eine oder andere, von der Rechtsabteilung abgesegnete Betroffenheitsphrase raushauen. Aber unter jeder Schicht kommt immer nur eine weitere Schicht zum Vorschein. Der Kern ist unsichtbar und wird sowieso nicht mitgegessen. Schade eigentlich.

Ich möchte noch nicht mal den großen, überstrapazierten Begriff »Wahrheit« hier bemühen, der ist mir zu hoch aufgehängt. Es gibt keine absolute Wahrheit, nicht mal in der Mathematik. Nennen wir es Wahrhaftigkeit, das trifft’s. Bei Wahrhaftigkeit geht es nicht drum, seine Mitmenschen zuzupesten und alles rauszuleiern, was wie Gedanke anmutet. Es geht darum, diesen zerstörerischen Selbstzensurfilter, die wie ein Schnupfen über unser Kollektiv gekommen ist, wieder loszuwerden. Und mit sich selbst und den Menschen, die man um sich hat, Klartext zu reden. Statt verlogene, harmlose Performance-Splitter darzubieten.

Und dann das lautstarke Geweine bezüglich Fake News. Hahahahahahaha! Echt jetzt? Wie können wir uns über Fake News echauffieren, wenn wir doch selbst der personifizierte Fake sind? Ich bin die Fake News, du bist die Fake News! Ja du, der sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegt, domestizieren lässt, gefallen will, sich zensiert und zwiebelschalenmäßig nur das offenbart, was ihn möglichst reibungslos durch den Tag flutschen lässt. Nur nichts Falsches sagen. Warum denn? Menschen in den Arsch zu kriechen ist garantiert nicht der Weg, der zu ihrem Herzen führt, sondern – genau. Willst du da hin? Also, ich nicht.

Bevor jetzt hier der Räucherstäbchenalarm ausbricht: Nein, ich will nicht jede Unterhaltung zu einer wollsockigen Selbsterfahrungsgruppe umfunktionieren. Der derzeit angesagte pseudo-spirituelle Seelenstrip ist auch nur eine Show von vielen; ein Genre, das man bespielen kann, aber nicht muss. Ich bin woanders. Was beschäftigt dich wirklich? Wofür brennst du, was macht dich glücklich, wovor hast du Angst? Wo ist deine Liebe? Wo tut’s weh? Wo willst du hin? Warum bist du hier?

© 2017 Kathrin Elfman. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr Info: www.elfman.de

 

 

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4 Kommentare zu „Wie ehrlich darf’s denn sein?

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  1. Tja, Du haust hier -überallesgesehen-
    aus derselben Essenz-Wolke raus, in der ich schon lange fühle, schwebe, denke, mit kleinen Ausnahmen für mich behalte.
    Warum?
    Als freiberuflicher Künstler gefangen in diesem System,
    was mir ein kleines Einkomnen ermöglicht, und doch nur überleben lässt, kann jedes laute Outen selbst das zerbröseln,
    vor allem im Schwabenreich, wohin mich die Liebe geführt hat.

    Die Lösung: in ein Land,
    was meine Grundeinstellung,
    meinem „Ticken“ eher entspricht,
    hat beim ersten Mal 3 Jahre gehalten, dann hats mich gegen meinen Willen zurückgeworfen. Mit der Erkenntnis, auch dort werd ich nur langfristig bleiben können, wenn ich genug Geld unter der Matratze mitnehme, um die Unglaublichkeiten des menschlichen Karma-Weges abzufangen.

    Also hier genau dieses Geld versuchen anzusparen,
    und dann wieder weg.

    Klappt nicht mehr.
    Ob Gigs, Auftragslage, Umfeld, alles ist ja immer im Fluss,
    aber so gegen meinen Strom wie seit 2000, da bin ich halt in Zweisamkeit hier angeklebt,
    umgeben, von all den „ganz ehrlich“-Schwätzern, und medial-
    manipulierten Saubermännern -+-Frauen, die selbst das inzwischen garnichtmehr vorspielen müssen,
    denn kein „Skandal“ ist mehr das Wort wert, alles bleibt wundersam folgenlos, jeder wird mit „dem Sogutgingsunsnie“ + beispielhafter „Arbeitslosenstatistik-Schaumwolken“ und hundert ähnlicher Gesellschsftshilfe eingeseift,
    dass es nurnoch wehtut.

    Komisch, um mich rum, offenbar im ganzen Land so viel Depressionsmimik, und Dumpfbackheit,
    und trotzdem kann ich kaum auf meiner Augenhöhe mich austauschen, das hat auch irgendwie wie ein DDR-Geschmäckle, weil jeder Angst hat, wohl um das „Erreichte/Zugestandene“ nicht zu riskieren….

  2. Ich bin glücklich über meine Gabe, Menschen anzufassen und zu wissen was in ihrem Körper so abgeht. Da kann man mir sagen, was man möchte, ich weiß es eben besser;- Trefferqoute liegt bei 99,9% , Stirngerunzel über meinen jahrelang erfahrenen Satz : „deine Gedanken schaffen die Realität“ nehme ich nicht mehr wahr, die Energie ist eine andere geworden und wer dies nicht möchte, kommt erst garnicht in meine Nähe,- denn so funktioniert das Gesetz der Resonanz 🙂 ich danke dir für diesen wunderbaren Zwiebelvergleich und deine Wut! Auf das, für das wir brennen !!!Aloha

  3. Ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und muss sagen, ich find deinen Schreibstil einfach klasse. Total frei raus, das gefällt mir sehr gut.

    Liebe Grüße, Stephie 🙂

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